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Trier: Für Schmidt ging's raus aus dem Achter, rein ins Einer-Leben

Jahresrückblick : Richard Schmidt: Raus aus dem Achter, rein ins Einer-Leben

Abschiednehmen hieß es für den Trierer Ausnahmeruderer im ablaufenden Jahr: Der erfolgreichste Athlet der Region hat seine Laufbahn beendet. Was er vermisst, was er vorhat und worin er seinen Heimatverein RV Treviris gut aufgestellt sieht.

Europameister, Weltmeister, Olympiasieger, Sportler des Jahres: Mehr als Richard Schmidt konnte bisher noch kein Sportler, keine Sportlerin aus der Region aufweisen. Nach Olympia beendete der beim RV Treviris Trier als Jugendlicher ausgebildete  Weltklasse-Ruderer in einem Abschiedsrennen seine Karriere. Mit TV-Mitarbeiter Jürgen C. Braun blickte der 34-Jährige am Rande der Gala „Sportler des Jahres“ nicht nur auf seine eigene Karriere zurück, sondern gewährte auch einen Blick hinter die alltäglichen Kulissen des Leistungssportlers.

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„Wir treffen uns um null Uhr drüben im kleinen Saal. Dann habe ich genügend Zeit.“ Null Uhr? Kein Problem in einer solchen Nacht. Feste Terminierungen zu zuvor vereinbarten Vier-Augen-Gesprächen, die auch mal etwas länger ausfallen können, bedürfen je nach Zeitpunkt und Anlass auch einer gewissen Flexibilität. So wie an diesem vierten Advent zur Geisterstunde im Kurhaus von Baden-Baden. Schmidt und mit ihm der gesamte Deutschland-Achter waren zur Proklamation der „Sportler des Jahres“ angereist. Eine Truppe mit Charakter, mit „Mörtel“, der zusammenhält, wie der Abend wieder einmal unter Beweis stellt: Schmidt ist stolz auf „sein“ Boot: „Wir kommen immer zusammen hier hin. Wenn wir eingeladen werden, sind wir auch komplett.“

2012, als er mit dem Paradeboot des Deutschen Ruderverbandes nicht nur Olympiasieger geworden war, sondern auch ein Teil der „Mannschaft des Jahres“ war, erlebte er in der Schwarzwald-Metropole mit dem Team seinen größten Auftritt coram publico. Dass er in diesem Jahr, mit dann 34, aufhören würde, hatte er langfristig beschlossen. Etwas Wehmut war beim Wiedersehen doch dabei: „Ich vermisse die Jungs schon, das gemeinsame Arbeiten auf ein großes Ziel hin. Und ich vermisse den Sport. Ich habe das Rudern auf höchstem Level ja über viele Jahre so intensiv betrieben, weil ich es gerne gemacht habe.“ Auf den „Tag X“, wenn er einmal aufhören würde, habe er sich zwar jahrelang mental vorbereitet - aber: „Nach Olympia und nach dem letzten Rennen war dann schon ein kleines Loch da.“

Aber, so Schmidt, „ich habe irgendwann gespürt, dass es Zeit für eine Veränderung war. Ich hatte mich schon 2016 mit dem Gedanken ans Aufhören beschäftigt, aber dann doch noch das Feuer in mir gespürt.“ Und das brannte mit Erfolg.  Fünf Jahre lang, eines länger als geplant. Bis zum olympischen Finale, als das neuseeländische Boot die Serie beendete, hatten Schmidt und Co. alle wichtigen Rennen bei Groß­ereignissen gewonnen.  Wegen Corona hatte es keine WM gegeben, man wusste also nicht, was vor allem die Neuseeländer drauf hatten. Corona sei für ihn „extrem ärgerlich“ gewesen, weil dadurch alles ein Jahr nach hinten verschoben wurde. „Aber ich muss ja weitermachen, will irgendwann auch mal fertig werden.“

Wie jeder Athlet, der seine Laufbahn beendet hat, muss er abtrainieren. Das tut er in Dortmund, seiner Wahlheimat, wo er auch sein Studium als Wirtschaftsingenieur beendet hat, regelmäßig: „Ich habe mit der Promotion in Energietechnik begonnen. Die steht jetzt im Fokus.“ Und natürlich: Schmidt hat Familie, hat zwei Kinder. Die wollen natürlich mehr Zeit mit dem Vater verbringen. Und er mit ihr.  Eine Liste habe er sich gemacht, auf der Dinge stünden, die er bisher wegen des Sports auf höchstem Niveau nicht habe machen können. „Aber ich habe mich selbst gewundert, wie erstaunlich schnell man die abarbeiten kann.“

Ohne Sport geht es auch im Leben „als Einer“ nicht. „Ich fahre viel Rad, gehe in den Kraftraum. Aber es ist halt nicht dasselbe, als wenn man Teil einer Mannschaft ist.“ Mehr als drei oder vier Wochen im Jahr ohne Rudern habe es in seinem eben als Profi nie gegeben. „Und zu einer Jahreszeit wie jetzt, wo wir heute Abend hier stehen, hatte man natürlich ein Paket fürs Individualtraining.“ Alles sei dem Rudern untergeordnet gewesen. Jahrelang gefühlt rund um die Uhr. Jeden Tag, Auch Samstag und Sonntag. Jetzt sei er einfach flexibler mit seiner Zeitgestaltung, man könne sich auch am Wochenende mal mit Freunden treffen.

Der Teamgedanke, die gemeinsame Schinderei und Plackerei, gehörten seit vielen Jahren zu seinem strukturierten Tagesablauf. Ebenso wie das Analysieren von Rennen und die schönen Momente im Kreis „der Jungs“, wenn es wieder einmal „fürs Treppchen“ bei großen internationalen Wettkämpfen gereicht hatte. Gemeinsam mit Steuermann Martin Sauer saß Schmidt schon 2012 im Boot, das gegen den alten Rivalen Großbritannien zum Olympiasieg fuhr. Die Besetzung wird in Zukunft eine andere sein. Auch ohne Sauer. „Wir haben im Hintergrund auch junge Leute, die ins Boot wollen.“

Einige in diesem Alter sieht er auch bei seinen regelmäßigen Besuchen in der Heimat. Zum RV Treviris, zu dessen Vorstand und Trainern, habe er immer noch regelmäßigen Kontakt. Und er sei vor Ort, wenn es zeitlich hinhaue. „Natürlich kann ich da Tipps geben. Und wenn die von mir kommen, dann ist das auch für den Nachwuchs glaubhaft. Wir brauchen gute Trainer, aber in Trier ist das der Fall.“

Und wenn Schmidt seinen „Doktor gebaut“ hat, das „kleine Loch“, das er kurz nach dem letzten Rennen verspürt habe, endgültig zugeschüttet ist und das Leben eine andere Richtung genommen hat, Schmidt nicht mehr auf Position drei sitzt, sondern sein eigener Schlagmann geworden ist, dann wäre vielleicht auch irgendwann einmal der Gedanke an die Rückkehr in den Rudersport auf höchstem Niveau im Trainerwesen denkbar.

Darüber – wenn es denn dazu käme – würden wir uns dann gerne wieder unterhalten. Auch nachts zwischen null und ein Uhr im festlich illuminierten Kurhaus von Baden-Baden.