Eintracht Trier: Milad Salem: Flüchtling, Fußball-Profi, Feuerkopf (mit Video)

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Obwohl er nach eigener Aussage mehrere Anfragen aus den Regionalligen hatte, entschied sich Milad Salem nach einjähriger Vereinslosigkeit für die Fußball-Oberliga, für Eintracht Trier. Der vierfache afghanische Nationalspieler ist auf Anhieb die erhoffte Top-Verstärkung. Nun will der 31-Jährige seine gute Bilanz gegen die TuS Koblenz ausbauen.

Milad Salem will mit Eintracht Trier hoch hinaus. Mit dem TV ist der 31-jährige Mittelfeldspieler schon mal abseits des Rasens nach oben gerauscht.  Auf 80 Meter, mit dem derzeit in Trier aufgebauten City Skyliner. Salem packt sein Handy raus und filmt über den Dächern der Römerstadt. Ein Appetithappen für Teamkollege Jason Thayaparan, der auch noch die Stadt von oben erleben will. „Mir gefällt’s sehr gut. Trier ist sehr schön, sehr gemütlich“, sagt Salem, der in Mertesdorf im Ruwertal wohnt.

Mit der Eintracht ist der Saisonstart geglückt. Eine Hürde auf dem Weg zum angestrebten Aufstieg ist am Samstag das Heimspiel gegen die TuS Koblenz im Moselstadion (14 Uhr). „Wir müssen auf dem Platz einen Mix aus Entspanntheit und Aggression finden“, sagt Salem, der beim Fußball gerne mal zum Feuerkopf wird. „Wenn mir etwas nicht passt, haue ich schon mal auf den Putz“, sagt der 31-Jährige, der bei seinen vorigen Stationen schon einige brisante Duelle erlebt hat. Etwa mit Elversberg im Derby gegen Saarbrücken. Ober mit dem VfL Osnabrück bei der benachbarten Arminia aus Bielefeld.

In der Saison 2018/19 war Salem vereinslos. Nach eigener Aussage gab’s für die aktuelle Spielzeit mehrere Anfragen aus den Regionalligen. Doch Salem entschied sich für die Eintracht. „Ich wollte nicht 600 Kilometer von meiner Familie entfernt bei einem Verein im Mittelfeld oder gegen den Abstieg spielen. Ich wollte zu einem Team, das um den Aufstieg kämpft.“ Das ist das Ziel der Eintracht – und Trier ist vom hessischen Offenbach, wo Vater, Mutter, Geschwister, Cousins und Onkel leben, nur rund 230 Kilometer entfernt.

Stadt, Stadion, Ambitionen: Milad Salem (Eintracht Trier) im City Skyliner

„Trier ist eine Herausforderung“, sagt Salem, der bis 2021 unterschrieben hat. Er bringt die Erfahrung aus 100 Drittliga-Partien ein. Dennoch könne auch er noch viel lernen: bei Laufwegen, im Kopfballspiel, im Verhalten beim Torabschluss. In seiner Karriere kam er bislang meist über die Flügel, in Trier ist er auf einer Achter-Position mehr in der Mittelfeldzentrale unterwegs.

Gebürtig stammt Salem aus Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. 1990 floh er mit der Familie über Moskau und die damalige Tschechoslowakei nach Deutschland. Salem war damals zwei Jahre alt. Schlepper kassierten nach seiner Aussage für die Flucht viel Geld. Salem kam in Bremen in ein Flüchtlingsheim, die erste Wohnung bezog die Familie in Bremerhaven. Von dort ging’s später ins Rhein-Main-Gebiet, wo Salem in der Jugend von Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt spielte.

Foto: privat

In Kabul war Salem seit der Flucht nicht mehr. Die unsichere Lage im Land fordert ihren Tribut: „Mich trifft sehr, was in Afghanistan los ist. Durch Machtspiele geht das Land kaputt.“ Der gläubige Muslim besitzt die deutsche und afghanische Staatsbürgerschaft. Als 16-Jähriger, als er mit dem Bundesliga-Team von Eintracht Frankfurt trainieren durfte,  träumte er davon, deutscher Nationalspieler zu werden. Auswahlspieler wurde er – allerdings für Afghanistan.

Ende 2016, als er bei Holstein Kiel unter Vertrag stand, machte er sein erstes von insgesamt vier Länderspielen – in Tadschikistan. Die weiteren Gegner: Vietnam und Kambod­scha. Alle Partien wurden außerhalb Afghanistans ausgetragen. „Die Anreise nach Tadschikistan war abenteuerlich. Ich war rund 19 Stunden unterwegs. Aber es hat sich absolut gelohnt. Es ist etwas ganz Besonderes, im Nationaltrikot auf dem Rasen zu stehen und die Nationalhymne zu hören“, sagt Salem.

Foto: TV/Mirko Blahak

Aktuell beschäftigt er sich  nicht mit dem Nationalteam. Seine Konzentration gilt Eintracht Trier. Und dem brisanten Duell am Samstag mit der TuS Koblenz.

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