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Trier/Baden-Baden: Ein Berg von Mensch

Sportler des Jahres : Ein Berg von Mensch

Er ist Deutschlands erfolgreichster Kanute aller Zeiten und das Gesicht dieser Sportart: Vor der Sportler-des-Jahres-Gala stand Olympiasieger und Fahnenträger Ronny Rauhe dem TV Rede und Antwort.

Olympiasieger, Weltmeister, Europameister. Deutscher Meister sowieso – und das mehr als nur einmal. Über zwei Jahrzehnte hinweg absolute Weltklasse. Er war das Gesicht des Deutschen Kanu­sports. Und zum Abschluss einer grandiosen Karriere setzte er dann noch die „Kirsche auf das Sahnehäubchen“: Hinter Fahnenträger Ronald „Ronny“ Rauhe führte die deutsche Mannschaft zur olympischen Abschlussfeier ins Stadion von Tokio an. Der Potsdamer ist einer der Favoriten auf den Titel des Sportlers des Jahres am kommenden Sonntag in Baden-Baden. TV-Mitarbeiter Jürgen C. Braun traf Rauhe, mittlerweile Berufssoldat, im Vorfeld der Sportler-Gala:

Mein erster Gedanke, als ich Ronny im „Brenners“, einer der Baden-Badener Top-Adressen, in dem nach dem Krieg auch schon mal General de Gaulle residiert hatte, traf, war der: „Mit dem Typen hätte auch Leinwand-Haudrauf Bud Spencer seine Mühen gehabt.“ Ronny war, nein er ist ein Berg von Mensch. Unter seinem dunklen T-Shirt treiben die Muskeln zuhauf wie im Sonderangebot ihr Spiel an diesem Athletenkörper.

Aber Ronny Rauhe ist mehr als nur eine mächtige, imposante Erscheinung. Er ist vor allem eines: Ein liebenswerter, eloquenter Gesprächspartner. Einer, der ungezwungen, mit einem fast schon spitzbübisch zu nennenden Lächeln auf dem Gesicht über die letzten Tage seines Sportlerlebens, über das besondere „Nicht-Flair“ von Tokio, und über das, was aus dem Kanu-Denkmal Ronny Rauhe jetzt werden soll und wird, spricht.

Sein letzter Schlag, erzählte er, und das klingt nicht einmal pathetisch, sei sein schwierigster, aber auch zugleich sein schönster gewesen. Quasi auf der imaginären Ziellinie im K4, dem Kajak-Vierer auf der 500-m-Strecke um und mit Rauhe, sicherte sich das Quartett Gold. Im Ersatzboot, weil das Original nicht rechtzeitig in Tokio angekommen war. 140 bis 150 Schläge pro Minute. Wie der Propeller eines Hubschraubers. Eine irrsinnige Frequenz. „Emotional entgleist“ sei er vor allem später, als sich seine Frau, die Kanutin Fanny Fischer, und seine beiden kleinen Söhne (fünf und sieben Jahre), via Handy-Telefonat gemeldet hatten.

Dass sich in den berechtigten Stolz danach auch etwas Wehmut nach dem letzten Rennen gemischt hatte, verhehlt der Familienvater nicht. „Dass ich dem Kanu-Sport nach so langer Zeit als Figur fehlen werde und eine Lücke hinterlasse, das bedeutet mir sehr viel. Und dass ich Leute motiviert habe, alles zu geben, alles aus sich herauszuholen, aber auch die Leistung des Gegners anzuerkennen und zu respektieren, das ist mir viel mehr wert als jede Medaille.“ In diesem Rennen, so erzählte er, „hat es noch einmal ganz extrem weh getan im Boot. Aber danach nie wieder.“ Die Goldmedaille habe es ihm viel einfacher gemacht, Feierabend zu machen und zu sagen: „Das war der letzte Schlag.“

Dass keine Zuschauer an der Regatta-Strecke dabei waren, habe ihm „emotional eher ein bisschen weiter geholfen. Das hat doch den Druck etwas rausgeholt“. Dass das Rennen erst auf den allerletzten Metern entschieden wurde, spiegelt auch den Charakter des Sportsmanns Rauhe wider: „Es wäre der Leistung der Spanier nicht gerecht geworden, wenn wir hier mit einem großen Vorsprung gewonnen hätten. So war es spannend bis zum letzten Schlag und ein würdiges Finale für beide Boote.“

Seinem Sport bleibt er auch als Wettkampf-Rentner treu. Als früherer Zeit- und jetziger Berufssoldat ist die Zukunft abgesichert. Rauhe, der mit seiner Familie im brandenburgischen Falkensee lebt, wird weiter paddeln, sich für Sport und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen einsetzen. „Das ist mir wichtig, wenn ich den Kids das mit auf den Lebensweg geben kann. Vielleicht kann ich unseren Sport dabei auch ein wenig ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Wir sind ja doch eine Randsportart.“

Dass er als (erfolgreicher) Vertreter einer solchen aber dennoch hofft, bei der Sportlerwahl am Sonntag möglichst gut abzuschneiden, wäre ihm schon zum Abschluss eines unvergesslichen Jahres viel wert. „Vor allem, weil da so viele andere Kolleginnen und Kollegen aus olympischen Sportarten dabei sein werden und gemeinsam das Jahr ausklingen lassen. Das macht diese Gala so besonders.“