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NÜRBURGRING : 24-Stunden-Rennen: Wenn es Nacht wird auf der Nordschleife

Ab Donnerstag beginnt das lange Wochenende des 24-Stundenrennens auf dem Nürburgring. Was sind das für Menschen, die dem Rausch des Langstrecken-Motorsports auf der „Mutter aller Rennstrecken“, der Nordschleife, verfallen?

Acht mal vier und ein mal sechs Stunden in neun Rennen pro Saison. Macht 38. Dazu als Beigabe deren 24 am Stück. Macht insgesamt 62 Stunden. Die „Endurance-Piloten“, auf gut Deutsch die Langstrecken-Fahrer im Motorsport auf der Rundstrecke, sind diejenigen, die gerne am Heldentod lutschen. Die weder Tag noch Dämmerung, weder Nacht  noch Morgengrauen fürchten. Die sich in sengender Hitze, dick verschnürt in feuerfeste Unterwäsche und den Renn-Overall mit dem Thermometer duellieren. Die im fahlen Mondlicht oder im Schein der Lagerfeuer bei strömendem Regen, bei Hagel und zuckenden Blitzen mit Tempo 300 auf der Spitze der Tachonadel Quickstep tanzen.

Wie verfällt man dem Rausch des Langstreckensports auf der „Mutter aller Rennstrecken“, auf der Nordschleife des Nürburgrings? Wir haben bei Menschen aus der Region nachgefragt, die es wissen.

Wer mit Rudi Adams so wie an diesem fast schon sommerlich warmen Frühlingstag am Rande der Nordschleife unterwegs ist, der sieht dem hauptberuflichen Reifentechniker die „diebische Freude“ an, die ihn mit diesem gesamten Ambiente verbindet. Aufgewachsen in Ahütte, jetzt wohnhaft in Nohn im Vulkaneifelkreis, bestreitet der 56-Jährige, der als 14-Jähriger mit Motocross begann, am Wochenende seinen 23. Langstrecken-Klassiker in der Eifel. Mit 34 stieg er – damals Instruktor im Fahrsicherheitszentrum am „Ring“ – in die Langstreckenszene ein.

Adams fährt seit fast einem Vierteljahrhundert Langstrecken-Rennen, gehört bei der VLN-Serie zum Inventar. Er hat (fast) alles gefahren und fährt immer noch (fast) alles, was in den Rennen über vier oder sechs Stunden Stoßstange an Heck und Tür an Tür durch die „Grüne Hölle“ jagt. Renner wie einen BMW 235i, die sich eher an der Serie orientieren, bis hin zu den leistungsstärksten Boliden im Feld der über 150 Autos: einem McLaren oder einem BMW M6.

„Wenn man so etwas macht, dann muss man das mit allen Facetten leben“, sagt Adams. Sich samstags mit dem Team zum Rennen treffen und danach wieder heimgehen, das kann nicht sein. Entsprechende Ernährung, Ausdauersport wie Laufen oder Radfahren, einstellen des Autos: Das ist für Adams, der beruflich im Dienst eines großen Reifen-Herstellers steht, unerlässlich: „Alles andere wäre fahrlässig. Dir selbst, dem Team und den Konkurrenten gegenüber. Man muss mental und körperlich auf den Punkt topfit sein.“

Mit seinen 56 Jahren ist Adams zwar der erfahrenste, aber längst nicht der einzige unter vielen Motorsportlern aus der Region, die dem Virus Langstrecken-Rennen erlegen sind. Und die Erfahrung lehrt: Wer einmal damit angefangen hat, der kommt von dieser Strecke, diesem Sport, diesen Herausforderungen, diesem Nervenkitzel nicht mehr los.

So wie Arno Klasen (51) aus Karlshausen in der Südeifel. Klasen, seit 1994 Langstrecken-Pilot auf der Nordschleife, ist fahrerischer Kopf eines Teams, das neben ihm aus einem US-amerikanischen Unternehmer-Paar besteht. Der Porsche-Pilot beschreibt die physische Komponente: „Die größte körperliche Herausforderung ist, etwa 80 bis 90 Minuten mit einem Durchschnittspuls von 150 bis 160 Schlägen konzentriert zu bleiben. Bei hohen Außentemperaturen kommt so ein Verbrauch von 700 bis 800 Kalorien pro Stint während des Rennens zustande.“

„Im Regen“, sagt Klasen, der bis zum Saisonbeginn Ende März neben dem üblichen Fitness-Vorbereitungsprogramm zweimal einen Halbmarathon läuft, „ist vor allem die mentale Belastung ungleich höher“.

Als einziger Fahrer aus der Region kann der Bitburger Thomas Mutsch (39) auf Werkseinsätze (mit VW und Audi) bei der VLN-Serie und beim 24h-Rennen zurückblicken. „Mir wurden die Motorsport-Gene quasi in die Wiege gelegt. Meine Eltern sind beide Autocross-Rennen gefahren und haben sich auch bei einem solchen Rennen kennengelernt“, erzählt er.

Mutsch, der international in der mittlerweile eingestellten „V8-Star“-Serie, einem Championat mit großvolumigen Achtzylinder-Motoren ähnlich wie in der US-NASCAR-Serie unterwegs war, fährt mit dem exotischen Boliden der Scuderia Cameron Glickenhaus eines der ungewöhnlichsten Autos des 24h-Rennens.

Dieser SCG003C ist ein ebenso skurriles wie leistungsfähiges, aber auch technisch anfälliges Monoposto, ein Einsitzer. Wenn alles passt und hält, kann der Bitburger sogar zu einem Kandidaten für den Gesamt­sieg avancieren. „Meine ersten Nordschleifen-Runden habe ich mit dem eigenen Auto gedreht“, sagt Mutsch, der aber betont: „Es geht nicht so sehr ums Auto, es geht um die Herausforderung der Strecke und der Bedingungen. Es wird nie eintönig. Keine Runde auf der Nordschleife ist wie die andere. Auch Mutsch haben es, wie den meisten Fahrern aus der Region, die sowohl VLN-Langstreckenmeisterschaft und 24h-Rennen fahren, die nächtlichen Einsätze angetan. Wenn sich Einsamkeit im Auto mit dem Auflaufen auf langsamere Konkurrenten, auf Dauerfehden mit ähnlich starker Konkurrenz abwechseln. „Ich kann mich an ein Jahr erinnern, als die Nacht sehr hell war. Ich war alleine in der Fuchsröhre unterwegs und habe gesehen, wie die von überall her flirrenden Lagerfeuer die Baumkronen angeleuchtet haben. Da habe ich im Rennoverall Gänsehaut bekommen.“

Seine ersten Erfahrungen auf kurzen Sprintstrecken sammelte in diversen Markenpokalen auch der Irreler Philipp Leisen (33). Die Nordschleife, sagt er, „hat mich aber schon immer fasziniert, und deswegen war es klar, dass ich da irgendwann einmal fahren will.“ Das tut der Diplom-Betriebswirt, der sich ebenso wie die anderen Piloten mit Joggen und Krafttraining auf die Saison vorbereitet, seit 2010 in regelmäßigen VLN-Einsätzen oder eben auch beim 24h-Rennen. Seine Erkenntnis, wenn er die große Runde in der Eifel mit den kurzen Sprintstrecken wie Hockenheim, Oschersleben oder Sachsenring vergleicht: „Fehler verzeiht die Nordschleife normalerweise nicht. Nach ein bis zwei Metern Wiese kommt die Leitplanke, und das war‘s dann meistens.“

Auch ihn macht es stolz, ab kommendem Samstag wieder „das größte Rennen der Welt auf der schwierigsten Strecke der Welt“ fahren zu dürfen. Er hofft, auch dieses Jahr wieder die Einführungsrunde fahren zu dürfen, bevor das Rennen freigegeben wird. So etwas, sagt er, erlebe man sonst nirgends und entschädige für den gesamten Aufwand, den man betreibt. „Tausende Fans, dann sogar bei unserer langsamen Fahrt auf der Einführungsrunde teilweise direkt auf der Strecke. So weit man sehen kann Zelte, Wohnwagen, Menschen und ein leichter Grillbratwurstgeruch im Cockpit. Absolut einmalig.“

Es ist die Kombination aus allem, diese andauernde mentale und physische Herausforderung, die die Piloten immer wieder antreibt, ins Auto zu steigen und auch den extremsten Situationen Paroli zu bieten. Und allen geht es wie Rudi Adams, der am Ende unseres kleinen Plauschs am Brünnchen versicherte: „So lange die Uhr noch stimmt, so lange will ich noch fahren.“

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