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Trier: Wie „Premmi“ zum schottischen Krieger wurde

Handball ist unser Leben : Wie „Premmi“ zum schottischen Krieger wurde

Als Handballtorwart bremsten ihn immer wieder Verletzungen aus. Im Trainerteam der DJK/MJC Trier startete Stefan Premm aber durch – und gestaltete die glorreichen Zeiten der Miezen mit.

Seit er denken kann, ist er ein „Miezer“: Stefan Premm wuchs in der Rindertanzstraße auf, direkt gegenüber der MJC (lies: Miez), dem Jugendzentrum Mergener Hof. „Auf der andere Straßenseite hatte ich allerhand Möglichkeiten – von den Kinderspielgruppen, Hausaufgabenhilfen, den Teeraum, Jugend- und Kinderfreizeiten, Kinder- und Jugendclub, Miez-Kneipchen, den Bolzplatz – damals noch ein Teerplatz mit Handballtoren – bis hin zu vielen anderen Sportmöglichkeiten. Auch eine Betreuung durch Erzieher, Aufsichtspersonen und den Jesuitenpatern war immer gewährleistet.“

Er sei zu einer Zeit „in der Miez“ großgeworden, in der es an Kindern und Jugendlichen nicht mangelte. Der Hacker (Tischfußballspiel) am Haupteingang war immer ein beliebter Treffpunkt. „Man traf hier ständig echte Miezer und Handballegenden.“ Auch später als Jugendlicher war der Mergener Hof immer ein Anlaufpunkt für Premm. „Diese Zeit hat mich tatsächlich bis heute sehr geprägt, und dafür bin ich dem Verein und Jugendzentrum sehr dankbar. Das Gemeinschaftsgefühl eines Mannschaftssports in Verbindung mit einem derartigen Verein mit seinem Jugendzentrum ist schon vorbildlich. Man war stolz ein Miezer zu sein“, erzählt der heute 53-Jährige, den alle nur „Premmi“ nennen.

1976 wurde er offiziell Mitglied der MJC und schloss sich der Handballabteilung an. Premm begann als Feldspieler, aber schon nach kurzer Zeit stellte man fest, dass ihm das Torwartspiel besser liegt. Seine Jugendtrainer waren Hans Holzhäuser, Manfred Soffel, Christoph Heidweiler und am Ende Klaus-Dieter „Mausi“ Bermes. Premm bezeichnet seine Jugend als „etwas unruhig; ohne  Handball wäre einiges nicht so gut gelaufen.“ Besonders in der B- und A-Jugend sei der Zusammenhalt groß gewesen. „‘Mausi‘ Bermes hatte uns wirklich gut im Griff. Eine echt geile Zeit. Bis heute stehe ich mit einigen Jungs von damals in Verbindung“, freut sich der in Pellingen lebende Premm.

Mit 17 Jahren feierte er seine Premiere bei den ersten Herren. Trainer Rainer John hatte ihn für das letzte Oberliga-Aufstiegsspiel im Mai 1985 in der Quali-Runde zur Oberliga gegen den TuS Horchheim in der vollbesetzten Mäusheckerweghalle,  aus der A-Jugend hochgezogen, da sonst nur noch ein Torwart zur Verfügung stand. „Ich sollte mich nur zur Sicherheit auf die Bank setzen. Zur Halbzeit wurde ich eingewechselt, da Stammkeeper Richard Stoffel nicht seinen besten Tag erwischt hatte.“

Selten hatte die MJC ein Torwartproblem. Der Herrenbereich war sehr stark besetzt. So entschied sich Premm zum Wechsel ins Saarland. 1987 ging er zum damaligen Regionalligisten HSV Merzig-Hilbringen. Doch dieses Engagement stand unter keinem guten Stern: „Leider kam ich dort verletzungsbedingt nie zum Einsatz. Ich musste nach einem Jahr wegen einer Rückenverletzung die Segel streichen und ich kam zurück zur zweiten Miez-Männermannschaft.“ Seine Wechsel zu anderen Vereinen (1989 in die erste Luxemburger Liga zu HB Echternach und 1992 zur HSG Biewer-Pfalzel in die Oberliga) waren nur für eine kurze Zeit, da ihm meist das Verletzungspech immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. „Rückblickend glaube ich, dass da handballerisch noch mehr drin gewesen wäre“, so Premm.

Zum ersten Handballvergleich im Rahmen der deutsch-deutschen Städtepartnerschaft kam es 1988 in Weimar. Zusammen mit Vertretern des damaligen Bezirksvorstandes Mosel reiste Premm als Mitglied der von Wolfgang Becker trainierten Trierer Handballstadtauswahl nach Thüringen.

1990 spielte er dann mit der MJC in der Oberliga Rheinland. Um aufzusteigen, verpflichtete der Club einen Toptrainer: Peter Kral. Aber es kam ganz anders. Die Leistungen waren schwankend, und Kral musste die MJC frühzeitig wieder verlassen. Mit Walter Quast als Trainer schaffte das anfangs hochgehandelte Team gerade noch den Klassenverbleib.

Nach seiner Rückkehr aus Luxemburg ‘89, war Premm erstmals ins Trainergeschäft eingestiegen und übernahm die männliche MJC-C-Jugend. Später coachte er weitere Nachwuchsteams. 2002 wurde Premm mit der weiblichen D-Jugend – mit seiner Tochter Katrin – ohne Niederlage Bezirksmeister. Besonders stolz macht ihn aber die Entwicklung des eigenen Nachwuchses: „Für mich persönlich war Katrins erster Auftritt bei den Miezen in der Bundesliga schon etwas ganz Besonderes, und ich als Papa saß auch noch als Co-Trainer auf der Bank.“

In bester Erinnerung geblieben sind ihm die Trainerjahre bei der ersten Damenmannschaft der MJC. Nach seiner aktiven Laufbahn, die 1993 endete, sprach ihn der damalige Trainer Wolfgang Rommel an, ob er nicht fest als Co-Trainer bei ihm einsteigen wolle: „Ich hatte zuvor schon oft bei den Frauen mittrainiert und mich auch schon etwas um die Torhüterinnen gekümmert. Deshalb fiel mir die Antwort nicht schwer: Ich sagte zu.“

Premm spricht von „Wahnsinn, welche Erfolge wir mit finanziell sehr begrenzten Möglichkeiten in diesen Jahren erzielt haben. Wir haben immer versucht, eine familiäre und freundschaftliche Stimmung im Team und im Verein zu schaffen. Und so war es dann auch nicht verwunderlich, dass so viele überragende Spielerinnen zu den Miezen wechselten“.

Zu seinen sportlichen Erfolgen, die er gemeinsam mit Wolfgang Rommel feiern konnte, gehörten 1993/94 die westdeutsche Meisterschaft und damit der Aufstieg in die 2. Bundesliga Süd, in der gleichen Saison und 1994/95 das Achtelfinale im DHB-Pokal, vordere Plätze in Liga zwei, im Mai 1996 Gewinn des internationalen Wettbewerbs um den Regio-Cup und 1997 die Deutsche Meisterschaft  der DJK-Vereine.

Aber nicht nur die Erfolge an sich waren aus seiner Sicht herausragend, auch die Erlebnisse in „unserem Wohnzimmer, der Wolfsberghalle, und in den auswärtigen Hallen waren besondere Highlights“. Noch heute bekomme er eine Gänsehaut, wenn er an die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga im Mai 1994 denke. In Hagen war der Hasper SV Gastgeber. Kurz vorm Anpfiff ging es wie immer noch mal kurz in die Kabine zur Abschlussbesprechung: „Allerdings mussten wir die letzten Worte an das Team ausfallen lassen, da man in der Kabine sein eigenes Wort nicht verstanden hat. Die Halle war vollbesetzt, darunter 200 mitgereiste Miezen-Fans, und die riefen lautstark ‚Wolfgang lass die Miezen raus.’ Das tat ‚Wolli‘ dann auch, und wir sind in die 2. Bundesliga aufgestiegen.“

Gerade die Spiele beim BSV Sachsen Zwickau hatten es in sich: „In der 2. Liga Süd traten wir 1996 am Tag der Deutschen Einheit dort an, in einer engen und aufgeheizten Halle. Zwickau spielte zu Hause immer sehr  aggressiv. Auf der Hinfahrt hatten wir uns im Bus mehrfach den Film ‚Braveheart‘ mit Mel Gibson angeschaut. Das gesamte Wochenende gestalteten wir dann unter dem Motto ‚Wollt ihr kämpfen?‘ Dabei war ich in der Hauptrolle des William Wallace und Anführer der Truppe.“

Der morgendliche und als Lockerung gedachte Waldlauf vor dem Spiel habe sich dabei plötzlich zu einem Querfeldeinlauf über Stock und Stein mit völlig verrückten Schrei- und Beschwörungsaktionen entwickelt. „’Wollt ihr kämpfen‘ war dabei immer unser Leitspruch. Wir hatten uns damals gefühlt wie in den schottischen Wäldern. Tatsächlich hatten wir dann einen wichtigen Punkt (26:26 nach 15:21-Rückstand) aus Zwickau mitgenommen“, schwärmt Premm noch heute von der Partie in Zwickau.

Und dann waren da noch die beiden letzten Spiele in der Saison 1995/96, die Abstiegskrimis in Moringen und zuhause gegen Baunatal. Die DJK/MJC Trier musste beide Spiele gewinnen, um nicht abzusteigen: Man opferte eine Trainingseinheit und engagierte einen professionellen Karatetrainer. Das Selbstvertrauen sollten so entscheidend gesteigert werden. Jedes Teammitglied musste ein Brett mit der Handkante nach den Regeln des Karatetrainers durchschlagen – etwas Vorbereitung nach chinesischer Kampfkunst sowie die Fokussierung auf den Moment und alle schafften das auch. Was bis heute nur wenige wissen, verrät Premm: „Die zerteilten Bretter hatten wir bei beiden Spielen dabei, hatten sie sogar an der Auswechselbank und an einigen Plätzen in der Halle für uns sichtbar aufgestellt. So konnten alle immer wieder positive Energie schöpfen.“ Es half: Die Miezen schafften mit zwei Siegen den Ligaverbleib.

2006 sprach ihn Manager Martin Rommel nach einer Handballpause erneut an, ob er nicht wieder bei den Miezen einsteigen wolle. Es juckte ihn nach einer Pause wieder, und er sagte zu. So assistierte Premm  zunächst in der Bundesliga Spasoje „Mane“ Skercevic, später Ildiko Barna und dann Thomas Happe. Es wurde immer schwieriger, den Klassenverbleib zu schaffen. Zudem war es für „Premmi“ nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Als man 2009 und ’10 zweimal knapp den Klassenverbleib geschafft hatte, war „ich völlig leer und ausgebrannt und machte Schluss bei den Miezen“.

Bis heute hat Stefan Premm keine Handballaufgabe mehr angenommen, obwohl es einige Anfragen gab. Mittlerweile konzentriert sich der zweifache Opa auf die Familie („Sie stand in all den Jahren voll hinter mir.“) sowie Vereinsaufgaben in Pellingen. Seit 20 Jahren trainiert er dort eine Sportgruppe (2.Weg) beim dortigen Sportverein.

 Stefan Premm in der Stadtauswahl (Dritter von links)
Stefan Premm in der Stadtauswahl (Dritter von links) Foto: Stefan Premm
Trier: Wie „Premmi“ zum schottischen Krieger wurde
Foto: tv

Bei der MJC und im Handball generell seien „sehr tiefe Freundschaften und unumstößliche Kameradschaften entstanden und bis heute geblieben“. Nach Corona freut er sich auch wieder auf den monatlichen MJC-Stammtisch. Hier gibt es alle vier Wochen zahlreiche Anekdoten und Geschichten aus der Trierer-Handballszene. „Ich bin froh, ein Teil dieses erlesenen und illustren Kreises zu sein“, sagt der Ur-Miezer.