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Ukraine-Krieg: Handballer des TuS Daun vereint in Fassungslosigkeit

Ukraine-Krieg : Dauner Handballer vereint in der Fassungslosigkeit

Ruslan Podriezov ist gebürtiger Ukrainer, Igor Domaschenko stammt aus Russland. Wie blicken der Spieler und der Trainer des Oberligisten auf die Kriegsgräuel in Osteuropa?

Der Handball beim TuS Daun und der Job als Industriemechaniker bei Tesla bringen Ruslan Podriezov nur phasenweise Ablenkung. „Wenn ich Handball spiele, konzentriere ich mich auf den Sport. Aber sobald der Pausenpfiff ertönt, schwirrt wieder der Krieg in meinem Kopf herum“, sagt Podriezov.

Der ehemalige ukrainische U-21-Nationalspieler stammt aus Saporoschje, seit 2012 lebt er in Prüm. „Meine Familie und viele Freunde sind noch in der Ukraine. Meine Eltern und meine Oma leben in Saporoschje. Die Stadt liegt nicht weit entfernt vom Atomkraftwerk, das die Russen angegriffen und unter ihre Kontrolle gebracht haben. In der Stadt ist es noch relativ ruhig. Doch vielleicht kommen schon morgen oder übermorgen die Aggressoren. Diese Ungewissheit ist ganz schlimm“, sagt Podriezov.

Hinzu kommt die Ohnmacht: „Mein Vater ist 62 Jahre alt – er könnte mit meiner Mutter und meiner Oma also das Land verlassen. Aber wie? Mit dem Auto ist es sehr gefährlich. Zudem sind die Tankstellen geschlossen, es gibt im Moment keinen Sprit. Zum anderen würde die Zugfahrt zur westlichen Grenze derzeit rund 36 Stunden dauern. Das ist zu viel für meine Oma, die 88 Jahre alt ist und kaum noch gehen kann.“

Die verstörenden Bilder und Nachrichten aus seiner Heimat machen Podriezov mürbe. Gleichzeitig spürt er moralische Unterstützung, für die er dankbar ist. Aus dem Kreis der Teamkollegen, von Arbeitskollegen, ja sogar von wildfremden Menschen. „Es ist Wahnsinn, wie viele Leute mir beispielsweise über Facebook schreiben. Da sind Unbekannte dabei, die Hilfe jeglicher Art anbieten.“

Aber auch er selbst hilft. Am Wochenende seien rund 50 Flüchtlinge aus der Ukraine in Prüm angekommen – Podriezov konnte sich als Dolmetscher einbringen.

 Mit solchen Bildern ist Ruslan Podriezov in den sozialen Netzwerken konfrontiert. Dieses Foto zeigt einen völlig überfüllten Bahnsteig in der ukrainischen Stadt Charkiw mit Menschen, die der Metropole den Rücken kehren wollen.
Mit solchen Bildern ist Ruslan Podriezov in den sozialen Netzwerken konfrontiert. Dieses Foto zeigt einen völlig überfüllten Bahnsteig in der ukrainischen Stadt Charkiw mit Menschen, die der Metropole den Rücken kehren wollen. Foto: -

Beim TuS Daun unterhält sich Podriezov auch mit Trainer Igor Domaschenko über das Unfassbare. „Wir verstehen uns gut. Auch er weiß nicht, was mit der russischen Staatsführung los ist. Es ist ihm peinlich, dass sie zu so etwas fähig ist“, sagt Podriezov.

Domaschenko wurde im russischen Murmansk geboren. Er hat 23 Jahre im südrussichen Krasnodar gelebt – unweit des Schwarzen Meeres. Dort spielte er in der ersten Liga. „Wegen einer falschen Regierung in Russland gibt es nun diese blutige Eskalation, die mich bestürzt und beschämt. Statt in Waffen sollte lieber in Sport und Kultur investiert werden. Ich bin ein Friedens-Mensch“, sagt Domaschenko, der bereits seit 1989 in Deutschland lebt. Wie viele Russen und Ukrainer hat auch er beidseitige Verbindungen: „Mein Großvater mütterlicherseits stammte aus der Ukraine. Ich habe Verwandte in Kiew und Donezk, zu denen ich zurzeit keinen Kontakt aufnehmen kann. Es ist ein Schock für mich, im Fernsehen so viel Leid zu sehen.“

Domaschenko ist Sportlehrer an der Realschule plus Sohren-Büchenbeuren. Er freut sich, dass die Schulgemeinschaft einen Hilfstransport an die polnisch-ukrainische Grenze auf die Beine gestellt hat: „Zwei Kleinbusse haben sich auf den Weg gemacht. Sie sind inzwischen wieder sicher zurückgekehrt. Das ist gelebte Friedensarbeit.“