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TV-Serie Spochtipedia
Fechten – „Das ist wie Boxen auf dem Schachbrett“

 Die Fechttrainer Volker Oehring und Tobias Völkel (rechts) haben TV-Redakteur Mirko Blahak (links) die ersten Fechtschritte im Schweinsgalopp beigebracht.
Die Fechttrainer Volker Oehring und Tobias Völkel (rechts) haben TV-Redakteur Mirko Blahak (links) die ersten Fechtschritte im Schweinsgalopp beigebracht. FOTO: TV / Mirko Blahak
Wittlich. Viele Begriffe, viele Aktionen, viele Schritte: Das traditionsreiche Duell mit Degen, Säbel und Florett beansprucht Körper und Geist. Von Mirko Blahak
Mirko Blahak

„Schritt vorwärts, Linie, Stellung.“ Die Ansagen von Trainer Volker Oehring sind kurz und bündig. Bei den Nachwuchsfechtern des Wittlicher TV  steht in der Sporthalle hinter dem Cusanus-Gymnasium an diesem Abend Beinarbeit auf dem Trainingsprogramm. Um sie zu schulen, hat der erfahrene Übungsleiter Zahlenrätsel parat: „2 -1 -3“ ruft er in die Halle. Jede Ziffer steht für eine auszuführende Aktion. Die 1: Schritt vorwärts, die 2: Schritt rückwärts, die 3: Ausfall – eine wichtige Angriffsbewegung im Fechten. Das Ziel der Übung: Erst wahrnehmen, dann handeln. „Das ist eine wichtige Grundregel im Fechten. Koordination ist wichtiger als Kraft“, sagt Oehring.

Er ist 61 Jahre alt und seit 1992 Fechttrainer in Wittlich und Traben-Trar­bach. Mit zehn Jahren hatte der gebürtige Eisenacher in der damaligen DDR mit dem Fechten begonnen. „Für mich ist es der schönste Sport. Er ist vielseitig und kann bis ins hohe Alter betrieben werden“, sagt Oehring. Und nebenbei hat er beim Fechten auch noch seine Frau kennengelernt.

Das hat er gemein mit seinem Trainerkollegen Tobias Völkel. Fechten verbindet.

Degen, Florett, Säbel: Das sind die Unterschiede

Berufsbedingt kommt Völkel etwas später in die Halle. Der gebürtige Wittlicher ist seit 2012 Fecht-Abteilungsleiter beim Wittlicher TV. In puncto Fechten ist er ein Spätstarter. Erst mit 24 Jahren hat er begonnen, während seines Lehramts-Studiums.

Fechten ist nicht ohne. Wenn die Sportler mit ihren Waffen (Florett, Degen oder Säbel – Erklärungen dazu gibt’s im Artikel unten) aufeinander losgehen, wirken enorme Kräfte. Und es gibt verstörende Meldungen in der Fecht-Geschichte. Bei der WM 1982 durchbohrte das Florett des Deutschen Matthias Behr die Schutzmaske seines sowjetischen Kontrahenten Wladimir Smirnow, der neun Tage später starb.

Doch Völkel sagt im Brustton der Überzeugung: „Seit diesem Unfall ist viel passiert! Fechten ist heute eine der sichersten Sportarten.“ Es gebe mal Überdehnungen und blaue Flecken. Schnittwunden seien dagegen extrem selten.

Für die Sicherheit im Fechten wird einiges getan – davon zeugt schon die große Sporttasche, mit der Völkel zum Training kommt. Maske, Jacke, Hose, Handschuh, Unterziehplastron, Brustschutz, Strümpfe – die benötigte Kleidung ist umfangreich und nicht gerade billig. Inklusive Fechtwaffe sind für eine Gesamtausstattung 800 bis 900 Euro zu veranschlagen. Kleidungsstücke und Waffen müssen ein Siegel des Weltfechterbunds haben. Völkel rät Eltern von günstigen Schnäppchenkäufen ab. „Immerhin geht es um die Sicherheit ihrer Kinder.“ Doch Anfänger müssten keine Angst vor zu hohen Kosten haben, die meisten Fechtvereine hätten einen eigenen Fundus, aus dem sie Einsteiger versorgen können.

Interview mit einem Nachwuchsfechter: Aus dem Eiskanal auf die Fechtbahn

Auf den Klingen der Fechtwaffen steht, in welchem Jahr sie gefertigt wurden. Heutige Klingen können laut Völkel fünf bis acht Jahre halten – je nachdem, wie man mit ihnen umgeht. Sie lassen sich im Schnitt 40 000- bis 50 000-mal biegen. Gefertigt sind sie meist aus Maraging-Stahl, der für seine Festigkeit und Zähigkeit bekannt ist.

Alte Klingen sind da anfälliger. Völkel packt eine 30 Jahre alte Klinge aus seiner Tasche, die er – ungewollt im Vorführeffekt – tatsächlich zum Bersten bringt. Eine Schrecksekunde auch für ihn.

„Fechten ist wie Boxen auf dem Schachbrett“, hat eine ehemalige deutsche Spitzenfechterin einmal gesagt. Dass da was dran ist, zeigt Trainer Oehring, der dem TV-Reporter im Schweinsgalopp die ersten Schritte beibringt. Zuerst geht’s um den richtigen Griff der Waffe. Daumen und Zeigefinger halten sie, die restlichen Finger dienen lediglich der Stabilisierung.  Die Beinarbeit ist das ABC beim Fechten. Grundlage ist die sogenannte Fechtstellung. Die Füße stehen im rechten Winkel zueinander – im Abstand einer Schulterbreite. Beide Beine sind in Richtung der Zehenspitzen gebeugt. Der Ellenbogen des Waffenarms liegt fast am Bauch an, man steht leicht schräg zum Gegner, um ihm so wenig wie möglich gültige Trefferfläche anzubieten. Der hintere Arm wird schulterhoch angewinkelt gehalten.

Vorwärts- und Rückwärtsschritte sind möglichst klein zu halten. Sämtliche Bewegungen kommen nur aus dem Unterschenkel. Es fühlt sich an, als ob man neu laufen lernen müsste. Muskeln, die beim normalen Gehen nicht beansprucht werden, kommen zum Zug. Das schwierigste Element ist der Ausfall – die Annäherungsbewegung des Fechters beim Angriff, die mit einem plötzlichen Vorschnellen des Oberkörpers verbunden ist. Ehe Neulinge (das Einstiegsalter liegt bei neun bis zehn Jahren) zur Waffe greifen und sich mit dem Gegner beschäftigen, müssen die Beinbewegungen wie im Schlaf sitzen. Das kann dauern.

Mensur (der Abstand zum Gegner), Gefechtslinie, Schwungarm, Waffenarm, Standbein, Ausfallbein – auf den Anfänger prasseln viele neue Begriffe ein. Und dann die Bewegungen mit der Waffe. Angriffsaktionen, Verteidigungsaktionen (sogenannte Paraden). Fechten ist hochkomplex und koordinativ anspruchsvoll. Und beansprucht das Gehirn. „Im Fechten geht viel über den Geist. Man muss immer vorausschauend denken“, sagt Oehring. Eben Boxen auf dem Schachbrett.

Die Kosten, die Komplexität, die Trainingsfleiß voraussetzt – ob es daran liegt, dass Fechten eher ein Nischensport ist? Im Fechterbund Mittelrhein gibt es lediglich sieben Vereine mit Fechtabteilungen.