Wildwasser-Kanuten müssen hart im Nehmen sein. Ein Besuch an der Sauer.

Serie Spochtipedia : Wildwasser-Kanu - Ganz schön spritzig (mit Video)

Wildwasser-Kanuten müssen hart im Nehmen sein und – wenn sie umkippen – unter Wasser Ruhe bewahren. Ein Besuch an der Sauer.

Bei Wildwasserkanu-Rennen ist es wie in den von den Gebrüdern Blattschuss besungenen Kreuzberger Nächten: „Erst fang sie ganz langsam an, Aber dann, aber dann.“

Ortstermin im luxemburgischen Diekirch, beim zweiten „Al Schwemm Wildwassersprint“: Auf der Sauer nehmen knapp 100 Kanuten aus Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen Anlauf, um sich dann in einen 2015 zu einem Wildwasserkanal umgebauten Seitenarm des Grenzflusses zu stürzen. Für jeden gilt gut 30 Sekunden lang volle Konzentration und voller Krafteinsatz, um schnellstmöglich durch die Gischt ins Ziel zu gelangen. Ausrichter des Rennens sind der CN Diekirch und die Kanuabteilung des TV Bitburg. Der Wettbewerb dient als wichtige Standortbestimmung vor der Deutschen Meisterschaft, die vom 20. bis 22. Juni in Osttirol ausgetragen wird.

Zwei der Teilnehmer sind Niklas Ernst (15) aus Rittersdorf und Jonathan Grengs (16) aus Schleid. Sie sind die Nummern zwei und vier in der aktuellen deutschen Jugend-Rangliste im Wildwasser-Sprint. Ihr (Fern-)Ziel: die Nationalmannschaft.

Wildwasser-Kanu: Nichts für Frostbeulen

Die Jugendlichen des TV Bitburg geben sich zwischen Training und Rennen entspannt und fokussiert zugleich. „Mich reizen die Abwechslung und der Nervenkitzel, wenn man eine Wildwasserstrecke runterfahren muss“, sagt Grengs. Ähnlich sieht es Vereinskollege Ernst: „Das Faszinierende am Wildwasserrennsport ist für mich der Adrenalinkick, wenn schwierige Passagen kommen, die man noch nicht richtig kennt.“

Wildwasser-Strecken sind in sechs Schwierigkeitsstufen eingeteilt – von I (unschwierig) bis VI (Grenze der Befahrbarkeit). Den Kanal in Diekirch stufen Ernst und Grengs zwischen den Stufen II und III ein.  Er ist 160 Meter lang, maximal 1,50 Meter tief und hat ein Längsgefälle von 0,8 Prozent.

In Diekirch ist ein Seitenarm der Sauer zum Wildwasserkanal geworden. Foto: Sebastian J. Schwarz/sjs / Sebastian J. Schwarz

Klingt halbwegs einfach, ist es aber nicht: Beim Training haben vor allem die jungen Teilnehmer teilweise mächtig mit den Wassergewalten zu kämpfen.

Um das maximal viereinhalb Meter lange, mindestens 60 Zentimeter breite und rund elf Kilo leichte, aus Kohlefaser gefertigte Rennkanu zu beherrschen und gleichzeitig schnell durch die Fluten zu manövrieren, ist reichlich Training nötig. „Wer ganz vorne sein will, muss schon 15 Stunden aufwärts pro Woche investieren“, sagt Martin Vogler, Leiter der 75 Mitglieder starken Kanu-Abteilung des TV Bitburg.

Die Rennkanus sind bis zu 4,50 Meter lang und haben innen sogenannte Schenkelstützen. Foto: Sebastian J. Schwarz/sjs / Sebastian J. Schwarz

„Wildwasser-Kanuten dürfen keine Furcht vor Wasser haben und müssen gut schwimmen können“, nennt Vogler zwei logische Grundvoraussetzungen. Zudem müsse man auch ein bisschen hart im Nehmen sein, weil auch bei schlechtem Wetter im Winter trainiert werde.

„Ruderer sind Pessimisten, wir Kanuten sind Optimisten“, erklärt Vogler mit einem Augenzwinkern einen Hauptunterschied zwischen den beiden Wassersportarten. Was er meint: Ruderer fahren rückwärts, Kanuten vorwärts. Ein Wildwasser-Kanu kostet 2000 Euro und hält laut Vogler im Schnitt drei Jahre.

Foto: privat

„Viel Kraft kommt aus den Armen, dem Rumpf und dem Rücken“, sagt Niklas Ernst. Was viele nicht vermuten dürften: Auch Beinarbeit ist wichtig. Ernst:  „Der Kanute sitzt in einer Sitzschale mit Rückengurt, damit man im Boot nicht nach hinten hängt. Die Oberschenkel werden gegen sogenannte Schenkelstützen gedrückt, um mehr Stabilität im Boot zu haben.

Der Vortrieb wird aus dem Oberkörper heraus mit dem Paddel erzeugt. Große Athleten haben bessere Hebel als kleinere Kanuten, dafür erweist sich ihr hoher Schwerpunkt als Nachteil.

Im Kanu tragen die Sportler lockere Kleidung, oftmals Einteiler, aus Neopren. Die Kleidung ist sehr dünn, um die Beweglichkeit des Körpers nicht einzuschränken.  Ein Helm dient dem Kopfschutz.

Je besser ein Wildwasser-Kanute ist, desto weniger Wasser schluckt er während eines Rennens. Dass Sportler mit ihrem Boot umkippen, bleibt aber nicht aus. „Dann gilt es, Nerven unter Wasser zu behalten“, sagt Vogler. Und die richtige Technik anzuwenden, um sich wieder aufzurichten. Die sogenannte Eskimorolle wird im Hallenbad trainiert. Sie zu üben, kostet Überwindung – Erwachsene mehr als Kinder.

Die weiteren Trainingsreviere des TV Bitburg sind der Stausee Biersdorf, die Sauer, die Irreler Wasserfälle, die Nims und die Prüm.

Beim Wettbewerb in Diekirch ist die Luft angenehm warm, aber das Wasser noch kalt. Kein Problem für die Kanuten, deren Saison früh beginnt. Im März sind die ersten Rennen. Höhepunkte eines Jahres stehen dann schon im Mai oder Juni an. Das ist historisch bedingt, klärt Vogler auf: „Früher hatten die Flüsse im Frühjahr durch die Schneeschmelze und viel Regen viel Wasser. Das ist natürlich ideal für unseren Sport.“ Die Zeiten haben sich ein bisschen geändert. Inzwischen haben die Kanuten vermehrt mit Niedrigwasser zu kämpfen (siehe Interview unten auf dieser Seite).

Am wenigsten mit den Tücken des Wildwasserkanals in Diekirch zu kämpfen haben beim Sprint-Rennen Niklas Ernst und Jonathan Grengs. Sie werden in ihrer Jugend-Altersklasse Erster und Zweiter.

Interview: Der Ex-Präsident des Kanuverbands Rheinland zum Spannungsverhältnis zwischen Kanusport und Naturschutz.

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