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Trier: Emotionaler Abschied einer Handballlegende

2011 in der Arena Trier : Heiner Brands letztes Länderspiel: Emotionaler Abschied einer Handballlegende

Heiner Brands letztes Länderspiel als Bundestrainer machte vor knapp zehn Jahren in Trier aus dem Duell gegen Lettland ein ganz besonderes. Warum auf einmal ein Rennrad auf dem Spielfeld auftauchte, und weshalb Brand bei Ex-Arena-Chef Wolfgang Esser einen bleibenden Eindruck hinterließ: Antworten darauf gibt es im nächsten Teil unserer Serie „Sooo ein Tag“.

Länderspiele, Europacup, Auftritte von Weltstars: In seinen 17 Jahren als Chef der Arena Trier hat Wolfgang Esser bis zu seiner Rente Mitte 2019 nicht nur allerhand miterlebt, sondern sogar mitgestaltet. Jede Menge Prominente lernte er aus nächster Nähe kennen, darunter viele aus dem Sport.  Eine Veranstaltung, deren sportliche Bedeutung relativ gering war, die aber trotzdem ganz groß herauskam, ist ihm in besonders guter Erinnerung geblieben – das Abschiedsspiel von Handballlegende Heiner Brand als Bundestrainer am 12. Juni 2011.

Neben Basketball vor allem Handball: Auch dank der langjährigen Bundesliga-Zugehörigkeit der (damaligen) TBB Trier und der Miezen waren und sind die Kontakte zu den jeweiligen Fachverbänden eng. Die deutschen Korbjäger absolvierten bislang ein halbes Dutzend Länderspiele in der Arena (inklusive zwei A2-Partien), und ehe bei der Frauenhandball-WM 2017 eine ganze Vorrundengruppe in Trier ausgespielt wurde, bestritten die Frauen und Männer hier bereits sieben internationale Vergleiche.

1997 hätte es beinahe schon ein Handball-Länderspiel der Herren an der Mosel gegeben, die isländische Auswahl sollte damals zu Gast sein. Weil die Mäusheckerhalle aber nicht den Ansprüchen genügte, und es die Arena noch nicht gab, kam die Partie nicht in Trier zustande. Es wäre das erste Länderspiel von Brand als Bundestrainer gewesen. Arno Ehret, der damalige Direktor des Deutschen Handball-Bundes (DHB), weilte zu einem Vor-Ort-Termin in Trier. „Doch er meinte, die Halle sei zu klein. Daraufhin sagte Oberbürgermeister Helmut Schröer mit einem Augenzwinkern: ‚Dann bauen wir halt eine größere Halle.’“, erzählt Heinz Winden aus Kasel im Ruwertal, über viele Jahre hinweg einer der DHB-Vizepräsidenten und auch heute, mit 79, noch als Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission offiziell im Verband tätig („Im Herbst will ich aber Schluss machen.“). „Statt zu seiner Premiere kam Heiner Brand dann halt zu seinem Abschiedsspiel. Es war ein Abend voller Emotionen“, erinnert sich Winden an den 12. Juni 2011 in der Arena.

„Das Spiel gegen Lettland hatte sportlich eigentlich keinen großen Wert mehr, und zu dem Zeitpunkt, als wir den Zuschlag erhielten, war nicht klar, dass Heiner Brand ausgerechnet bei uns sein letztes Spiel als Bundestrainer macht“, erinnert sich Wolfgang Esser. Die deutsche Mannschaft hatte schon davor die Qualifikation zur Europameisterschaft 2012 in Serbien klargemacht (hier sollte sie unter Brands Nachfolger Martin Heuberger in der Hauptrunde scheitern). Die Vorbereitung auf das Lettland-Spiel verlief denn auch sehr entspannt: Nur zwei Trainingseinheiten wurden in Trier absolviert. Auf dem Programm standen stattdessen etwa eine Stadtbesichtigung mit dem Römerexpress und ein Kinobesuch.

 O b Handball, Basketball (wie das Showspiel mit Dennis Rodman) oder zahlreiche kulturelle Events: Auf seine Mitarbeiter konnte sich der langjährige Arena-Chef Wolfgang Esser (ganz rechts) immer verlassen. Von links: Bernd Herbertz (Technik), Silke Briesch (Verwaltung) und Rainer Kellers ch (Technik).
O b Handball, Basketball (wie das Showspiel mit Dennis Rodman) oder zahlreiche kulturelle Events: Auf seine Mitarbeiter konnte sich der langjährige Arena-Chef Wolfgang Esser (ganz rechts) immer verlassen. Von links: Bernd Herbertz (Technik), Silke Briesch (Verwaltung) und Rainer Kellers ch (Technik). Foto: Andreas Arens

Leicht und locker gewann die DHB-Auswahl mit 32:22. Mit den Gästen aus dem Baltikum hatte das Team um den aus Daun stammenden Kapitän Pascal Hens kein Problem. Trotzdem sprach Brand, der schon 1978 als Spieler den WM-Titel errungen hatte, hinterher vom „schwersten Spiel meines Lebens“. Jede Menge Emotionen schwangen mit beim Abschied des  damals 58-Jährigen, der sich nach vierzehneinhalb Jahren mit 391 Spielen (davon 241 Siege), EM- und WM-Gold verabschiedete, dem Handballverband aber noch als Sportdirektor erhalten blieb.

An ein enormes Medieninteresse erinnert sich Esser. Das ZDF übertrug die Partie sogar live. „Der Werbewert für Trier war enorm.“ Sogar über die Grenzen von Deutschland hinaus sei der Name der Stadt mal wieder genannt worden. „Der finanzielle Nutzen der Arena aus Länderspielen war und ist deshalb nicht immer entscheidend. Und von den gut 4500 Zuschauern kamen viele von weiterher angereist, haben hier übernachtet und auch ansonsten Geld in Trier gelassen“, sagt der frühere Chef von Triers guter (Sport-) Stube, für den Arnd Landwehr vor knapp zwei Jahren die alleinige Geschäftsführung übernahm.

Dass Großveranstaltungen wie das Handballländerspiel so gut über die Bühne gingen und es seit der Eröffnung der Arena im Jahre 2003 nie zu größeren Störungen im Ablauf kam, ist auch ein Verdienst der „Männer der ersten Stunde, die hier jede Schraube und jeden Winkel kennen“, so Esser und meint damit das Team um den technischen Leiter Bernd Herbertz und seinen Mitarbeiter Rainer Kellersch.

Die Bedingungen in der Arena wurden und werden auch von den (Spitzen-) Sportlern immer wieder gelobt. Rund um den ersten internationalen Handballvergleich gab es aber Startschwierigkeiten. Nach dem Länderspiel der deutschen Frauen gegen Bulgarien am 1. Juni 2003 beschwerten sich die Spielerinnen, der Boden sei zu hart, und sie klagten über Knieschmerzen. Der Bauträger erneuerte daraufhin den Untergrund – für rund eine Viertelmillion Euro. 

Ähnlich wie ihr früherer Chef Esser erlebten auch Herbertz und Kellersch über all’ die Jahre zahlreiche Stars von Weltruf, waren begeistert, dass Dirk Nowitzki nach dem Basketball-Ländermatch am 30. Juli 2004 vor 5800 Besuchern gegen Estland bis nach Mitternacht in aller Seelenruhe Autogramme schrieb und sich zuvor nach seiner Ankunft am Bahnhof zu Fuß auf den knapp zwei Kilometer langen Weg gemacht hatte, statt den Fahrdienst in Anspruch zu nehmen. Über den exzentrischen Basketballstar Dennis Rodman, der nach einem Showspiel am 15. November 2009 als Zechpreller für Schlagzeilen sorgte und nach einer feuchtfröhlichen Nacht in einem Trierer Hotel von der Polizei in seiner Stretchlimousine auf der Autobahn gestoppt wurde, können sie nichts Negatives sagen: „Rund ums Spiel war alles okay.“

Von der Begegnung mit Heiner Brand schwärmen Esser und seine Ex-Kollegen noch heute. „Trotz seiner großen Erfolge als Spieler und Trainer war er immer total bodenständig und absolut jovial.“ Bewegend war für Esser 2011, wie auch einige Male davor und danach der Arena-Besuch von Joachim Deckarm, mit dem er einst gemeinsam an der Sporthochschule in Köln studiert hat: Der 1978er Weltmeister erlitt vor über vier Jahrzehnten bei einem Europacup-Spiel ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, in dessen Folge er monatelang im Koma lag und bis heute auf Hilfe angewiesen ist.

Eine offizielle Verabschiedung Brands als Bundestrainer gab es vor knapp zehn Jahren in der Arena wegen der protokollarischen Zwänge bei einem EM-Qualifikationsspiel übrigens nicht. Pascal Hens & Co.  ließen es sich aber nicht nehmen, ihrem Coach zum Abschied ein Rennrad zu schenken. „Es gab dann noch eine kleine interne Feier mit Heiner und den Spielern im Nells-Park-Hotel“, berichtet Esser. Selbst durfte er sich ein Feierabendbier in der damals noch unter La-Ola-Sportsbar firmierenden Arena-Gastronomie schmecken lassen – mal wieder hatte bei einer sportlichen Großveranstaltung alles gepasst.