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Trier: Nur Trockenübungen für die Wasserratten

Schwimmen : Nur Trockenübungen für die Wasserratten

Bedingt durch den anhaltenden Lockdown liegt das Vereinsleben in Deutschland brach. Kreative Ideen sind gefragt, um die Mitglieder bei Laune zu halten. Mit digitaler Hilfe versucht auch der Schwimmsportverein Trier, Trainingsmöglich­keiten zu bieten.

Um 17.50 Uhr erscheint Katrin Radecks Gesicht im Fenster des Online-Videodienstes. Eigentlich würde die lizenzierte Schwimmtrainerin jetzt in der warm-feuchten Schwimmbadluft stehen und auf ihre Schützlinge warten. Stattdessen sitzt die 56-Jährige zu Hause im umgeräumten Gästezimmer unter dem Dach auf einer blauen Sportmatte. Hinter ihr an der weißen Wand steht ein Fahrrad, auf einem Mauervorsprung liegen unterschiedlich schwere Gewichte und am Balken hängen Fitnessbänder in verschiedenen Stärken.

Die erste Trainingseinheit an diesem Tag ist für den Nachwuchs, Mädchen und Jungen zwischen neun und elf Jahren. Wie im Schwimmbad trudeln die Kinder nach und nach auch zum digitalen Training ein und werden individuell begrüßt. Trotzdem ist die Atmosphäre anders, das Training ist unpersönlicher. Im Schwimmbad freuen sich die Kinder. Es wird gelacht und erzählt. Auch mit den Eltern wechselt Radeck ein paar Worte, die Stimmung ist familiär. Online dagegen ist es sehr still. Zwar winkt ab und zu ein Elternteil in die Kamera, aber meistens sitzen die Kinder allein vor ihren Geräten. Auch die Trainingsbeteiligung ist geringer. Online nehmen nur zwölf Sportler am Training teil, im Wasser ziehen normalerweise doppelt so viele Schwimmerinnen und Schwimmer ihre Bahnen.

So wie Radecks Verein, dem SSV Trier, ging es in Deutschland in den vergangenen Monaten nahezu allen Sportvereinen: Die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben bis vor kurzem die Zusammenkunft von Personengruppen und explizit den Trainingsbetrieb verboten. Erst seit Anfang der Woche ist es wieder in bestimmten Gruppengrößen und mit Einschränkungen erlaubt (TV berichtete mehrfach). Schwimmbäder etwa bleiben aber weiter zu.

Dabei ist Bewegung besonders gerade für den Nachwuchs wichtig. Laut dem Deutschen Olympischen Sportbund sollten sich Kinder und Jugendliche sich täglich mehr als 90 Minuten bewegen und zwei- bis dreimal pro Woche Kraft und Ausdauer stärken. Viele Sportvereine haben sich deswegen Alternativprogramme überlegt, um ihren Sportlern auch im Lockdown Angebote machen zu können und sie so weiter an sich zu binden.

Das Training des SSV Trier beginnt mit einigen Hürden. Ein Kind hat Probleme mit dem Mikrofon und gestikuliert wild vor der Kamera, andere Kinder vergessen zu Trainingsbeginn, ihre Mikrofone auszuschalten, im Hintergrund sind die Gespräche der Familie zu hören. Auch der Bildausschnitt ist nicht immer optimal. Während ein Mädchen zu weit weg steht, ist ihre Nachbarin im nächsten Bild der Kamera so nah, dass nur ihre Beine zu sehen sind. Nachdem mit Hilfe der Eltern und Hinweisen der Trainerin alle Probleme beseitigt sind, kann es losgehen, das Aufwärmen beginnt mit Hampelmännern. Nach ungefähr zehn Minuten ist das erste Kind verschwunden. Ob die Internetverbindung abgebrochen ist oder Luis keine Lust auf das Training hatte, bleibt unbeantwortet.

Schwimmvereine wie der in Trier stehen aktuell vor besonders großen Problem: Ohne Bäder können sie weder sportartspezifisches Training noch Schwimmkurse anbieten. Die Wartelisten werden länger und länger, mittlerweile steht ein gesamter Jahrgang ohne Schwimmunterricht da. Das könnte dazu führen, dass Deutschland wirklich zum Land der Nichtschwimmer wird, wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft seit vielen Jahren warnt.

„Clara, streck die Beine richtig aus!“, sagt Radeck zum wiederholten Mal. Mit der direkten Ansprache versucht sie, den Kindern bestmögliche Hilfestellung zu bieten. Eine Sportlerin aus der ersten Wettkampfmannschaft unterstützt sie dabei. Während Radeck die Übungen erklärt und versucht, die Kinder zu korrigieren, macht die Sportstudentin in ihrem Bildschirm die Bewegungen vor. „Nehmt euch mal euer Lieblingskuscheltier und legt das unter euren Po“, sagt sie, „das dürft ihr jetzt nicht erdrücken, also Po oben halten.“ Bilder helfen den Kindern, sich die Übungen besser vorzustellen. 

Um 18.55 Uhr ist das Training beendet. Die Kinder winken noch einmal in ihre Kameras, bevor sie sich still aus dem Videochat verabschieden. Auch das ist im Schwimmbad anders. Nach dem Training erzählen die Kinder normalerweise viel, sagen was ihnen gefallen hat und äußern Wünsche, was sie gerne machen wollen. Eine Mutter schickt nach dem Training eine E-Mail: „Danke für das Training. Ich habe im Hintergrund auch mitgemacht, hat Spaß gemacht.“ Solche Rückmeldungen sind beim Online-Training selten.

Kaum haben die jungen Sportler den virtuellen Trainingsraum verlassen, kommen die Älteren in den Chat. Das zweite Training des Tages ist für die erste und zweite Wettkampfmannschaft und die Erwachsenen des Vereins. Technikprobleme gibt es hier kaum, die Kameras sind schnell ausgerichtet. Auch die Übungen müssen nicht so oft vorgemacht werden wie bei den Kindern, meistens reicht es, den Namen der Übung zu nennen, manchmal ist eine Erklärung des Bewegungsablaufs nötig. Im Hintergrund tickt ein Timer auf einem Smartphone. 40 Sekunden Belastung, 20 Sekunden Pause, ein Gong signalisiert den Wechsel.

Bis auf Radecks Stimme und die Geräusche der App ist es still, die Sportler haben ihre Mikrofone ausgeschaltet. Nach einer Stunde ist das Training vorbei, schnell verabschieden sich die Teilnehmer, einige winken in die Kamera, andere rufen „tschüss, bis nächstes Mal“, bevor sie sich abmelden. Das Gemeinschaftsgefühl, das sonst im Verein entsteht, gibt es online fast nicht. Unter Normalbedingungen gehen die Erwachsenen nach dem Training manchmal gemeinsam etwas essen, sitzen zusammen oder treffen sich am Wochenende. Jetzt ist das gemeinsame Training bloß noch Motivation für den Einzelnen.