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Transfers in Corona-Zeiten: So bewerten die Trierer Spielerberater Senesie und Bergweiler den Fußball-Markt

Fußball-Transfermarkt : Spielerberater aus Trier: Für Durchschnittsakteure sinken die Preise

Wie entwickelt sich durch die Corona-Krise der Fußball-Transfermarkt? Die Trierer Spielerberater Sahr Senesie und Alexander Bergweiler glauben nicht an einen kompletten Klimawandel.

Auf dem nationalen und internationalen Fußball-Transfermarkt gab’s zuletzt meist nur eine Richtung. Es ging nach oben, Ablösesummen und Gehälter stiegen und stiegen.

Wird die Corona-Krise zu einer Abkühlung führen? Bricht der Markt gar komplett ein? Nicht zwingend, sagt Sahr Senesie. Der Ex-Profi ist neben Rechtsanwalt Alexander Bergweiler Geschäftsführer der in Trier ansässigen Agentur ,FSB Spielerberatung‘.  „Es werden Spieler gebraucht, aber die Vereine werden nur wirklich notwendige Zukäufe tätigen. Sie werden nur Spieler unter Vertrag nehmen, die ihnen sofort weiterhelfen“, sagt der 34-jährige ehemalige Stürmer (unter anderem Hoffenheim, Dortmund).

Bergweiler beobachtet eine Pyramide: „Während in der Bundesliga noch Mittel da sind, wird es vor allem in der 3. Liga und den Regionalligen knapp. Das hängt damit zusammen, dass die Erstligisten im Gegensatz zu unterklassigeren Clubs viel unabhängiger von Zuschauereinnahmen sind.“ Momentan komplett brach liege der Transfermarkt im Jugendbereich. Bergweiler: „Da macht wegen der Ungewissheit, wie es weitergeht, derzeit niemand irgendwas.“

Und wie sieht’s im internationalen Kontext aus? Senesie: „Die Topvereine in den europäischen Eliteligen wollen und werden weiterhin Transfers tätigen. Für die Topspieler werden auch die Preise nur minimal fallen. Qualität hat immer ihren Preis.“ Regulieren werde sich jedoch der Markt für Durchschnittsspieler. Senesie: „Es ist auch okay, wenn in diesem Segment die Preise sinken. Es kann nicht sein, dass für durchschnittliche Spieler zehn Millionen Euro gezahlt werden müssen. Das ist nicht marktgerecht.“

Sorgen um die Verdienstmöglichkeiten muss sich die Beraterbranche demnach nicht machen – sofern eine Agentur breit aufgestellt ist. Branchenüblich ist, dass ein Berater bei einem Transfer zehn Prozent des Jahres-Grundgehalts eines Spielers bekommt. Bergweiler: „Bei Transfers von Topspielern wird ein Berater auch künftig eine gute Summe bekommen. Bei Dritt- und Viertliga-Spielern werden die Gehälter aber merklich runtergehen.“ Zu den Klienten von FSB zählen neben Senesies Halbbruder Antonio Rüdiger (FC Chelsea) und Amin Younes (SSC Neapel) Spieler aus verschiedenen Klassen bis runter zur Oberliga (Leonel Brodersen und Kevin Kling von Eintracht Trier).

Im Zuge der Corona-Krise gibt es viele Vorschläge, wie sich der Transfermarkt im Fußball künftig anständiger aufstellen solle. Da werden zum einen Gehaltsobergrenzen und Höchstgrenzen für Ablösesummen gefordert. Bergweiler hält davon nichts: „Im US-Basketball liegen die Gehaltsobergrenzen weit über dem, was Fußballer in Deutschland verdienen. Sie sind also ein stumpfes Schwert. Und was die Ablösen angeht: Der Markt reguliert sich von selber. Die Vereine sind bereit, untereinander so viel zu zahlen.“

Das FSB-Geschäftsführer-Duo geht davon aus, dass es vor allem in der anstehenden Transferperiode zu (noch mehr) Leihgeschäften kommen wird. „Damit wird die Liquidität der Vereine geschont“, erklärt Anwalt Bergweiler, der davon ausgeht, dass das kommende Transferfenster im Zuge einer in manchen Ligen über den 30. Juni hinaus verlängerten Saison länger offen sein wird – womöglich sogar durchgängig bis zum 31. Januar 2021. „Es wird spannend zu beobachten sein, was im Falle einer verlängerten Saison mit Spielern passiert, deren Verträge eigentlich am 30. Juni enden würden“, sagt Bergweiler. Hintergrund: Nach einer Fifa-Entscheidung dürfen die Arbeitspapiere bis zum regulären Ende der Spielzeit verlängert werden. „Für einen Verein wichtige Spieler werden davon partizipieren, sie können für eine mehrwöchige Ausweitung entsprechende Summen aufrufen. Manchen Reservespielern hingegen dürfte wohl vom Verein aus keine Verlängerung angeboten werden. Bei dem Thema gilt: Vereine und Spieler haben nichts zu verschenken“, sagt Bergweiler.

Im oberen Profi-Bereich wird der deutsche Fußball aus Sicht von Senesie und Bergweiler lediglich mit „Schrammen“ aus der Corona-Krise kommen. Andernorts sieht’s anders aus. Bergweiler: „In Russland zum Beispiel hängen viele Vereine am Tropf der Erdöl-Industrie, in der die Preise einbrechen. Und in Polen häufen sich Nachrichten über verfügte Gehaltsverzichte von 50 Prozent und Vertragsauflösungen.“

Die FSB-Geschäftsführer glauben derweil nicht, dass sich das Gebaren auf dem Transfermarkt nachhaltig ändern wird. Senesie: „Anfangs gibt es vielleicht mehr Fürsorge. Doch sobald Erfolgsdruck herrscht, vergessen viele wieder gute Werte. Leider.“