TV-Interview mit Schwimm-Bundestrainer Hannes Vitense

Interview Hannes Vitense : „Schwimmunterricht rettet Leben!“

Der Schwimm-Bundestrainer hat nach den medaillenlosen Olympischen Spielen in Rio de Janeiro einen schweren Job übernommen. Bei seinem Besuch in Trier schaute der 37-Jährige über den Tellerrand des Leistungssports hinaus.

Für ihn war es die Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte: Hannes Vitense nahm an einem Schwimm-Symposium an die Trierer Sportakademie teil, an der er einst einen Teil seiner Ausbildung absolviert hat. Zusammen mit dem Magdeburger Bernd Berkhahn (Team-Chef) bildet der 37-Jährige als sogenannter Team-Coach die Bundestrainer-Doppelspitze des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV). Im Interview mit TV-Mitarbeiter Holger Teusch sprach Vitense über seinen Sport, Talente und zu wenig Schwimmunterricht.

Herr Vitense, zurück in Trier, zurück in der Sportakademie, an der Sie auch die Sportlehrer-Ausbildung gemacht haben. Werden da Erinnerungen wach?

Vitense: Es war eine schöne Zeit. Es hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe die Ausbildung an der Sportakademie ergänzt mit dem Sportstudium und dem Diplomtrainer. Vor einer Weile war ich schon mal wieder hier und habe Klaus Klaeren getroffen und mich mit ihm unterhalten. Das war immer schon ein gutes Verhältnis, ich bin also gerne hier.

Nun waren Sie als Referent beim Schwimm-Symposium. Regelmäßig wird vor dem Rückgang der Schwimmfähigkeiten bei Kindern auch durch zu wenig Schwimmunterricht und Schwimmbadschließungen gewarnt. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Vitense: Schwimmunterricht rettet Leben! Es gibt keinen anderen Unterricht, der eine so große Bedeutung für das Leben hat. Viele Deutsche fahren ja im Urlaub ans Meer oder an Seen. Wenn man dann nicht schwimmen kann, wird es gefährlich. Das sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn wir über Schwimmbadschließungen reden. Eine solche Diskussion halte ich für gefährlich. Schwimmbäder sind ein Hotspot, um zu schwimmen, aber auch, um sich zu erholen oder einfach die Freizeit zu verbringen.

Der Spitzensport lebt vom Vereinssport und den Menschen die sich für eine Leistungsentwicklung der Athleten engagieren. Aber ohne Schwimmbad wird das in unserer Sportart natürlich schwierig.

Hat die zurückgehende Schwimmfähigkeit bei Kindern Auswirkungen auf den Leistungssport? Gibt es weniger Talente?

Vitense: An Talenten mangelt es nicht. Es mangelt an Plattformen, um immer wieder ins Gespräch zu kommen. Deshalb ist so etwas wie das Schwimm-Symposium an der Sportakademie sinnvoll. So etwas bräuchten wir flächendeckend.

Wenn man über den Schwimmsport und Talente nachdenkt, mangelt es daran, dass junge Menschen Sport nicht so erleben, wie sie ihn erleben müssten, um ihn auf höchstem Niveau zu betreiben.

Seit Februar bilden Sie als Team-Coach zusammen mit Bernd Berkhahn die Bundestrainer-Doppelspitze im DSV. Wie war das erste Dreivierteljahr?

Vitense: Es ist ein tolles Team, mit dem wir zusammenarbeiten. Ich bin froh darüber, dass wir uns gut verstehen und ergänzen. Es müssen nicht immer gleichdenkende Menschen zusammenarbeiten, sondern Menschen, die für eine Sache brennen und sich zutrauen, auf andere zuzugehen.

Bei der zurückliegenden Weltmeisterschaft im Juli in Südkorea gewann das deutsche Team drei Gold-, zwei Silber- und zwei Bronze-Medaillen. Wie ist die WM aus Ihrer Sicht verlaufen?

Vitense: Wenn man etwas entwickeln will, braucht man Zeit. Dennoch ist es positiv gelaufen. Wir wollen über eine Staffelphilosophie, gemeinsame Trainings- und Wettkampfmaßnahmen eine Mannschaft zusammenbauen, in der jeder den anderen pusht. Das ist das ist das zentrale Ziel.

2020 blickt alles auf Tokio. Was wünschen Sie sich für die Olympischen Spiele?

Vitense: Wenn man keine Medaille 2016 in Rio gewonnen hat, möchte man mindestens eine holen. Wir können aber keinem Athleten Medaillen diktieren. Aber wir sind ein Team, das unheimlich viel Spaß daran hat, Leistung zu entwickeln. Es ist eine tolle Dynamik da. Unser Anspruch ist es natürlich, Weltklasseathleten zu entwickeln. Das steht und fällt mit einem gut geplanten System für die Sportler. Jeder übernimmt dabei Verantwortung. Auch die Medien und die Öffentlichkeit in der Frage, wie der Sport wahrgenommen wird.

Sie denken nicht nur an die nächste Meisterschaft?

Vitense: Wir wissen, dass nicht immer alles im Leben geradlinig verläuft. Bei uns geht es um junge Menschen. Sie müssen permanent dazulernen. Irgendwann kommen sie an einen Punkt, an denen sie selbst Verantwortung in der Mannschaft und für Leistung übernehmen müssen.

Was für mich oft nicht so richtig rüberkommt, ist, was die jungen Sportler hintenanstellen: Studium, Ausbildung, Privatleben. Deshalb würde ich nie einem Athleten den Vorwurf machen, er habe nicht alles gegeben. Natürlich gehört es dazu, dass Athleten ein Finale erreichen und dort Medaillen gewinnen wollen. Das macht den Reiz am Ende doch auch aus, deshalb entscheiden sich junge Menschen doch unter anderem für den Leistungssport in ihrem Leben.

Über welchen Zeithorizont sprechen wir?

Vitense: Unser System beruht darauf, dass wir die Nationalmannschaft eine Strecke begleiten, diese positiv gestalten, um dem deutschen Schwimmsport einen neuen Impuls zu geben. Ich glaube, wir können das schaffen, weil wir versuchen, Neues zu denken. Unser größtes Potenzial in Deutschland ist, dass wir sehr gute Ideen und eine gute Infrastruktur haben, gute Wissenschaftler und hervorragendes Personal. Jetzt müssen wir akribisch arbeiten. Wenn man es an Olympiazyklen festmachen würde, braucht man mindestens zwei, um wirklich etwas zu sehen. Olympia in Deutschland könnte diese Entwicklung deutlich schneller voranbringen.

Die Öffentlichkeit erwartet meist schnelle Resultate. Erhöht das den Druck?

Vitense: Überhaupt nicht! Ich bin von Natur aus ein Optimist und ein akribischer Arbeiter. Ich glaube, in einem Team kann ich als Person sehr viel einbringen. Ich habe an dem, was ich tue, sehr viel Spaß – und den lasse ich mir nicht durch Probleme, die auftauchen, vermiesen. Die Leistungen können am Ende nur die Athleten im Wasser bringen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen vorfinden.

Interview: Holger Teusch