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Lieser: Kreisliga-Schiri mit internationalem Renommee

Fußball : Kreisliga-Schiri mit internationalem Renommee

Einen Neustart hat Nasuf Latifi mit seiner Familie im Moselörtchen Lieser hingelegt. Bei der Integration spielt der Fußball eine wichtige Rolle. Der Schiedsrichter bringt dabei jede Menge Erfahrung aus seiner alten Heimat Nordmazedonien mit. Pfiff er dort früher erstklassig und sogar bei internationalen Turnieren, musste er in der Region noch mal ganz unten anfangen.

Partien in der höchsten nordmazedonischen Liga begleitete er als Schiedsrichter (-assistent) und war international bei Jugendturnieren in Norwegen, Dänemark, der Schweiz oder in Deutschland im Einsatz. 15 Jahre lang arbeitete er in seiner Heimatstadt Tetovo als Sportlehrer. Das liest sich spannend – und trotzdem fasste Nasuf Latifi mit seiner Frau Ajnur irgendwann im Jahr 2019 den Entschluss, nach Deutschland auszuwandern. „Es ging um die besseren Entwicklungsmöglichkeiten unserer Kinder hier“, lässt der in Lieser sesshaft gewordene Latifi durchblicken. Im von Korruption gezeichneten südosteuropäischen Staat ist es offenbar nicht immer so leicht möglich, einen unbeschwerten Lebensweg zu gehen. „Man braucht halt bestimmte Kontakte“, lässt der 45-Jährige durchblicken.

Obwohl das öffentliche Leben seit dem Umzug durch die Corona-Maßnahmen über viele Monate hinweg stark eingeschränkt war, hat die Familie an der Mosel längst Fuß gefasst. Die Eheleute arbeiten neuerdings beide als Krankenpfleger im Cusanus-Krankenhaus im nur wenige Kilometer entfernten Bernkastel-Kues (diesen Beruf hatte er auch ursprünglich gelernt), die beiden Töchter (13 und 10 Jahre) und der sechsjährige Filius sind über das Schulleben hinaus durch Freundschaften hier verankert. Stammhalter Ylli spielt zudem bei den Bambini der JSG Mittelmoseltal. Und der Papa geht auch noch seiner großen Leidenschaft, der Schiedsrichterei, nach. Im vergangenen Sommer konnte er endlich loslegen. „Das erste Pflichtspiel, das ich pfeifen durfte, war Mitte August das B-Liga-Match des SV Klausen gegen die SG Buchholz II“, berichtet Latifi noch immer voller Stolz.

Im Zwei-Millionen-Einwohnerstaat Nordmazedonien kickte er einst selbst bis hinauf zur zweithöchsten Liga. Später fand er Gefallen an der Pfeiferei. Binnen sechs Jahren schaffte es Latifi in die erste Liga. Spitzenspiele vor Tausenden von Zuschauern in oft hitziger südländischer Atmosphäre standen unter seiner Regie, ehe er sich aufs Assistenten-Dasein konzentrierte. „Unvergessen sind die Einsätze in Europa, darunter nicht nur die Turniere, sondern auch Workshops der Uefa“, erinnert sich Latifi. Den Austausch mit Kollegen aus anderen Ländern gestaltete er als Schulfußball-Regionalleiter mit – und machte dabei auch schon mal Bekanntschaft mit Stars wie den beiden 2006er-Weltmeistern Italiens, Luca Toni und Andrea Pirlo, die er in Florenz traf.

Das Niveau in der höchsten nordmazedonischen Liga sieht er in etwa auf deutschem Drittliganiveau.  Die besten Fußballer verdienen ihr Geld als Profis im Ausland und zeigen auch in der Nationalmannschaft ihr Können. Wie etwa im Hinspiel der WM-Qualifikation Ende März, als es in Duisburg einen überraschenden 2:1-Sieg über Deutschland gab. Im Retourmatch revanchierte sich die DFB-Elf aber mit 4:0, wurde Gruppenerster. Nordmazedonien kämpft nun im Frühjahr gegen Italien um das Ticket zur Winter-WM in Katar.

 Nasuf Latifi und Italien-Star Andrea Pirlo.
Nasuf Latifi und Italien-Star Andrea Pirlo. Foto: privat

„Talente gibt es etliche im Land. Viele Kinder haben den Traum, später mal in einer europäischen Topliga zu spielen, am liebsten in der Bundesliga“, berichtet Latifi, der Fan des FC Bayern München ist. Oft fehle es in Nordmazedonien aber an der Infrastruktur, damit sich begabte Fußballer vor Ort entwickeln können: „Ich kam schon zu Spielen in der zweiten Liga, da mussten erst noch die Linien des Platzes abgezeichnet werden, und hinterher gab es kein warmes Wasser zum Duschen.“ Auch das normale Leben im Balkanstaat sei für so manchen eine Herausforderung. Monatliche Gehälter lägen oft nur zwischen 350 und 400 Euro. „Die Kosten für Lebensmittel und Energie bewegen sich aber auf einem ähnlichen Level wie in Deutschland“, weiß Latifi – und lässt anklingen, dass auch hier viele nur über (gute) Verbindungen zu mehr kommen ...

Er ist froh, mit seiner Familie den Schritt nach Deutschland gewagt zu haben. Behilflich war ihm dabei sein alter Kumpel Arben Brahimi, der schon länger in Lieser wohnt. Den Kontakt zum TuS Lieser, für den Latifi auch an den Start geht, stellte Ortsbürgermeister Jochen Kiesgen in seiner Eigenschaft als Zweiter Vereinsvorsitzender her: Anfangs habe man sich noch mit Händen und Füßen verständigt. „Mittlerweile klappt die Verständigung auf Deutsch schon sehr gut“, sagt Kiesgen und wertet das als Beleg dafür, wie gut die Familie bereits integriert sei. Ein Sprachtalent ist Latifi sowieso: Neben seiner Heimatsprache Albanisch und Deutsch kann er sich zudem auf Serbisch, Mazedonisch, Norwegisch, Türkisch und Englisch unterhalten.

Abgesehen von den Partien im Spielkreis Mosel fuhr Latifi in den vergangenen Wochen auch einige Assistenten-Einsätze in höheren Amateurligen, wie etwa am vergangenen Sonntag im Koblenzer Stadtteil Metternich, als der FC Germania mit 2:0 in der Rheinlandliga gegen die SG Malberg gewann, oder in der Woche davor in der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar beim Duell zwischen dem FV Engers und Hassia Bingen (2:1).

 Nasuf Latifi mit seinen Schirikollegen Sami Rasani (Mitte) und Arianit Besiri.
Nasuf Latifi mit seinen Schirikollegen Sami Rasani (Mitte) und Arianit Besiri. Foto: privat

„Egal, in welcher Liga: In Deutschland herrscht rund um die Spiele eine perfekte Organisation. Hier funktioniert alles. Da kann man sich voll auf seinen Einsatz konzentrieren“, betont Latifi. Dass er in dem auf junge Unparteiische ausgerichteten Fördersystem des DFB keine großen Aufstiegschancen mehr hat, ist ihm bewusst. Trotzdem ist er mit großem Eifer bei der Sache: „Fußball ist Fußball. Ich lebe und liebe diesen Sport.“

Als Uefa-Trainer-B-Lizenz-Inhaber, der einst eine Fußballschule geleitet hat, will er auch in seiner neuen Heimat in die Jugendförderung einsteigen und würde gerne irgendwann mal das Coaching von Nachwuchsschiris übernehmen. Erzählen kann Latifi seinen Schützlingen dann einiges – etwa von den emotionsgeladenen Erstligaspielen auf dem Balkan und Begegnungen mit früheren Weltmeistern.