Spagat zwischen Lust und Last: Die Rhythmische Sportgymnastik erfordert enorme Trainingsumfänge.

TV-Serie Spochtipedia : Rhythmische Sportgymnastik: Spagat zwischen Lust und Last

Bei dem Sport, der Akrobatik, Athletik und Ausdrucksstärke vereint, lautet ein Motto: Früh übt sich!

Ursprünglich waren wir für 14.30 Uhr verabredet. Doch am Morgen klingelte Slava Grischov durch und schlug vor, eine Stunde später zusammenzukommen. Sein Argument: „Das Aufwärmen dauert eine Stunde. Das ist für Sie ja nicht so spannend.“

Kein Problem – aber ein einstündiges Aufwärmprogramm? Da sind Athleten in anderen Sportarten schon fast mit der ganzen Übungseinheit durch. Nicht so bei der Rhythmischen Sportgymnastik, in der sich Grischovs 13-jährige Tochter Angelina mächtig ins Zeug legt.

Rhythmische Sportgymnastik: Angelina Grischov aus Konz

Also Treffpunkt um 15.30 Uhr in der nagelneuen, blitzsauberen Sporthalle der École Centrale de Clausen in Luxemburg-Stadt. Trainerin Larisa Abrosimova führt ein strenges Regiment. Die in Belgien lebende Russin leitet insgesamt sechs Mädchen an – fünf Luxemburgerinnen und Angelina Grischov aus Konz. Gesprochen wird ausschließlich russisch – denn auch die Sportlerinnen haben allesamt russische Wurzeln. Die Rhythmische Sportgymnastik ist eine Domäne osteuropäischer Länder. Im ewigen Medaillenspiegel der Weltmeisterschaften belegen Russland (und die frühere Sowjetunion), Bulgarien und die Ukraine die ersten drei Plätze. Laut Slava Grischov sind bei den Wettkämpfen geschätzt 70 Prozent der Starterinnen russischer Abstammung.

Angelina Grischov zwei. Foto: -/Stanislav Silyanov

In Luxemburg stehen an diesem Nachmittag Schrittfolgen und Übungen mit den fünf Geräten der Rhythmischen Sportgymnastik (Keulen, Reifen, Ball, Band, Seil – siehe Artikel unten) an. Trainerin Abrosimova unterbricht mit teils harschem Ton. „Es gibt kein Training ohne Tränen“, sagt Slava Grischov.

Tochter Angelina begann als Vierjährige mit Ballett, mit sieben Jahren wechselte sie in die Rhythmische Sportgymnastik. Sie schloss sich dem Verein Rhythmo-Cats in Luxemburg an. Im März 2018 ging es an den Bundes-Olympiastützpunkt nach Fellbach. In Baden-Württemberg startete sie für den TSV Schmiden. Das Ziel der ambitionierten Nachwuchssportlerin: die Aufnahme in den deutschen Nationalkader. Doch Angelinas Heimweh war zu groß – im September ging‘s zurück in die Heimat nach Konz. Sie folgte ihrer ehemaligen Trainerin Abrosimova in die École de GRS in Luxemburg.

Angelina Grischov neun. Foto: -/Alexander Kostowotzky

Angelina kommt aus einer sportbegeisterten Familie. Papa Slava – der 1990 aus Russland nach Deutschland übersiedelte  – war 1998 und 2000 mehrfacher Masters-Weltmeister im Wasserspringen. Um Angelinas Passion zu ermöglichen, sind ihre Eltern als „Taxifahrer“ gefordert. Sechs Mal die Woche fahren Papa und Mama die 13-Jährige zum Training nach Luxemburg. Die Eltern müssen nicht nur Zeit, sondern auch ordentlich  Geld investieren. Die Vereinsmitglied­schaft kostet 1150 Euro im Jahr, hinzu kommen Reisekosten – wie am vergangenen Wochenende für Flug und Unterkunft anlässlich Angelinas Teilnahme am 18. international besetzten Gracia-Cup in Budapest – sowie Ausgaben für Sportbekleidung. Ein Gymnastikanzug kostet laut Slava Grischov bis zu 500 Euro.

Es sei sehr schwierig, Sponsoren zu finden – auch im Spitzenbereich, sagt er. Und fügt im Spaß an: Angelina bekommt einzig kostenlosen Döner – bei einem Freund in Konz.“

Die 13-Jährige besitzt eine Lizenz des Internationalen Turnerbunds, die ihr die Türen zu den großen Wettbewerben öffnet. Der Sport ist zeitraubend – ab und an muss sich die Achtklässlerin an der Realschule Konz für mehrere Tage freistellen lassen.

Pro Jahr kommen zehn bis zwölf Wettkämpfe zusammen. Angelina kommt dabei in der Welt herum: England, Griechenland, Italien, Frankreich, Montenegro, Kroatien, Polen, Litauen, Russland …

Grischov liebt es, sich in der Rhythmischen Sportgymnastik immer neuen Herausforderungen zu stellen: „Das Schöne ist, Tanz, Musik und Leidenschaft zu kombinieren. In 1:30 Minuten kann man viele Dinge reinlegen.“

Die größte Schwierigkeit: immer lächeln und vor den Kampfrichtern schön wirken – aller Anstrengung und Anspannung zum Trotz. Um eine 90-sekündige Übung perfekt zu beherrschen, brauche es ein Jahr Training.

Als Gymnastin dürfe man keine Angst vor den Geräten haben, die teilweise mehrere Meter hoch in die Luft geschleudert werden – und auch keine Angst vor der Trainerin. Gefordert sind Akrobatik, Athletik, Ausdrucksstärke, Körperbeherrschung, Gleichgewichts- und Rhythmusgefühl. Ausgeführt werden die Übungen zu Musik. Die technischen Elemente werden von der Trainerin vorgegeben – bei der Musik gibt es ein Mitspracherecht. Angelina Grischov: „Für Übungen mit dem Band nimmt man eher sanfte Musik, für Keulen dagegen eher eine energievolle Untermalung.“ Der Ball und die Keulen sind Grischovs liebste Geräte. Das fünf Meter lange Band bereitet ihr die größten Schwierigkeiten.

Ihr Alltag ist streng durchgetaktet. 6.45 Uhr aufstehen, Schule, Mittagessen, Fahrt zum Training, Heimfahrt gegen 20 Uhr, eventuell noch Hausaufgaben – sofern sie nicht im Auto erledigt wurden. Samstags kommen zwei Trainingseinheiten dazu. Da bleibt nicht allzu viel Zeit für die Freunde. Auch sonst gibt es Entbehrungen – etwa bei der Ernährung. „Ich darf nicht einfach Süßigkeiten essen“, sagt Grischov, deren Vorbild Alexandra Soldatova ist. Die 20-jährige Russin hat schon einige WM-Medaillen gewonnen.

Die Rhythmische Sportgymnastik – ein Spagat zwischen Lust und Last. Der Sport fordert den Körper, der sehr biegsam sein muss oder biegsam gemacht wird – Schmerzen am Rücken, an der Leiste oder an den Knien inklusive.

Um den Körper bestmöglich vorzubereiten, ist ein einstündiges, intensives Aufwärmprogramm notwendig. Bei Wettkämpfen geht aber auch für eine andere nicht minder wichtige Sache viel Zeit drauf: Das Schminken dauert eine halbe Stunde, das Herrichten der Haare rund 20 Minuten. Wer auf der 13 mal 13 Meter großen Wettkampffläche gut wirken will, muss nicht nur technisch, sondern auch im äußeren Erscheinungsbild glänzen.

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