Sonne, Sand und Schmetterschläge - der TV testet Beachtennis

Beachtennis : Sonne, Sand und Schmetterschläge

Beim Beachtennis kommen Urlaubsgefühle auf – aber nur so lange, bis einem der Untergrund die Kräfte raubt. In Saarlouis hat der TV mit einem mehrfachen Deutschen Meister zusammengespielt und dabei einiges über den Nischen-Sport erfahren.

Jetzt heißt’s: Bloß nicht blamieren! Denn seine Erfolgsliste ist lang. Sehr lang. Mehrfacher Deutscher Meister, Team-WM-Fünfter, Team-EM-Fünfter, Dritter der deutschen Rangliste. Benjamin Ringlstetter ist im Beachtennis eine nationale und internationale Größe. Und in den nächsten Minuten mein Mitspieler im Rahmen der ITF Beachtennis Open in Saarlouis. Ringlstetter ist seit Jahren erfolgreich, ich nehme an diesem Mittag zum ersten Mal den aus festem Schaumstoff und einer Carbon-Beschichtung bestehenden Schläger in die Hand.

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Beachtennis – das ist eine Mischung aus Badminton, Tennis und Beachvolleyball. Gespielt wird vorwiegend als Doppel oder Mixed-Doppel auf einem Beachvolleyball-Feld (16 mal 8 Meter). Das Netz ist 1,70 Meter hoch. Nur Volleyschläge zählen – der Ball darf nicht den mindestens 25 Zentimeter aufgeschütteten Sand berühren.

Die Regeln und Zählweisen sind dabei weitgehend vom Tennis übernommen. Ausnahmen: Es gibt keinen zweiten Aufschlag. Netzroller beim Aufschlag sind erlaubt. Und nach Einstand entscheidet der nächste Punkt über den Spielgewinn.

Matches über zwei Gewinnsätze dauern im Schnitt 60 bis 90 Minuten. Doch die Beach-Variante ist anstrengend. Schuld ist der Sand.

Mit effektiven Aufschlägen lassen sich die Gegner schnell unter Druck setzen. Foto: Plan B. Foto: Plan B GmbH/Claudio Gärtner

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Bei meiner Beachtennis-Premiere ist der feinkörnige Untergrund mein kleinstes Problem. Auch die Schlägerhaltung – vor dem Körper, in Brusthöhe – geht schnell in Fleisch und Blut über. Aber das Raum-Gefühl lässt anfangs zu wünschen übrig. Und dann ist da die Sonne, die jeden Über-Kopf-Ball zur Lotterie werden lässt.

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Beachtennis ist spektakulär - beispielsweise bei Hechtsprüngen, um einen Ball noch zu erreichen, bevor der auf den Sand fällt. Foto: Plan B. Foto: Plan B GmbH/Claudio Gärtner

Eine wichtige Rolle zur Orientierung spielt die Drei-Meter-Linie. Hinter ihr müssen die Spieler stehen, die einen Aufschlag erwarten. Und auch sonst ist die Marke hilfreich, um zu wissen, ob man gut steht. Der Tipp des Meisters Ringlstetter: Bloß nicht zu weit hinten aufhalten. Sonst ist der Weg zum Netz bei einem Stoppball des Gegners zu weit.

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Auf der anderen Seite des Netzes stehen Sarah Bolsmann, mehrfache EM- und WM-Teilnehmerin, und Christian Stephan von der Plan B event company GmbH, die in Deutschland das Beachtennis verstärkt etablieren möchte.

TV-Redakteur Mirko Blahak (Zweiter von links) hat den Trendsport ausprobiert – mit Christian Stephan, Sarah Bolsmann und Benjamin Ringlstetter (von links). Foto: TV/privat

Nach ein paar Ballwechseln wächst die Sicherheit. Im Badminton gesammelte Erfahrungen helfen bei Vor- und Rückhandschlägen. Auch die Aufschläge sausen nicht unkontrolliert übers Netz.

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Die Beachtennis-Profis unterscheiden fünf Zonen, in die Aufschläge gespielt werden. Von eins (longline) bis fünf (cross). Wohin gespielt wird, sprechen die Spielpartner immer wieder ab. „Zwei gute Einzelspieler bilden noch lange kein gutes Doppel. Die Paarung muss homogen sein – und es muss menschlich passen“, sagt Bolsmann. Spielverständnis mit dem Doppel-Partner ist ein A und O.

Und was braucht’s noch? Wer groß ist, hat Vorteile – etwa bei Schmetterschlägen. Bolsmann jedoch beweist mit ihren 1,58 Metern, dass man auch mit kleinerer Statur weit kommen kann. Gute Beachtennis-Spieler brauchen auch Athletik, Ballgefühl und Reaktionsfähigkeit.

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Es steht 1:1. Das Entscheidungs-Aufschlagspiel in unserem Mini-Match steht an. Ringlstetter holt die Kohlen mit einem finalen Schmetterball zum 2:1-Erfolg aus dem Feuer. Das Wichtigste: Keiner hat sich so kurz vor dem Turnier verletzt. Ringlstetter wird am gleichen Tag noch zum dritten Mal Deutscher Meister im Mixed-Doppel (an der Seite von Maraike Biglmaier) und tags darauf zum sechsten Mal Deutscher Meister im Doppel (mit Bruder Manuel).

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Durch Zufall ist Benjamin Ringl­stetter einst zum Beachtennis gekommen: „Ein Mannschaftkollege vom Tennis hat mich gefragt, ob wir die Bayerische Meisterschaft in Schnaittenbach spielen. Das Turnier haben wir damals gleich auf Anhieb gewonnen, und das Feuer war entfacht.“ Der gebürtige Dachauer spielt Tennis, seit er laufen kann – noch heute schlägt er in der Herren-30-Bundesliga für den TC Dachau auf. Und in der Schule hatte er Volleyball im Sport-Leistungskurs.

Bolsmann entdeckte im Urlaub durch ein Turnier am Strand ihre Leidenschaft fürs Beachtennis. Die 34-Jährige aus Osnabrück hat ebenfalls jahrelange Tennis-Erfahrung.

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Schnell noch ein ,Mannschaftsbild‘ – und schon müssen wir runter vom Centrecourt, der auf dem Kleinen Markt in Saarlouis aufgebaut wurde. Die ersten Mixed-Partien des Turniers stehen an.

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Auch wenn bei den Beachtennis Open in Saarlouis neue Rekorde gebrochen wurden: Die Sportart fristet hierzulande ein Nischendasein. Woran liegt’s? „Nicht alle Bundesländer treiben den Sport voran“, sagt Bolsmann. „Die Infrastruktur ist nicht gegeben. Es gibt zwar viele Beachvolleyball-Felder, sie verfügen aber nicht über die engmaschigen Netze, die es fürs Beachtennis braucht“, ergänzt Ringlstetter.

Besteht bei Verbänden und Vereinen die Furcht, dass Spieler vom Tennis zum Beachtennis abwandern? Bolsmann und Ringlstetter wollen das nicht ausschließen. Doch sie sagen: „Beachtennis kann man sehr gut ins Tennistraining integrieren, weil der Spaßfaktor hoch ist.“

Geld verdienen mit Beachtennis können nur wenige – auch wenn es in Saarlouis bei dem den Deutschen Meisterschaften angegliederten internationalen Turnier um ein Preisgeld von insgesamt 15 000 US-Dollar ging. „Die besten fünf Spieler der Weltrangliste können mit Sponsoren gut ihre Kosten decken“, sagt Ringlstetter. Mehr ist nicht drin.

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Apropos: Wäre für mich bei der Beachtennis-Premiere mehr drin gewesen? Zu einem Becker-Hecht, um einen Ball kurz vor dem Auftitschen in den Sand noch zu spielen, reicht’s bei mir an diesem Tag nicht. Weil es die hohe Kunst ist? Ringlstetter winkt ab: „Hätten wir noch zehn Minuten gespielt, hättest du bestimmt einen gemacht.“ Wer will dem Deutschen Meister schon widersprechen.

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