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Richard Schmidt: Mutter verrät, was ihm zu schaffen macht

Rudern : Trierer Richard Schmidt bei Olympia: Mutter verrät, was ihn privat herausfordert

Geschafft! Der Deutschland-Achter mit dem 34-jährigen Routinier von der Mosel hat bei den Sommerspielen in Tokio direkt das Finale erreicht. Der Traum von Gold lebt.

Nach den Improvisationskünsten, die infolge der Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr und grundsätzlich wegen der Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten nötig waren, warf diese kurzfristige Entscheidung den Deutschland-Achter auch nicht mehr aus der Bahn. Statt wie geplant um 4 Uhr deutscher Zeit am Sonntag (11 Uhr in Tokio) musste das Flaggschiff des Deutschen Ruder-Verbands mit dem Trierer Richard Schmidt (34) an Bord bereits am Samstag um 5 Uhr deutscher Zeit (12 Uhr mittags in Japan) in den Vorlauf. Ein Beschluss, der gerade mal wenige Stunden zuvor gefasst wurde. Grund: Auf der windanfälligen Regatta-Strecke in der Bucht von Tokio seien für Montag so heftige Böen prognostiziert, dass dann keine Rennen stattfinden könnten. Entsprechend wurde der Zeitplan umgekrempelt.

Richard Schmidt und der Deutschland-Achter sind voll fokussiert

Viel Zeit für Schmidt und seine Mitstreiter zu hadern blieb nicht. Und sie haben ihren Job im Vorlauf erledigt. Dank eines starken Schlussspurts ist das Paradeboot des Deutschen Ruder-Verbandes direkt ins Finale eingezogen. Auf den letzten 500 Metern zog die deutsche Crew auf dem Sea Forest Waterway noch an den lange führenden US-Ruderern vorbei und sicherte sich Platz eins. Den Hoffnungslauf vermieden, in den unter anderem die ebenfalls hoch gehandelten Briten müssen, dazu die beste Zeit aller sieben Boote in den beiden Vorläufen – das ist ganz nach dem Geschmack des Deutschland-Achters, der sich bereits auf das für Freitag, 30. Juli, terminierte Finale konzentrieren kann.

Es herrscht die volle Fokussierung auf das große Ziel, das ganz oben angesiedelt ist: der Gewinn der Goldmedaille.  Ein Anspruch, den der Deutschland-Achter aus Sicht von Schmidt immer haben muss. Auch weil die Öffentlichkeit das erwartet. Diese Leuchtkraft ist Ansporn und Bürde zugleich – und sie hat ihren Ursprung 1960.

Wer sich einen Platz im Deutschland-Achter ergattert, ist Teil eines Mythos, der seinerzeit bei den Olympischen Spielen in Rom seinen Anfang nahm. Der deutsche Achter gewann Gold und sorgte in den Nachkriegsjahren ähnlich wie der WM-Titel der Fußballer 1954 für ein neues Gefühl des Stolzes im Land. Die Euphorie rund um das von Karl Adam betreute Boot – riesengroß.

Der Deutschland-Achter übt eine große Faszination aus. Die Mischung aus Synchronität beim Rudern in dem rund 18 Meter langen Boot und den Anstrengungen der Athleten bis zur völligen Erschöpfung zieht das interessierte Publikum in den Bann. Weitere Erfolge taten ihr Übriges. Etwa Olympia-Gold 1968 und 1988.

 Im Zeichen der Ringe: Der Deutschland-Achter mit dem Trierer Richard Schmidt (Bild oben, untere Reihe, Zweiter von links) strebt in Tokio den Gewinn der Goldmedaille an. So wie 2012, als der Crew mit Schmidt in London der Olympiasieg gelang (Bild unten).
Im Zeichen der Ringe: Der Deutschland-Achter mit dem Trierer Richard Schmidt (Bild oben, untere Reihe, Zweiter von links) strebt in Tokio den Gewinn der Goldmedaille an. So wie 2012, als der Crew mit Schmidt in London der Olympiasieg gelang (Bild unten). Foto: Deutschland-Achter

Beim Olympia-Debakel war Richard Schmidt nur Ersatzmann

Umso tiefer der Fall bei den Spielen 2008 in Peking. Der deutsche Achter wurde Letzter – und medial in der Öffentlichkeit zerrissen. Beobachter damals: Richard Schmidt, der in China Ersatzmann für den Achter war und im Vierer ohne Steuermann im Finale Platz sechs belegte.

Die herbe Niederlage wurde zur Geburtsstunde eines neuen Höhenflugs. Mit Schmidt an Bord. Der Deutschland-Achter blieb bis Juli 2013 fünf Jahre ungeschlagen – und gewann 2012 in London vor 30 000 Zuschauern entlang der Strecke auf dem Dorney Lake die Goldmedaille.

Damals vor Ort: Schmidts Eltern Jürgen und Inge, deren Jubel mit ihrem Sohn nach dem Zieleinlauf in der sogenannten Kiss&-Cry-Area ((frei übersetzt: Kuss-und-Tränen-Areal) keine Grenzen kannte. Schmidt wurde Triers erster Olympiasieger. Und ein Gesicht des Deutschland-Achters. Die Liste der Erfolge des beim RV Treviris Trier großgewordenen Ruderers ist ellenlang. Einmal Olympia-Gold, einmal Olympia-Silber, sechsmal WM-Gold, neunmal EM-Gold.

Der Treviris-Vorsitzende berichtet vom Ausnahmeathlet

„Richard ist ein Ausnahmeathlet und ein super positiver Mensch. Für unseren Verein ist er ein absoluter Glücksfall. Wir drücken Richie ganz kräftig die Daumen“, sagt der Treviris-Vorsitzende Matthias Woitok, dessen Verein in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

Richard Schmidt: Mutter verrät, was ihm zu schaffen macht
Foto: g_sport <g_sport5@volksfreund.de

Schmidt ist kein Lautsprecher, er sagt aber intern klar seine Meinung. So wurde er zum Athletensprecher der deutschen Ruderer. Der studierte Wirtschaftsingenieur promoviert momentan per Stipendium im Bereich Energietechnik. Die Olympischen Spiele in Tokio dürften den Abschluss seiner einzigartigen Karriere bilden. Die Eltern fiebern wie gewohnt mit – diesmal zu Hause im Trierer Süden. Am Samstag klingelte um 4.30 Uhr der Wecker, um am Fernseher live beim Vorlauf dabei zu sein.

Eltern verraten, was Richard Schmidt privat herausfordert

Sie erleben ihren Sohn derzeit angespannt und motiviert zugleich: „Er brennt darauf, dass die Spiele nach der Verschiebung jetzt endlich losgegangen sind. Er war in den vergangenen zwölf Monaten stets kämpferisch – und das trotz des Spagats, den er als junger Familienvater zu meistern hat“, sagt Mutter Inge.

Richard Schmidt ist Vater einer gut zwei Jahre alten Tochter und eines sechs Monate alten Sohns. „Dass er immer wieder so lange von Zu Hause weg ist, macht ihm schon zu schaffen“, sagt Richards Schmidts Mama.

Spätestens jetzt ist er aber im Tunnel. Seine Erfahrung soll ihm helfen, die schwierige Ausgangslage zu meistern. Coronabedingt ist völlig unklar, wie sich die Weltspitze derzeit sortiert. „Sie wissen nicht genau, wo sie stehen, aber sie sind zuversichtlich, dass es ein gleichberechtigter Kampf wird. Einer, der aber wohl lediglich im Sekundenbereich entschieden wird“, prognostiziert Papa Jürgen.

Das bis dato letzte Kräftemessen aller Top-Nationen bei einer Weltmeisterschaft liegt fast zwei Jahre zurück. Damals holte Deutschland Gold – vor den Niederlanden und Großbritannien. Zwischendurch gab es im April dieses Jahres die Europameisterschaft im italienischen Varese, bei der Deutschlands Vorzeigeboot nur Vierter wurde – hinter Sieger Großbritannien, Rumänien und den Niederlanden. Ein Schuss vor den Bug. Im Training wurde alles auf links gedreht. Zudem wurde ein neues Boot – das an die 60 000 Euro wert ist – zur Verfügung gestellt.

„Krönung der Karriere“ knapp verpasst?

Schmidt und Co. fühlen sich gewappnet für den Kampf um die Medaillen – auch wenn es hauchdünn werden könnte. So eng wie bei einem anderen Rennen, das schon gelaufen ist. Richard Schmidt belegte bei der Wahl des deutschen Fahnenträger-Duos bei der Eröffnungsfeier unter den fünf nominierten Männern Rang vier – zwischen ihm und Sieger Patrick Hausding lagen jedoch nur schlappe 3,26 Prozentpunkte. „Das ist schon ein bisschen traurig. Es wäre für Richard eine tolle Krönung der Karriere gewesen“, bedauert Mutter Inge.

Die wahre Krönung kann aber noch auf dem Wasser erfolgen. Wenn der Kampf ums ersehnte Gold gewonnen werden sollte.