Schläge, Tritte, Polizeieinsätze: Schiedsrichter in der Region Trier schlagen Alarm

Kostenpflichtiger Inhalt: Fußball-Schiedsrichter : Schläge, Tritte, Polizeieinsätze: Schiedsrichter schlagen Alarm

Einer wird ins Krankenhaus geprügelt, ein anderer vom Platz gejagt: Im Saarland wächst die Gewalt gegen Schiedsrichter. Nun sehen die Referees keine andere Lösung und treten in den Streik. Grund genug mal nachzuhören, wie die Situation der Unparteiischen im Fußballverband Rheinland ist.

Ein Schiedsrichter flüchtet in die Kabine. Ihn verfolgen Zuschauer, Betreuer und Spieler. Einer der Jäger tritt dem Unparteiischen in die Beine. Voller Angst weiß sich der Schiedsrichter nicht anders zu helfen, als sich in der Kabine einzuschließen und die Polizei zu rufen. Erst als diese eintrifft, verlässt er den Umkleideraum.

So geschehen bei der saarländischen Kreisliga-Begegnung Türkiyem Sulzbach II gegen SF Saarbrücken IIam vergangenen Samstag. Schon die 90 Minuten verlaufen extrem ruppig, die Stimmung ist aggressiv. Vier Mal zieht der Schiedsrichter die Rote Karte. Nach der Partie beginnt dann die Jagd auf den Referee.

Am selben Tag berichtet die Polizei von zwei weiteren Einsätzen dieser Art im Saarland. Nur wenige Tage zuvor hatten die Schiedsrichter im Saarland zum Streik für das kommende Wochenende aufgerufen. Der Grund: Gewalt gegen Schiedsrichter. Wie zur Bestätigung nun diese Ereignisse. Stellt sich die Frage: Gibt es auch im Fußballverband Rheinland Gewalt gegen Schiedsrichter?

Was ist im Saarland passiert? Der Ausgangspunkt für den angekündigten Schiedsrichterstreik im Saarland am kommenden Wochenende (14. und 15. September) war ein C-Jugend-Spiel im saarländischen Merzig-Brotdorf. Am Samstag, 24. August, wurde dort ein Schiedsrichter nach dem Spiel krankenhausreif geschlagen. Der mutmaßliche Täter soll der Vater eines Kindes aus der Gastmannschaft sein.

Andreas Schwinn, Geschäftsführer des Saarländischen Fußballverbandes, bestätigt auf Nachfrage der Saarbrücker Zeitung, dass „alle Spiele mit Schiedsrichterbeteiligung an dem Wochenende abgesagt werden“. Grund dafür sei nicht nur dieser eine Angriff, sondern auch die Häufung solcher. In den zurückliegenden Jahren sollen sich Sportgerichte im Land mit 35 Übergriffen befasst haben.

Wie ist die Lage im Fußballverband Rheinland? Die Zahlen im Rheinland sind nicht ganz so hoch. Wie der Fußballverband Rheinland (FVR) auf TV-Nachfrage mitteilt, habe man sich in den vergangenen beiden Saisons mit 20 Fällen beschäftigt (2017/18: 9; 2018/19: 11). Dabei handelt es sich um die Gesamtzahl der Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter in der jeweiligen Saison. Ein Ausreißer nach oben war die Saison 2015/16, in der 22 Fälle behandelt wurden. Nicht jeder dieser Fälle zog auch einen Spielabbruch nach sich. Auch wenn die Schiedsrichter laut Verband angewiesen sind, das Spiel bei tätlichen Angriffen sofort abzubrechen, lassen viele erst einmal weiterlaufen. In der Saison 2018/19 wurden drei Spiele abgebrochen, eine Spielzeit zuvor zwei.

Ein Fall aus der jüngeren Vergangenheit spielte sich beim Spiel von Alemannia Trier gegen den SV Wawern ab. In der Relegation wurde der Schiedsrichter der Partie von einem Fan der Alemannia angegriffen, er brach das Spiel ab – und der Ausschuss gab ihm recht.

Auch wenn die Zahlen nicht extrem steigen, warnt der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses des FVR, Erich Schneider aus Wintersdorf: „Insgesamt werden die Reaktionen rauer.“ Bislang sei die Situation „Gott sei Dank“ noch nicht so schlimm wie im Saarland, aber davor sei man nicht bewahrt. „Wir haben ein gesellschaftliches Problem“, sagt Schneider. „Die Saarländer machen das nicht ohne Grund. Man kann sie zu diesem Schritt nur beglückwünschen.“

Was sagen die Schiedsrichter? Laut Schiedsrichter-Obmann Arndt Collmann aus Welschbillig gebe es bislang keine drastischen Vorfälle wie den im Saarland. „Dennoch ist jeder Angriff einer zu viel.“ Es ginge allerdings auch nicht nur um körperliche Angriffe, sondern auch um Beleidigungen. Die Zahl dieser sei nicht messbar, weil die Anfeindungen vor allem bei erfahrenen Unparteiischen „hier  rein und da raus“ gingen.

Keine körperlichen Angriffe, aber Beleidigungen musste auch Helena Euskirchen bereits über sich ergehen lassen.  Die 23-jährige Schiedsrichterin pfeift seit vier Jahren. Besonders zum Start ihrer Laufbahn habe sie sich Sätze wie „Das war ja klar, dass du als junges Mädchen nicht pfeifen kannst“ oder  „Wei, wei Mädche, da haste dir aber eine schöne Scheiße zusammengepfiffen“ anhören müssen. Besonders die Verniedlichung „Mädchen“ werde immer wieder in Zusammenhang mit der Leistung gestellt. „Meist ist es auch schon nur der Tonfall und die Lautstärke“, sagt Euskirchen, „da ist es dann schon fast egal, was genau gesagt wird“.

Sie berichtet außerdem vom Fall eines heutigen Freundes: „Er sagte, dass ich nicht wissen wolle, was in der Kabine alles gesprochen wird, wenn die wissen, dass eine Frau pfeift.“

Was sind Folgen und Lösungen? Mögliche Gewalt haben keine Auswirkungen auf das Gewinnen von Schiedsrichtern, erklärt Arndt Collmann. Gleichwohl würden Schiedsrichter sehr schnell wieder aufhören, wenn sie erleben, wie es auf den Plätzen zugeht. Collmann und Erich Schneider appellieren an die Vereine. Diese sollten „schneller Konsequenzen ziehen“, so der Obmann. „Oft übernimmt der Verein die Geldstrafe, und es ist gut. Das setzt kein Zeichen“. Auch Helena Euskirchen wünscht sich „verantwortungsbewusste Menschen im Verein: „Meist traut sich nur niemand, Verweise auszusprechen.“

Laut Erich Schneider dürfe die Ordnerweste nicht nur getragen werden, es müsse „dann auch mal Verweise geben“. Außerdem regt er an, dass es weniger Regeländerungen geben solle: „Die Zuschauer verstehen das Regelwerk irgendwann nicht mehr und lassen das an den Schiedsrichtern aus.“

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