Vom Basketball-Feld zur Mountainbike-Weltmeisterschaft – und das nach einem Schlaganfall. Diese ungewöhnliche Geschichte schreibt der 30-jährige Trierer Marathon-Fahrer Peter Schermann.

Serie Spochtipedia : Bis zu 4000 Höhenmeter im Sattel: Vom Basketballer zum Radsportprofi

Vom Basketball-Feld zur Mountainbike-Weltmeisterschaft – und das nach einem Schlaganfall. Diese ungewöhnliche Geschichte schreibt der 30-jährige Trierer Marathon-Fahrer Peter Schermann.

Bis zum Alter von 26 Jahren spielte er Basketball. „Ich war nicht der Talentierteste. Aber mit Fleiß und Hingabe habe ich es bis in die Oberliga und Regionalliga geschafft“, sagt Schermann, der Kapitän bei den TVG Baskets Trier war. Mit dem Geld, das er im Basketball verdiente, finanzierte er sich sein Studium.

Als sogenannter Shooting Guard passte er eher in die Kategorie „Schrank“. 1,90 Meter groß, 90 Kilo schwer. „Als eigentlich die besten Jahre als Basketballer bevorstanden, habe ich gesagt, ich werde jetzt Radsportler. Ich habe gemerkt, dass ich es wohl nicht mehr in die zweite Basketball-Liga schaffen werde. Dennoch wurde ich belächelt“, erinnert sich der in Trier-Süd lebende Schermann, dessen erste Erfahrungen im Sattel dann auch nicht gerade die besten waren: „Zuerst habe ich mir ein Rennrad gekauft. Bei der ersten Ausfahrt hatte ich direkt beide Reifen platt, da war ich noch nicht in Euren. Ich musste mich von meiner damaligen Freundin abholen lassen.“

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Zeit, um die Landschaft zu genießen, bleibt nicht. Beim Mountainbike-Marathon muss die Konzentration stets hochgehalten werden. Foto: TV/privat

Ein Draufgänger auf zwei Rädern (mit Video)

Ziemlich schnell spezialisierte sich Schermann auch aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen aufs Mountainbike. Aber auch mit ihm musste er zunächst Lehrgeld zahlen: „Bei meinem ersten Rennen, einer Cross-Country-Veranstaltung im Rahmen des Eifel-Mosel-Cups, wurde ich vom Sieger dreimal überrundet.“

Kampf gegen die Müdigkeit - auch diese Fähigkeit muss Peter Schermann mitbringen. Foto: TV/privat

Doch Scherman zweifelte nicht an sich. Recht schnell stellten sich erste Erfolge ein. Sein damaliger Trainer Marc Pschebizin baute ihn behutsam als Radsportler auf.

Parallel reduzierte Schermann in Eigenregie sein Gewicht – aus heutiger Sicht nicht unbedingt auf nachahmenswerte Weise: „Ich habe über mehrere Monate hinweg jeden Tag nur einen Salat, 500 Gramm Magerquark und ein paar Mandeln gegessen.“ Schermann speckte so auf 76 Kilogramm ab. Das Gewicht ist ein großer Faktor im Radsport.

Im Vergleich zum Straßenradsport kommt Schermann beim Mountainbiken seine Athletik im Oberkörper besser entgegen. Außerdem mag er es lieber, auf eigene Faust zu fahren: „Helferdienste im Straßenradsport sind nicht so meins.“

Schermann fährt Mountainbike-Rennen bis hin zur höchsten Kategorie, der World Series. Er hat sich auf Marathons spezialisiert. Während beim Cross-Country, das seit 1996 olympisch ist, von den Sportlern eine Rundstrecke mehrfach absolviert wird, hat der Marathon als zweite Ausdauerdisziplin im Mountainbike-Sport meist einen getrennten Start- und Zielpunkt. Diese Rennen sind zudem länger: Die Kurzstrecke umfasst mindestens 40 Kilometer, die Langstrecke mehr als 100 Kilometer.

Im Juni qualifizierte sich Schermann in Norwegen für die Marathon-WM, die am 15. September ansteht. Die Strecke in Italien wird es in sich haben: Rund 105 Kilometer ist sie lang, überwunden werden müssen etwa 4100 Höhenmeter. Schermann wird als einer von mehreren  Mountainbikern für Deutschland starten.

Wichtig für die Fahrer ist, sich im Vorfeld mit dem Gelände vertraut zu machen. Wie sehen die Pfade aus? Wo gibt es Stufen? Wo Steine? Wie ist die Topographie? Mit dem Wissen fällt es leichter, sich ein Rennen einzuteilen. Schermann: „Man kann nicht alles in vollem Tempo fahren, muss dennoch immer Druck auf dem Pedal haben. Man kann das Mountainbike nicht einfach rollen lassen. Wichtig ist, seinen Rhythmus zu finden. Der Sport ist mental sehr fordernd. Man muss immer konzentriert sein.“ Nicht nur wegen der auf der Strecke lauernden Gefahren, sondern auch, weil die im Vorfeld geschmiedeten Pläne nicht immer aufgehen. Schermann: „Mal klappt es nicht mit der Verpflegung während des Rennens, mal bekommt man technische Probleme im unwegsamen Gelände, unter anderem, wenn es schlammig ist.“

Ohne eine gute Fahrtechnik kommen Mountainbiker nicht weit. Beim Marathon gibt es zudem Spezialisten: die sogenannten Rouleure, die eine gute Tempohärte mitbringen. Dann die Fahrer, die am Berg ihre Stärken haben. Und die guten Abfahrer. Schermann kommen wellige Rennprofile am gelegensten.

Die meisten Sportler drücken in Rennen anfangs voll auf die Tube, ehe sich dann verschiedene Gruppen bilden. Im Feld wird mit Haken und Ösen gekämpft. Schermann: „Das Überholen ist schwierig. Rücksicht wird nicht genommen. Es kommt oft zu Kontakten und Stürzen, vor allem in der hektischen Anfangsphase eines Rennens.“

Dem Sport wohnt ein gewisses Risiko inne. „Stürze im Gelände sind oft ziemlich schwerwiegend. Teilweise ist es ein Ritt auf des Messers Schneide. Ein Problem: „Ab Kilometer 50 sind alle Fahrer müde, damit sinkt die Konzentrationsfähigkeit“, sagt Schermann, der in Rennen bislang mit einer offenen Hüfte, einer lädierten Schulter und Prellungen davongekommen ist.“

Dennoch ist er vor rund eineinhalb Jahren dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen. Im April 2017 erlitt er vor einer Trainingsfahrt einen Schlaganfall. Seine gute körperliche Verfassung habe noch Schlimmeres verhindert, glaubt Schermann. Recht schnell saß er wieder im Sattel, doch die Regenerationszeit erforderte viel Geduld und Durchhaltevermögen. Schermann gelang der Weg zurück in ein normales Leben. „Ich habe aber sehr lange gebraucht, um die körperliche Leistungsfähigkeit wiederzuerlangen“, blickt er mit Demut zurück.

Umso froher ist er, sich für die Marathon-WM qualifiziert zu haben: „Ich werde mich so seriös wie möglich auf das Rennen vorbereiten. Ich will mich bei meiner ersten WM so gut wie möglich verkaufen. Gleichzeitig will ich es genießen, im deutschen Trikot fahren zu können.“

Die Marathon-Bikes müssen – vereinfacht gesagt – schnell, leicht und zuverlässig sein. Das Bike sollte nicht viel mehr als zehn Kilo wiegen. Grundsätzlich wird zwischen ,Fully’ und ,Hardtail’ unterschieden. „Hardtail-Bikes sind nur vorne gefedert und leichter. Full-Suspension-Bikes sind vorne und hinten gefedert und bieten mehr Komfort, sind aber auch schwerer“, erklärt Schermann, der oft im Trierer Weißhauswald trainiert. Der Durchschnittspreis für ein Bike betrage 5000 bis 6000 Euro.

Schermann startet als Halbprofi für das Team Embrace the World Cycling. Mehrere Sponsoren helfen ihm, den Sport zu finanzieren. Lediglich eine kleine Gruppe von Fahrern an der Weltspitze könne mit dem Sport Geld verdienen, wenn die persönliche Vermarktung stimme, sagt Schermann, der halbtags als Risikomanager bei einer Fondsgesellschaft in Luxemburg arbeitet. Mit Risiken kennt sich der 30-Jährige ja wahrlich gut aus.

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