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Rally-Star: Stephan Bollig und Chantal Linden beim Europa-Finale

Rallye-Sichtung des Weltverbands Fia : Zwei Talente aus der Region Trier träumen vom großen Coup

Bei der Suche nach Rallye-Talenten geht der Automobil-Weltverband (Fia) besondere Wege. In einem weltweiten Qualifizierungsprogramm können es die Besten bis in ein WM-Cockpit schaffen. Im Europa-Finale des sogenannten Rally-Star-Programms stellen sich zwei Sportler aus der Region Trier mit ganz unterschiedlichen Motorsport-Karrieren der Konkurrenz – und sie hoffen auf den großen Coup.

Seine Geschichte klingt unglaublich – sie ist aber wahr. Der aus Trittenheim an der Mosel stammende Stephan Bollig steigt an diesem Wochenende erstmals in ein echtes Autocross-Fahrzeug, das aber gleich bei einer exponierten Veranstaltung. Der 23-Jährige hat als einer von anfangs 1440 Kandidaten einen von nur 89 Startplätzen beim Europa-Finale des Fia-Rally-Star-Programms ergattert. In diesem Programm werden weltweit Rallye-Talente im Alter von 17 bis 26 Jahren gesichtet und gefördert (siehe Hintergrund).

Aber wie hat Bollig das gemacht – ohne jegliche Erfahrung in einem realen Motorsport-Fahrzeug? Die Antwort: Bei den beiden deutschen Qualifikations-Veranstaltungen am Nürburgring und in Oschersleben konnten sich zehn Nachwuchssportler am Steuer eines Slalom-Tourenwagens oder über eine Digitalchallenge im Simulator Tickets fürs Europa-Finale sichern. Und am Bildschirm ist Bollig durchaus bereits rennerfahren.

Sein Interesse für den Motorsport wurde durch die Wertungsprüfungen der Rallye-WM-Läufe vor der Haustür an der Mosel geweckt. „Ein Einstieg in den richtigen Motorsport hat aber nicht geklappt, zumal das sehr teuer werden kann“, berichtet Bollig, dessen Eltern in Trittenheim ein Weingut führen. Doch Freunde ebneten ihm den Weg zu einer Alternative: zum Rennfahren am Simulator – das sogenannte Sim-Racing. 

„Sie haben mir zum Geburtstag einen Fahrersitz geschenkt“, berichtet Bollig, der die restliche benötigte Hard- und Software zukaufte und im heimischen Wohnzimmer loslegte. Er schlug sich wacker. Andere erkannten sein Potenzial. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet er mit der in Reimerath (Kreis Vulkaneifel) nahe des Nürburgrings beheimateten Firma ,Racewerk‘ zusammen, die ihn mit Pedalen, Lenkrädern und Schaltungen versorgt.

Rally-Star: Stephan Bollig und Chantal Linden beim Europa-Finale
Foto: privat

Bei der eSport-Rallye-WM, die mittels der Simulation WRC 9 – dem offiziellen Spiel zur Fia-Rallye-Weltmeisterschaft – ausgetragen wurde, düste Bollig unter die Top 100. „Ich habe Potenzial. Ob auch in einem echten Rallye-Fahrzeug, werde ich jetzt sehen“, blickt Bollig, der nach vier Jahren bei der Bundeswehr in Idar-Oberstein nun in Trier die Kaufmännische Privatschule Eberhard besucht, mit einer Mischung aus Anspannung und Vorfreude auf das kommende Wochenende.

Dann werden auf dem Estering in Buxtehude nahe Hamburg die Sieger im Europa-Finale ermittelt. Auf dem dortigen Rallyecross-Kurs steigen die Teilnehmer in ein Crosskart, das vom Veranstalter gestellt wird. Und dann beginnt die knallharte Selektion. Nur das beste der 89 teilnehmenden Talente wird sicher Mitglied im weltweit ermittelten siebenköpfigen Fia-Rally-Star-Team und genießt im Jahr 2023 ein spezielles Ausbildungsprogramm: Fahrertraining, Testfahrten, physisches und Mental-Training sowie die Teilnahme an sechs Rallyes in einem M-Sport Fiesta Rally3.

„So eine Chance bekommt man nicht nochmal im Leben“, sagt Bollig, der sich so gut wie möglich vorbereitet. In der virtuellen Welt, zwei Stunden täglich: „Ich habe bei mir zu Hause am Simulator ein Rallye-Lenkrad und eine richtige Schaltung. Und ich kann digital in einem Crosskart Platz nehmen und die Strecke des Esterings am Bildschirm absolvieren. Das kommt dem realen Wettbewerb schon nahe – mit zwei großen Ausnahmen: Zum einen kann ich am Simulator nach einem Unfall glücklicherweise einfach weitermachen – und es wirken keine G-Kräfte auf meinen Körper.“

Bolligs bisherige Berufsplanung ging in Richtung Verwaltungsfachwirt. Aber vielleicht kann er doch noch im Rallyesport durchstarten – wenn nicht als Fahrer, dann vielleicht als Co-Pilot.

Ganz anders sind die bisherigen Motorsport-Erfahrungen von Chantal Linden (19) aus Feusdorf im Kreis Vulkaneifel, die sich ebenfalls fürs Europa-Finale qualifiziert hat. Schon als Zehnjährige begann sie, Rennen im Crosskart zu fahren. Ihre Familie hat ihre Leidenschaft beflügelt. Papa, Oma, Opa, Tante, Onkel – sie alle sind im Autocross zu Hause (gewesen). Linden, die eine Ausbildung zur Mechatronikerin bei Bosch absolviert, gehört dem Automobilclub Waldorf an und bestreitet Rennen unter der Ägide der südwestdeutschen Autocross-Vereinigung.

Rally-Star: Stephan Bollig und Chantal Linden beim Europa-Finale
Foto: privat

„Motorsport ist für mich mehr als nur ein Hobby. Ich will Meisterschaften gewinnen und meine Familie stolz machen. Wenn ich später mit ihm Geld verdienen könnte, wäre das natürlich richtig toll“, sagt Linden, die in der Vergangenheit auch schon bei zwei Rallyes als Beifahrerin im Einsatz war. Qualifiziert für das Rally-Star-Europa-Finale hat sie sich indes auch per Simulator. Ihre Vorbereitung fürs anstehende Wochenende in Buxtehude? „Klar im Kopf werden, laufen gehen, auf die Ernährung achten und ein wenig Training am Simulator.“ In ein richtiges Fahrzeug kann sie sich derzeit nicht setzen, da ihr Crosskart umgebaut wird. Inwieweit sie durch ihre Erfahrung einen Vorteil haben wird, bleibt abzuwarten. Linden: „Es wird für uns alle Neuland sein. Jedes Crosskart ist anders, alleine schon durch die unterschiedlichen Motoren.“

Sie fiebert dem Europa-Finale entgegen: „Es ist Wahnsinn, die Chance zu bekommen, dabei zu sein.“ Bollig und Linden – die beiden Talente reisen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen nach Buxtehude, doch sie eint das Ziel, einen Traum wahr werden zu lassen.