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Trier: Der große Wunsch des Miezen-Meistertrainers

Was macht eigentlich ...? Dago Leukefeld : Der große Wunsch des Miezen-Meistertrainers

Die Trierer Miezen führte er zur Deutschen Meisterschaft. Im Frauenhandball hat Dago Leukefeld einst auch international Spuren hinterlassen. Welches Projekt den heute 58-Jährigen antreibt und was ihn immer noch alles mit Trier verbindet, verrät er im TV-Gespräch.

Zehn Jahre ist es her, da rettete Dago Leukefeld die DJK/MJC Trier: Der Miezen-Meistermacher von 2003 führte die Mannschaft nach dem Abgang von Thomas Happe im Frühjahr 2012 noch zum Klassenverbleib in der Frauenhandball-Bundesliga. „Es war damals eine Herzensangelegenheit. Ich wollte dem Verein etwas von dem zurückgeben, was er mir gegeben hat“, blickt der heute 58-Jährige zurück.

Viel hat Leukefeld erreicht in seiner Laufbahn, in der er mit 23 Jahren einst der jüngste Erstligacoach der DDR war. Das war damals in Erfurt, später coachte er sechs Jahre lang am Stück die HSG Blomberg. „Ich habe in meiner Trainerkarriere drei große Stationen gehabt. Trier war eigentlich die kürzeste Station von den dreien, aber die emotionalste“, erinnert sich Leukefeld. Mit früheren Weggefährten wie dem damaligen Miezen-Betreuer Heini Thomas und Jochen Scheler, dem einstigen Trainer der MJC-Herrenmannschaft, verbinden den aus dem thüringischen Sondershausen stammenden Handballlehrer immer noch enge Freundschaften. „Trier ist einfach eine lebens- und liebenswerte Stadt. Ich versuche die Verbindung engzuhalten, bin vier- fünfmal im Jahr da.“ Auch zum langjährigen Miezen-Macher Martin Rommel habe er (wieder) ein sehr gutes Verhältnis: „Differenzen haben wir längst ausgeräumt. Ich weiß, dass ich Martin viel zu verdanken habe.“

Die Wege nach Trier sind indes weiter geworden. Leukefelds Hauptwohnsitz ist zwar weiter in Erfurt – hier lebt er zusammen mit Ehefrau Beatrix, die unter ihrem Mädchennamen Mosert einst unter ihrem späteren Ehemann in Erfurt gespielt hat. Sein sportlicher Mittelpunkt liegt mittlerweile weiter im Norden, in Mecklenburg-Vorpommern. Den SV Fortuna 50 Neubrandenburg will er strukturell auf den Weg bringen und erreichen, „dass man ein regionales Erlebnis Frauenhandball hat“. Hier engagiert er sich als Cheftrainer der Viertliga-Frauen und coacht die A- und B-Juniorinnen, die ebenfalls in der Oberliga Ostsee-Spree aktiv sind.

Dabei war es eigentlich gar nicht Leukefelds Plan, noch einmal so intensiv in die Vereinsarbeit einzusteigen. 2013 machte er sich mit seiner Handballschule selbständig. „Ich wollte mich auf kurz oder lang auf das konzentrieren, was ich am liebsten mache: die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.“ Auch die Vereinsberatung und Trainerfortbildung gehören zum Portfolio seines Unternehmens Leukefeld-Handball. So kam 2018 der Kontakt zu Fortuna Neubrandenburg zustande.

„Meine Handballschule lief überragend, ich war fast 300 Tage im Jahr ausgebucht – und dann kam Corona. In eineinhalb Jahren bin ich da mehr oder weniger von hundert auf null gesackt. Meine gesamte Arbeitsgrundlage war weg.“ Da sei die Anfrage aus der 65.000-Einwohner-Stadt rund 120 Kilometer nördlich von Berlin, enger mit dem Verein zusammenzuarbeiten, gerade zur richtigen Zeit gekommen: „Es ging auch um eine sichere Anstellung.“

Hier engagiert sich Leukefeld auch am Sportgymnasium und kann durch das angeschlossene Internat intensive Talentförderung betreiben: „Wir trainieren sieben, acht Mal pro Woche. Unsere Frauenmannschaft hat ein Durchschnittsalter von noch nicht mal 18 Jahren. Hier lässt sich was aufbauen.“ Die Mission im Nordosten soll sein „letztes großes Projekt sein“. Zwei, maximal drei Jahre wolle er hier noch wirken.

Und dann? Mit Leukefeld-Handball ist er unverändert am Start, hat aber noch ein anderes Eisen im Feuer: Der Golfsport ist seine zweite große Leidenschaft. Inzwischen veranstaltet er bundesweite Turnierserien. Die Sorge um die Entwicklung des Frauenhandballs in Deutschland wird ihn aber sicher noch eine ganze Weile beschäftigen. Der ausgebildete Bergbau-Technologe wird nicht müde zu betonen, dass „Frauenhandball bei uns ein regionales Erlebnis bleibt – wie aktuell etwa in Dortmund, in Blomberg, in Buxtehude oder früher in Trier“. Dem Deutschen Handball-Bund fehle ein übergreifendes Konzept. „Man ruft das Jahr des Frauen- und Mädchenhandballs aus, man veranstaltet eine WM, von der kaum einer was mitkriegt. Es gibt keinen Marketing- und keinen PR-Plan. Man hat es nicht geschafft, außer Maren Baumbach (die ehemalige Trierer Mieze ist beim DHB Teammanagerin, d. Red.) ehemalige Spielerinnen miteinzubinden“, moniert Leukefeld. Frauenhandball finde in der Öffentlichkeit „schlicht nicht statt“. Im Fußball würden die Spiele im Fernsehen gesendet, „Frauenhandball musst du dir irgendwo im Internet anschauen“. Auch das Thema Traineroffensive für den Mädchenbereich sei nie konsequent angegangen worden: „Die talentierten Trainer gehen oft zu den Jungs, weil sie im Männerbereich auch später viel mehr Geld verdienen – und das selbst in unteren Ligen.“

Auch die vor rund zwei Wochen gescheiterten Verhandlungen mit dem bisherigen Bundestrainer Henk Groener bedauert Leukefeld in diesem Zusammenhang: „Mich hat es überrascht, und ich bedauere es, ohne Details zu kennen. Kontinuität ist auf solch einer Position etwas ganz Wichtiges. Henk hat mit seiner großen Erfahrung viel Positives bewirkt. In den letzten Jahren war es oft Spitz auf Knopf, dass es bei grißen Turnieren nicht geklappt hat mit dem Sprung ins Halbfinale.“

In den Jahren Von 2000 bis 2001 war Leukefeld selbst Bundestrainer der Frauen und Juniorinnen. Käme eine Rückkehr zum DHB nach rund 20 Jahren in Betracht? „Das ist immer ein Thema und wäre eine spannende Aufgabe“, spürt der Thüringer noch den sportlichen Ehrgeiz solch eine Herausforderung anzugehen. Doch er gibt sich keinen Illusionen hin: „Aufgrund meiner nicht immer diplomatischen Art würde mich der DHB nicht unbedingt anrufen. In den vergangenen Jahren habe ich zu viele Dinge beim Namen genannt – und das gefällt nicht immer allen.“ Auf dem deutschen Markt sieht er nur einen geeigneten Groener-Kandidaten. André Fuhr, Trainer des aktuellen Deutschen Meisters Borussia Dortmund würde er es zutrauen: „Er hat das Standing und verfügt über ein hohes Maß an Erfahrung. Das brauchst du unbedingt für diesen Posten.“

Vieles hänge gerade im Frauenhandball von den handelnden Personen ab, weiß Leukefeld aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung. So, wie einst auch in Trier. Gründe für den Absturz der Miezen, die vor drei Jahren von der nationalen Handballkarte verschwanden und nunmehr mit der ersten Mannschaft in der fünftklassigen Rheinlandliga spielen, sieht Leuke­feld „ganz viele“. Der Aufschwung sei ein Lebenswerk der Gebrüder Wolfgang und Martin Rommel, aber auch das der Vorstandsmitglieder Jürgen Brech und Oliver Bloeck gewesen. „Unterm Strich ist es aus  wirtschaftlichen Gründen auseinandergegangen, weil es die Protagonisten auch nicht geschafft haben, sich zusammenzuraufen und eine gemeinsame Strategie und einen gemeinsamen Weg zu finden“, sagt Leukefeld im Rückblick. Eine wichtige Rolle habe einst auch der damalige Oberbürgermeister Helmut Schröer gespielt: „Er war einer, der immer geholfen hat. Nicht zuletzt dank ihm schuf man mit der 1. Liga im Basketball und im Frauenhandball und der 2. Fußball-Bundesliga erlebbaren Spitzensport für die Menschen hier in der Stadt und der Region“.

 Seinen großen Erfahrungsschatz gibt Dago Leukefeld heute an die Talente des SV Fortuna 50 Neubrandenburg weiter.
Seinen großen Erfahrungsschatz gibt Dago Leukefeld heute an die Talente des SV Fortuna 50 Neubrandenburg weiter. Foto: Thomas Bornkessel

Bronzemedaillen bei Welt- und Europameisterschaften mit den DHB-Teams, ein Europapokalfinale mit dem Thüringer HC, Bundesligaaufstiege: Viel hat Leukefeld in seiner Trainerlaufbahn erreicht. „Die Deutsche Meisterschaft 2003 mit den Miezen ist aber unerreicht“, betont er und hätte „einen riesigen Wunsch“: Im kommenden Jahr, wenn sich der Titelgewinn zum 20. Mal jährt, wäre es „eine tolle Geschichte, wenn dieser Triumph noch einmal in irgendeiner Weise gewürdigt werden könnte“. Er habe immer noch die DVD von der Meisterschaft, die OB Schröer anfertigen ließ, und schaue sie sich noch ab und zu an. „Mich verbindet da immer noch sehr viel. Es war eine großartige Zeit mit Weltklassesportlerinnen wie Maren Baumbach, Anja Althaus, Svetlana Mozgowaia, Svetlana Minevskaja, Alex Gräfer oder Marielle Bohm zusammenzuarbeiten.“