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Nürburgring: Neue Geschäftsführer erläutern ihre Pläne

Interview Ingo Böder & Christian Stephani : Formel 1 am Nürburgring: „Emotional gehört sie hierhin“

Der Ring ist Rennstrecke, Konzert-Arena, Standort für Firmen-Events und Testareal für die Industrie. Was wird in Zukunft aus der ,Grünen Hölle‘? Die beiden neuen Bosse erläutern im TV ihre Pläne.

Mit Beginn des Jahres 2022 wurde am Nürburgring eine neue Zeitrechnung eingeläutet. Als Nachfolger des im Sommer vergangenen Jahres auf eigenen Wunsch hin ausgeschiedenen Geschäftsführers Mirco Markfort haben Christian Stephani und Ingo Böder als Doppelspitze die Arbeit als Geschäftsführer der Nürburgring 1927 GmbH & Co. KG, der Betreibergesellschaft der Rennstrecke in der Eifel, aufgenommen.

Im TV-Gespräch erläutern die beiden neuen Chefs, wie sie die 95 Jahre alte Rennstrecke in eine wirtschaftlich verheißungsvolle Zukunft führen möchten.

Herr Stephani, Herr Böder, Sie haben am 1. Januar Ihre neuen Tätigkeiten als Chefs des Nürburgrings aufgenommen. Wie verliefen die ersten Tage?

Stephani: Ich musste nicht bei null anfangen. Ich habe meine Wurzeln im Vertrieb unserer Gesellschaft und dort acht Jahre lang Erfahrungen gesammelt, bevor ich 2019 Geschäftsführer der Nürburgring Langstreckenserie wurde. Das hat mir noch einmal einen ganz anderen Blickwinkel auf das motorsportliche Geschehen gegeben. Aber natürlich waren die ersten Tage gefüllt mit vielen Terminen, mit Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Böder: Die ersten Wochen sind auch bei mir von vielen Terminen und Gesprächen geprägt. Da die operative Durchführung der Großveranstaltungen zu meinen Kernaufgaben gehört, gibt es hier gerade viel zu besprechen. Zudem gilt es, bestehende Kontakte zu vertiefen und neue aufzunehmen. Hier kann ich meine 17-jährige Erfahrung in einer großen Eventagentur mit einbringen. Wir haben mit ,Nature One‘ auf der ehemaligen Raketenbasis Pydna eines der größten europäischen Festivals elektronischer Musik organisiert.

Nürburgring: Neue Geschäftsführer erläutern ihre Pläne
Foto: -/Picasa

Wo sehen Sie den Vorteil einer Doppelspitze bei der Bewältigung der vielfältigen Aufgaben, die auf Sie zukommen?

Stephani/Böder: Als Doppelspitze, die das Unternehmen vertritt, sind wir auch auf der operativen Ebene bestens verzahnt. Jeder von uns beiden hat gewisse Kernbereiche, die er  verantwortet.  Deshalb müssen wir nicht beide bei jeder Besprechung und jeder Entscheidungsfindung gleichzeitig mit am Tisch sitzen. Das vereinfacht vieles. Die größten Vorteile sind die, dass wir einfach näher an den Mitarbeitern und den Prozessen sind – und dass die Entscheidungswege kürzer sind.

Herr Böder, wie kann der Nürburgring seine Attraktivität und seine Alleinstellungsmerkmale in Zukunft optimieren?

Böder: Unser bestes Argument ist unsere Vielseitigkeit. Wir bieten für den Industriepool, der auf der Nordschleife seine Fahrzeuge optimiert,  genauso beste Voraussetzungen wie für Firmen jeder Größenordnung, die ihre Tagungen und gesellschaftlichen Veranstaltungen bei uns abhalten. Wir haben eine multifunktionale Teststrecke mit der Grand-Prix-Strecke und mit der Nordschleife. Eines unserer wichtigsten Aufgabenfelder dort ist eine fortschreitende Digitalisierung.  Wir möchten in möglichst kurzer Zeit eine voll digitalisierte Nordschleife aufweisen, um die Sicherheit auf der Rennstrecke weiter zu erhöhen und die Anforderungen der Zukunft bestmöglich abzudecken.

Der Nürburgring ist für viele Menschen auch Arbeitgeber. Wie ist deren Zukunftsperspektive? Wird es auch für die nachfolgende Generation in zehn oder 20 Jahren noch genügend Arbeitsplätze an einem dann voll digitalisierten Standort geben?

Stephani/Böder: Wir sind uns unserer Verantwortung als Arbeitgeber bewusst. Das ist kein leeres Schlagwort, wir stammen beide aus der unmittelbaren Nähe des Rings, sind hier aufgewachsen. Jeder von uns kennt Leute, für die der Ring Broterwerb ist.

Unsere ersten Maßnahmen werden kurzfristiger Natur sein. Aufgrund von Corona mussten insbesondere 2020 und in Teilen auch noch 2021 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt werden. Dieses Kapitel ist seit 2022 beendet. Alle sind wieder an Bord. Arbeitsplätze haben wir in dieser Zeit nicht verloren. Im Gegenteil: Wir haben gerade viele offene Stellen, für die wir Personal suchen und Themengebiete, deren Teams wachsen werden. Die Region, die in vielen Teilen auf Tourismus und Gastronomie ausgerichtet ist, soll natürlich weiter von Veranstaltungen und den Angeboten des Rings profitieren. Hier kommen zehntausende Menschen zu uns. Diese Bereiche möchten wir auf jeden Fall weiter bespielen und teilweise ausbauen.

Herr Stephani, Sie haben als Geschäftsführer die Entwicklung der NLS in den vergangenen drei Jahren mitverfolgt und mitbestimmt. Diese Serie ist mit neun Rennen pro Saison über vier oder sechs Stunden und Tausenden von Fans an der Strecke die DNA der Nordschleife. Wie wird sich die NLS weiter entwickeln? Werden die Fans die Serie in Zukunft  mittragen?

Stephani: Der Motorsport ist im Wandel. Wir werden uns als Nürburgring breit aufstellen und die Entwicklungen weiterhin verfolgen. Wir sind seit 1927 ein Entwicklungs- und Erprobungsstandort. In Zukunft wird es um mehr gehen, als alleine um die Elektro-Mobilität. In der Langstrecken-Serie wird es zum Beispiel in diesem Jahr zum ersten Mal eine Klasse für hybridisierte Fahrzeuge geben.

In den kommenden vier oder fünf Jahren wird sich der Motorsport wahrscheinlich zunehmend ändern. Dennoch wird der Verbrenner auch in den nächsten Jahren noch eine dominierende Rolle spielen. Die Fans kommen wegen packendem Rennsport und der einzigartigen Rennstrecke. Und auf diese Kombination können wir uns alle weiterhin freuen.

Was wird in Zukunft aus den großen jährlichen Motorsport-Events am Ring, die Zehntausende Besucher angezogen haben? Also etwa das 24-Stunden-Rennen, der Truck-Grandprix, der historische Motorsport oder internationale GT-Rennen?

Stephani: Der Motorsport ist und bleibt eine unserer Kernkompetenzen und eine besondere Faszination. Im Moment ist natürlich durch Corona vieles anders als sonst. Jedoch haben insbesondere die Motorsport-Formate gezeigt, dass dieser Sport selbst in Pandemiezeiten funktioniert. Vor der Pandemie waren die Rennserien auf einem sehr guten Weg, zunehmend mehr für den Zuschauer zu bieten und die Besucher noch mehr in das Geschehen zu involvieren. Wir als Nürburgring leisten auch unseren Beitrag und haben zum Beispiel in eine eigene Videowand investiert. Ich denke, dass sich durch verschiedene Bausteine in Zukunft das Besucher-Erlebnis weiterentwickeln wird.

Böder: Zudem ist der Nürburgring mehr als Motorsport. Wir haben auch noch weitere Formate – wie zum Beispiel ,Rad am Ring‘ oder den StrongmanRun. Also Events, die nicht nur durch die Zuschauer leben, sondern es jedem auch ermöglichen, selbst teilzunehmen und den Nürburgring einmal ohne Motor zu erleben.

Was nehmen Sie beide mit in Ihre zukünftigen Bemühungen: Worauf können Sie aufbauen zum Beginn ihrer Arbeit?

Stephani/Böder: Da ist zum einen ein Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das sich voll mit dem Ring identifiziert, und zwar sowohl beruflich als auch emotional. Ohne diese besondere persönliche Beziehung zum Ring geht es nicht. Außerdem sind unsere Rennstrecken von März bis November zu 100 Prozent ausgelastet, wir haben in der Regel über 400 Firmenkunden-Veranstaltungen im Jahr. Das ist ein riesiges Potenzial.

Der Nürburgring stand lange Jahre im Schatten negativer Schlagzeilen, belastet das Ihre Arbeit noch?

Stephani/Böder: In den vergangenen Jahren hat sich durch ein engagiertes und eingespieltes Team viel zu einer positiven Darstellung des Nürburgrings hin verändert. Das Bild, das man heute vom Nürburgring als Rennstrecke, aber auch als Eventlocation und als Vertragspartner hat, hat sich entscheidend zum Positiven gewandelt.

Herr Böder, wird es in diesem Jahr ,Rock am Ring‘ geben können?

Böder: Rock am Ring ist immer der Auftakt des Festivalsommers. Die Gespräche und Planungen mit dem Veranstalter laufen gut. In der Branche gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, wonach man 100 Tage vor der Show Gewissheit über die Durchführbarkeit haben sollte. Die pandemische Entwicklung können wir nicht beeinflussen, aber ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und sage: Ja, es wird in diesem Jahr Rock am Ring geben.

Herr Stephani, ein Gespräch über den Nürburgring kann man nicht ohne das Thema Formel 1 beenden. Was können Sie uns dazu im Moment sagen?

Stephani: Die Kontakte zum Eigentümer Liberty Media sind nach dem Rennen im Oktober 2020 nie abgerissen. Wir sind zu Gesprächen immer bereit. Es geht letztendlich aber auch generell um ein Rennen auf deutschem Boden. Deshalb stimmen wir uns bei den Gesprächen auch mit Hockenheim ab. Am Ende des Tages muss für uns wirtschaftlich alles passen. Wir sind grundsätzlich wirtschaftlich nicht abhängig von der Austragung eines Formel-1-Rennens auf dem Nürburgring. Emotional gehört die Königsklasse aber einfach hierhin. Das ist unsere Überzeugung.

Abschließende Frage an Sie beide: In fünf Jahren wird der Ring 100 Jahre alt. Ist das noch zu weit weg oder beschäftigen Sie sich schon mit diesem Thema?

Stephani: Das Thema werden wir ganz bestimmt groß fahren, aber im Moment müssen wir zunächst einmal die aktuellen Hausaufgaben machen.

Böder: Ich wäre ein schlechter Eventmanager, wenn ich dafür nicht schon mindestens 20 Ideen im Kopf hätte.

Das Interview führte Jürgen C. Braun