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Olympiain China: Sebastian Heilmann, Uni Trier: IOC ist in der Klemme

Olympische Winterspiele in Peking : Trierer China-Experte: „Das IOC steckt in einer diplomatischen Klemme“

In drei Wochen werden die Spiele in Peking eröffnet. Der profilierte China-Forscher Sebastian Heilmann von der Uni Trier ordnet im TV-Interview die Kritik am Ausrichter sowie die Rolle des ,Westens‘ und des Internationalen Olympischen Komitees ein. Er plädiert für einen politischen Boykott der Spiele.

Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Corona-Politik, Nachhaltigkeit: Die Olympischen Winterspiele im Februar in Peking stehen gleich aus mehreren Gründen im Kreuzfeuer der Kritik. Was ist berechtigt? Wer trägt Verantwortung? Wer hat versagt? Welche Konsequenzen müssten gezogen werden? Im großen TV-Gespräch bezieht der ausgewiesene China-Experte Sebastian Heilmann von der Universität Trier Stellung.

Herr Professor Heilmann, Sind Sie ein Wintersport-Fan?

Heilmann: In der Familie ist der Wintersport schon ein Thema. Aber ich bin nicht versessen darauf, auf Skiern in den Alpen unterwegs zu sein.

Freuen Sie sich dennoch auf die Olympischen Spiele in Peking?

Heilmann: Ich werde einige Wettbewerbe am Bildschirm verfolgen, ja. Eishockey interessiert mich dabei mehr als Curling. Aber vor allem schaue ich auf die Wirkung der Spiele in China und außerhalb Chinas.

Inwieweit wird die chinesische Staatsmacht versuchen, Olympia für eigene Zwecke zu nutzen?

Heilmann: Olympia ist traditionell eine Leistungsschau für autoritäre Systeme – nach innen und außen. Die Winterspiele sind für China dabei nochmal eine besondere Herausforderung, da Wintersport in dem Land keine große Tradition hat. Wintersportarten sind nicht eta­bliert. Es musste deshalb ein System für Wintersportarten aus dem Boden gestampft werden.

Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Corona-Politik: Wie gerechtfertigt ist die massive Kritik an den Spielen, die sich zuletzt Bahn gebrochen hat?

Heilmann: Sie ist auf jeden Fall gerechtfertigt. Aus der Sicht von freiheitlichen Gesellschaften hat sich China seit den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking sehr verändert. Damals gab es auch schon viel Kritik. Aber die Spiele 2008 waren irgendwo noch ein Zeichen für Weltoffenheit, für die Einbindung Chinas in die Welt. Es gab ein Zugehen auf Ausländer, mit freiwilligen Helfern, die Englisch lernten.

Seit 2013, als Xi Jinping Staatspräsident wurde, hat sich China stärker verschlossen. Die Olympischen Winterspiele jetzt werden nicht im Zeichen der Weltoffenheit stehen, sondern im Zeichen von staatlicher Kontrolle und Lenkung. Das Land hat inzwischen eine andere Position in der Welt – und eine totale Kontrollfixierung im politischen System.

Die Auseinandersetzung mit den Themen Menschenrechte und Meinungsfreiheit müssen wir ernsthaft führen, weil es in China inakzeptable Entwicklungen gibt.

 Das Internationale Olympische Komitee mit seinem Chef Thomas Bach (im Bild) sieht Sebastian Heilmann in einer komplizierten Lage, nicht nur wegen der Zerschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong (Foto unten). 
Das Internationale Olympische Komitee mit seinem Chef Thomas Bach (im Bild) sieht Sebastian Heilmann in einer komplizierten Lage, nicht nur wegen der Zerschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong (Foto unten).  Foto: dpa/Jean-Christophe Bott

Darf sich der Westen über die Winterspiele in China aufregen, wenn er selbst die Ausrichtung ablehnt? St. Moritz, München, Stockholm oder Oslo – überall gab’s Gegenwind für eine Bewerbung 2022 aus der Politik und/oder aus der Bevölkerung.

Heilmann: Olympische Winterspiele haben vielerorts nicht mehr den Stellenwert, den sie früher hatten. Regierungen und Regionen unterstützen sie nicht mehr mit voller Begeisterung. Manche Bewerbungen für die Spiele 2022 wurden nur mit angezogener Handbremse angegangen.

In China war das anders. Die Staatsmacht nutzt und braucht Olympia als Bühne. Entsprechend ist sie bereit, die notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. China soll als aufstrebende globale Führungsmacht dargestellt werden.

Damals, bei der Vergabe 2015, und heute buhlt die Weltgemeinschaft in vielen Bereichen um die Gunst von China. Ist deshalb die Empörung nicht auch ein Stück weit heuchlerisch?

Heilmann: Wir haben einen System- und Wertekonflikt. Sehr viele Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren vom Engagement Chi­nas – Stichwort ‚Neue Seiden­straßen‘. Das heißt: Der Westen hat nicht mehr das Monopol auf die Bewertung von gesellschaftlichen Entwicklungen in der Welt. Politische Maßnahmen, die wir in Europa aufgrund unserer historischen Erfahrungen als totalitär ablehnen, werden aus dem Blickwinkel autoritär regierter Schwellenländer als Fortschritt und Modernisierungsprogramm interpretiert.

 12.06.2019, Hongkong: Polizisten stehen Wache, während Demonstranten sich mit Regenschirmen in der Nähe des Legislativrates schützen.   Mit Regenschirmen schützen sich die Demonstranten gegen die Polizei. Außerdem sind die Schirme in Hongkong ein Zeichen für Protest. Foto: Kin Cheung/AP/dpa - ACHTUNG: Dieses Foto hat dpa bereits im Bildfunk gesendet - Honorarfrei nur für Bezieher des Dienstes dpa-Nachrichten für Kinder +++ dpa-Nachrichten für Kinder +++
12.06.2019, Hongkong: Polizisten stehen Wache, während Demonstranten sich mit Regenschirmen in der Nähe des Legislativrates schützen. Mit Regenschirmen schützen sich die Demonstranten gegen die Polizei. Außerdem sind die Schirme in Hongkong ein Zeichen für Protest. Foto: Kin Cheung/AP/dpa - ACHTUNG: Dieses Foto hat dpa bereits im Bildfunk gesendet - Honorarfrei nur für Bezieher des Dienstes dpa-Nachrichten für Kinder +++ dpa-Nachrichten für Kinder +++ Foto: dpa/Kin Cheung

Die Zerschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong, ein von Beobachtern diagnostizierter kultureller Genozid an der muslimischen Bevölkerungsgruppe der Uiguren, keine freie Berichterstattung, der Fall Peng Shuai – müsste sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit Blick auf China nicht viel stärker zu diesen höchst problematischen Themen positionieren, um mit Nachdruck die eigene Charta zu verteidigen?

Heilmann: Wir sollten uns ein Urteil über das IOC nicht zu leicht machen. Das IOC tritt dafür ein, dass Olympische Spiele auch dann stattfinden sollen, wenn es Konflikte gibt. Diesen friedensstiftenden Ansatz halte ich für eine besondere Attraktivität der olympischen Idee. Olympische Spiele sollen Friedensspiele sein, auch in einem politisch aufgeladenen internationalen Kontext, sogar zwischen erklärten Feinden.

Das IOC steckt deshalb in einer bösen diplomatischen Klemme. China wird immer wichtiger, in allen internationalen Organisationen. Das Land gewinnt immer mehr Einfluss, auch wegen großer Finanzierungsbeiträge. Und das IOC kann China nicht einfach die Spiele entziehen. Denn das wäre das Ende der olympischen Idee.

Diese immer wieder propagierte sportpolitische Neutralität: Wie zynisch ist sie, wenn Länder, die Menschenrechte mit Füßen treten, gleichzeitig das IOC mit Milliarden alimentieren?

Heilmann: Auch in vielen UN-Organisationen werden Chinas Finanzierungsbeiträge und Führungskräfte immer wichtiger. Das ist Chinas Aufstieg zur Supermacht geschuldet. Das Land rückt vor an Stellen, an denen sich beispielsweise die USA zurückziehen. Wenn wir verhindern wollen, dass China in internationalen Organisationen immer stärker an Einfluss gewinnt, dann müssen wir mit wirkungsvollen Finanzierungs- und Handlungsprogrammen dagegenhalten.

Häufig wird argumentiert: Großveranstaltungen wie Olympia können zu einem politischen und gesellschaftlichen Wandel in den Ausrichterländern führen. Ist das eine Mär, wenn man sieht, dass sich die Menschenrechtssituation in China seit den Sommerspielen 2008 in Peking weiter verschlechtert statt verbessert hat?

Heilmann: Das stimmt. Aus politikwissenschaftlicher Sicht befindet sich das gegenwärtige chinesische System sogar im Übergang von einem autoritären System hin zu einer politischen Ordnung, die viele totalitäre Züge trägt. Es geht um totale Kontrolle bis in den privaten Bereich hinein und darum, menschliches Verhalten gleichsam neu zu programmieren. Was China betrifft, ist die Hoffnung auf Wandel durch weltweite Aufmerksamkeit und äußere Einflussnahme ein Trugbild.

Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Für die Demokratisierung Südkoreas spielten die Sommerspiele 1988 in Seoul eine große Rolle. Und in Japan haben die Spiele 1964 in Tokio die Pluralisierung im Land beschleunigt.

China aber ist eine völlig andere Kategorie – nicht nur wegen des Selbstverständnisses als eigenständige Zentralmacht in der Welt, sondern auch, weil es im Unterschied zu Japan und Südkorea US-amerikanischen Einfluss und liberale Demokratie entschieden ablehnt.

Viele plädieren für einen Boykott der anstehenden Winterspiele in Peking – sportlich und/oder politisch. Und Sie?

Heilmann: Ein sportlicher Boykott würde nur die Athleten treffen. Da bin ich vehement dagegen. Die Sportler haben teilweise ihre gesamte Laufbahn auf solch ein Großereignis ausgerichtet. Ihnen darf man das nicht nehmen, das wäre unverantwortlich und nicht zielführend.

Ein politischer Boykott hingegen ist gerechtfertigt. Demokratien sollten keine hochrangigen politischen Vertreter entsenden. Die Spiele dürfen nicht die Bühne sein für eine Legitimierung der aktuellen chinesischen Regierungspolitik. Die Politiker, die zu den Spielen nach China fahren, werden mehr auffallen als diejenigen, die nicht hinfahren – auch vor dem Hintergrund der komplizierten Corona-Lage.

Nach den USA haben sich unter anderem Großbritannien, Belgien, Neuseeland, Australien, Kanada und Japan für einen politischen Boykott der Spiele entschieden. Aber was juckt es die Chinesen, wenn ein paar Staats­chefs oder Minister nicht auf der Tribüne sitzen …

Heilmann: Ich glaube schon, dass es sie juckt. Eine hochrangige internationale Präsenz bedeutet immer auch eine Legitimation, ein Signal der Anerkennung. Insofern wäre es gut, wenn durch die Abs­tinenz von Polit-Prominenz das Sportliche der Spiele in den Mittelpunkt rückt – und nicht die Selbstdarstellung und internationale Bekräftigung der politischen Führung Chinas. Es ist bedauerlich, dass die Europäische Union in dieser Frage bislang keine gemeinsame Position gefunden hat.

Ist die Corona-Pandemie für die Organisatoren mehr Fluch oder Segen? Fluch, weil sich das Land nicht mit einer ,Sonnenseite der Diktatur‘ inszenieren kann. Oder Segen, weil noch stärker kon­trolliert werden kann als ohnehin schon.

Heilmann: Die Kontrolle über Journalisten, aber auch über die Sportler, wird natürlich noch einfacher – stets lässt sich Corona vorschieben. Vieles bei den Spielen wird künstlich sein. Es wird keine unbeschwerte Atmosphäre geben, wie sie die Sportler lieben. Das Erlebnis Olympia wird sehr eingeschränkt sein.

Gleichzeitig ist die Pandemie für die Staatsmacht auch ein Fluch. Es kann sein, dass es in China nun auch eine Omikron-Welle geben wird, die mit den bislang angewandten ‚Null-Covid‘-Maßnahmen und den eigenen Impfstoffen nicht in den Griff zu bekommen ist. Das wäre ein massiver Kontroll- und Glaubwürdigkeitsverlust für Chinas politische Führung.

Inwieweit spielen die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie eine Rolle in China?

Heilmann: Sie spielen eine sehr große Rolle. Die Bereiche Umwelt, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind alleine aufgrund der schlechten Luft- und Wasserqualität sowie drängender Gesundheitsfragen überall in China präsent. Und diese Themen haben auch in den Entwicklungsplänen der Regierung höchste Priorität. Erneuerbare Energien und Umwelttechnologien werden mit gewaltigen Mitteln gefördert. Zugleich ist das auch ein Vehikel, um China technologisch in eine global führende Position zu bringen.

Es verwundert also nicht, dass Peking Spiele der Nachhaltigkeit propagiert. Aber wie passt es zusammen, wenn zwar viele der Olympiaanlagen von den Sommerspielen 2008 auch 2022 wieder genutzt werden und beispielsweise der Betrieb des Eisschnelllauf-Ovals besonders energieeffizient sein soll, gleichzeitig jedoch die Alpin-Wettbewerbe im traditionell schneearmen Norden des Landes ausgetragen werden und deshalb Kunstschnee aus weit entfernten Seen herangekarrt wird?

Heilmann: Das ist in der Tat ein Widerspruch. Die Alpin-Wettbewerbe finden in einer Region statt, in denen es keine echten Schneespiele geben kann. Die Anlagen dort kommen komplett aus der Retorte. Das hat nichts mit naturnahen Olympischen Spielen zu tun.

Das Interview führte Mirko Blahak.