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Kopfbälle im Fußball: Genuss oder Gefahr? Das sagen Trainer, Mediziner

Große Debatte : Kopfbälle im Fußball: Genuss oder Gefahr?

In England ist das Kopfballtraining im Kindesalter verboten worden. Ein Modell auch für Deutschland? Wie Fußballtrainer, Mediziner und Wissenschaftler das Thema einordnen.

Kopfbälle gehören zum Fußball wie Lebkuchen zur Adventszeit. Kopfbälle können in ihren Bewegungsabläufen ästhetisch sein. Sie stehen aber auch für Robustheit und Kampfeskraft. Und sie können wichtige Spiele entscheiden. Etwa das Frauenfußball-WM-Finale 2003, als Nia Künzer für Deutschland in der Partie gegen Schweden per Kopf in der Verlängerung das ,Golden Goal‘ zum 2:1-Sieg erzielte – später wurde der Treffer zum Tor des Jahres gewählt.

Doch Kopfbälle rufen auch immer wieder Kritiker auf den Plan – nicht nur dann, wenn nach einem harten Luftduell Spieler benommen auf dem Rasen liegen und später Gehirnerschütterungen diagnostiziert werden. In England sind in der Diskussion über die Gefahr von Kopfbällen bereits Konsequenzen gezogen worden.  Der dortige Fußballverband untersagte das Kopfballtraining für Kinder unter zwölf Jahren. Für die älteren Jahrgänge sollten Übungen „soweit wie möglich“ reduziert werden. Es gibt sogar Empfehlungen für Profi-Fußballer, die im Training nicht mehr als zehn Kopfbälle in der Woche machen sollen – eine Anregung, die aber eher nicht auf fruchtbaren Boden fällt.

Aber warum das alles? Sollte es auch hierzulande zumindest im Kindes- und Jugendalter ein Kopfballverbot geben? Was passiert bei Kopfbällen mit dem menschlichen Gehirn? Was sagen Trainer vor Ort? Was sagt die Wissenschaft?

Wie stark wird das Gehirn bei einem Kopfball erschüttert?

Der Ball, in der Regel maximal 450 Gramm schwer, kann mit bis zu 100 Stundenkilometern auf den Kopf treffen. Beim Aufprall an der Stirn gerät das im Nervenwasser schwimmende Gehirn ruckartig in Bewegung. Dabei werden insbesondere die Faserverbindungen der Nervenzellen (die sogenannten Axone) gestaucht und gedehnt. Während ein Kopfball wahrscheinlich nicht gefährlich ist, gibt es Hinweise darauf, dass es bei einer Vielzahl von Kopfbällen zu Mikroverletzungen des Gehirns kommen kann.

Das sagt die Wissenschaft:

Laut Professor Tim Meyer, Arzt der deutschen Herren-Fußball-Nationalmannschaft und Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ist die Lage komplizierter, als sie in manchen Veröffentlichungen dargestellt werde. „Ich kann die Sorgen bei dem Thema nachvollziehen. Doch viele bislang vorliegende Studien haben nur kurzfristige Folgen des Kopfballspiels untersucht. Es braucht eine bessere Datengrundlage“, sagt er im TV-Gespräch.

Eine Studie, die für sich in Anspruch nimmt, Breitenwirkung zu erzielen, wurde von der Universität Glasgow vorgelegt. Wissenschaftler haben unter knapp 8000 ehemaligen schottischen Fußballern, die zwischen den 1930er und 1990er Jahren aktiv waren, den Zusammenhang von Kopfbällen und späteren gesundheitlichen Folgen untersucht. Das Ergebnis: Vor allem Verteidiger weisen ein erhöhtes Demenzrisiko auf, die Gefahr ist gemäß der Studie fünfmal so hoch wie für den Durchschnitt der Bevölkerung. Für sonstige Feldspieler ist das Risiko viermal so hoch. Gleichzeitig wurden für viele Krankheiten ein vermindertes Risiko und auch eine erhöhte Lebensdauer festgestellt.

Angesichts der Ergebnisse und deren Bewertung ist Meyer zwiegespalten: „Die Stärke der Studie ist die große Zahl. 8000 Ex-Fußballer, dazu rund 23 000 Vergleichspersonen – das ist eine sehr vernünftige Datenbasis. Eine Schwäche ist, dass lediglich die Todesursache untersucht worden ist. Wenn ein 70-Jähriger an Demenz stirbt, ist es ausgesprochen problematisch, dass auf das Kopfballspiel als Jugendlicher zurückzuführen.“ Zudem würden andere mögliche Umwelteinflüsse – etwa Alkohol – als mögliche Krankheitsfaktoren nicht berücksichtigt. „Deshalb bin ich für eine vorsichtigere Interpretation der Ergebnisse, als es die Autoren in der Öffentlichkeit vornehmen“, sagt Meyer.

Er spricht sich gegen ein generelles Kopfballverbot aus. Gleichwohl werde fortlaufend an Maßnahmen gearbeitet, um sorgsam mit Kopfbällen im Fußball umzugehen. So soll zum Bundesjugendtag im Januar 2022 ein neues DFB-Kopfballkonzept vorgelegt werden. Die Ideen würden zurzeit mit Trainern und Medizinern ausgearbeitet. Meyer: „Es geht da­rum, wie wir das Kopfballspiel vor allem mit Blick auf das Kinder- und Jugendtraining risikoarm ermöglichen. Es gibt bereits Empfehlungen der Europäischen Fußball-Union, die der DFB auch schon umsetzt. Sie sollen weiter konkretisiert werden.“

Leitlinien der Verbände – darum geht’s:

Ein Ziel ist die Reduktion von Kopfbällen im Training auf ein absolutes Mindestmaß. Zudem sollen kindgerechte Ballgrößen verwendet und der Druck im Spielgerät verringert werden. Und es geht um Spielformen, in denen Kopfbälle keine große Rolle spielen. „Grundsätzlich wollen wir kopfballarm spielen lassen. Gleichzeitig soll das Kopfballspiel aber weiterhin im Jugendalter eingeführt werden können“, sagt Meyer, der in diesem Zusammenhang auf Untersuchungen verweist, die die Europäische Fußball-Union (Uefa) in Auftrag gegeben hatte und die Grundlage für die Handlungsempfehlungen waren. Mit involviert: der Trierer Sportwissenschaftler Florian Beaudouin, wie Meyer am Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes tätig.

Für die Studie wurde Videomaterial von Trainingseinheiten und Spielen von 480 verschiedenen Mannschaften aus acht europäischen Ländern ausgewertet.

Die wesentlichen Ergebnisse: Junioren köpfen insbesondere unter Wettkampfbedingungen selten; die Mehrheit der Unter-Zwölfjährigen köpft im Spiel überhaupt nicht oder höchstens einmal. Der niedrigste Schnitt wurde in U-10-Partien ermittelt, gefolgt von U-16-Mädchen- und U-12-Mannschaften. Von der untersuchten Stichprobe köpften die männlichen U-16-Spieler am häufigsten. Dabei waren die Unterschiede von Land zu Land beträchtlich.

So läuft’s in der Praxis – das sagen Trainer in der Region Trier:

Obwohl das Kopfballspiel eine im Regelwerk festgelegte, grundlegende Technik im Fußball, ist, hat es aus Sicht von Andreas Schäfer, Sportlicher Leiter Jugend bei Eintracht Trier, bis mindestens zum C- und B-Jugend-Alter keinen hohen Stellenwert im Vergleich zu den anderen Techniken. Ein Grund: „Die Kinder und Jugendlichen haben Probleme mit dem Erlernen der komplexen Technik und insbesondere mit einem angst- und verletzungsfreien Zugang.“

Ähnlich die Erfahrungen beim Jugendförderverein (JFV) Bitburg: „Unsere Spielidee ist es, möglichst flache Pässe zu spielen. Vor allem beim Spielaufbau soll in allen Jahrgängen, wenn möglich, flach gespielt werden. Deshalb hat das Kopfballspiel keinen hohen Stellenwert, vor allem in den jüngeren Jahrgängen. Hohe Flugbälle und Flanken werden gezielt erst ab der C-Jugend trainiert“, berichten Hendrik Müller und André Rieder aus der sportlichen Leitung des JFV Bitburg.

Beim JFV Hunsrückhöhe Morbach wird das Kopfballspiel als Teil einer ganzheitlichen Fußballausbildung gesehen. „Das Kopfballspiel gehört somit genauso zum täglichen Training wie zum Beispiel die Arbeit mit dem schwachen Fuß, die taktische Ausbildung oder die soziale Entwicklung jeden einzelnen Spielers“, sagt Gesamtkoordinator Christian Schell.

Aber es gebe Unterschiede in den Altersklassen. Schell: „In den unteren Bereichen werden die Inhalte spielerisch vermittelt, sodass die Kinder meist unbewusst ihr Kopfballspiel und alles was dazu gehört trainieren. Grundsätzlich verfolgt unser JFV eine Spielphilosophie, bei dem der Ball möglichst flach gespielt und am Boden gehalten werden soll. Damit wird zum einen ein ,unnötiges Kopfballspiel‘ in vielen Situationen vermieden, und zum anderen ist somit ein effektiverer Spielaufbau bis hin zum Torabschluss möglich.“

Neue Ballgrößen, Luftballons oder leichte Fußbälle, dazu Spielformen mit einer geringeren Spieleranzahl und Minitore – nach Auskunft der Coaches orientieren sich die Trainingsinhalte an den Leitlinien der Uefa und des DFB für eine altersgerechte Gestaltung des Kopfballspiels im Fußball.

Wichtig ist aus Sicht von Schäfer, mit einer guten Technik unkontrollierte Stöße auf das Gehirn zu vermeiden. Er skizziert dabei einen Teufelskreis: „Beim Techniktraining muss man mit hohen Wiederholungszahlen arbeiten. Das aber ist ein großes Problem beim Kopfball, da durch hohe Wiederholungszahlen auch Schäden generiert werden können.“

Braucht es also auch hierzulande ein Kopfballverbot im Kinder- und Jugendalter?

Schäfer sieht ein generelles Verbot kritisch. Er plädiert stattdessen für angemessene und verbesserte Trainingsmittel und dosiertes Training.

Alternative Spielformen sollen ebenfalls dazu beitragen, dass andere Schwerpunkte gesetzt werden. Thomas Impekoven, neuer DFB-Stützpunktkoordinator im Fußballverband Rheinland, verweist auf die neuen Wettbewerbsformen, in denen auf kleinen Feldern im ,Zwei-gegen-zwei‘, ,Drei-gegen-drei‘ oder ,Fünf-gegen-fünf‘ auf Minitore, normale Jugendtore oder Tore mit Höhenreduzierung gespielt wird. „Die kleinen Felder und die veränderten Torformate bedingen, dass der Ball weniger hoch gespielt wird, wodurch es automatisch zu weniger Kopfball­aktionen kommt. Diese Aspekte gilt es innerhalb der nächsten Monate noch weiter zu bewerben. Einige Kreise nehmen sich diesem Thema bereits erfolgreich an“, sagt Impekoven.

Aus Sicht von Christian Schell vom JFV Hunsrückhöhe Morbach könnten Überlegungen für ein Verbot für Kinder in vielen Fällen durchaus sinnvoll sein, „da sowohl die Nackenmuskulatur zu wenig austrainiert ist als auch die Bewegungsabläufe des Kindes nicht oder noch nicht ausreichend gefestigt sind“. Für Jugendliche könnte eine Begrenzung eingeführt werden. Schell: „Das Kopfballduell nach einem Pressball oder die Weiterleitung eines Balls mit dem Kopf sehen wir eher unproblematisch. Die größere Gefahr besteht bei langen und hohen Bällen wie zum Beispiel bei Abschlägen von Torhütern oder Befreiungsschlägen der Verteidiger über das halbe Feld.“

Und was ist von Fußball gänzlich ohne Kopfbälle zu halten?

Laut Schell wurde genau diese Frage eines Fußballspiels ohne Kopfbälle in einer der vergangenen JFV-Sitzungen thematisiert: „Zum jetzigen Zeitpunkt wirkt ein Fußballspiel ganz ohne Kopfbälle fremd und ungewohnt. Zudem müssten viele Gewohnheiten, Trainingsformen und Bewegungsabläufe abgeändert und bei den Spielern ,umgelernt‘ werden.“

 Wenig von einem generellen Kopfballverbot halten Müller und Rieder vom JFV Bitburg: „Ab einer gewissen Altersstufe, spätestens ab der C-Jugend, bei der auf dem großen Feld das Zielspiel ,Elf-gegen-elf‘ eingeführt wird, kann aus unserer Sicht nicht generell auf das Kopfballspiel verzichtet werden, da ansonsten keine hohen Bälle mehr erlaubt sein dürften. Da gehört das Kopfballspiel einfach dazu. Hohe Bälle ohne Kopfbälle zu verteidigen beziehungsweise zu erobern, würde andere Gefahren wie ,Gefährliches Spiel mit dem Fuß in Kopfhöhe‘ provozieren. Fußball im Leistungsbereich mit Kopfballverbot würde das Spiel grundlegend verändern. Da müsste man in einer Pilotstudie erstmal austesten, welche Auswirkungen das konkret hätte.“