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Serie Spochtipedia: Ein Besuch in der CrossFit-Box in Trier

Serie Spochtipedia : Mit Cindy in den Seilen: Zu Besuch in der CrossFit-Box

Von Schweiß, Klimmzügen, einer halben Dame und einer überraschenden Erkenntnis zum Schluss: Mit der TV-Serie Spochtipedia zu Besuch in einer CrossFit-Box in Trier.

Bring doch eine kurze Hose mit – hatte er am Telefon gesagt. Bring doch auch Sportschuhe mit – hatte er gesagt. „Dann kannst du“, auch das hatte er gesagt, „ein bisschen reinschnuppern“. Na gut, hatte ich gedacht, „Reinschnuppern“, das geht ja immer, ganz gemütlich, ganz locker. Bringe ich halt eine kurze Hose mit, packe ich auch mal die Sportschuhe ein – wird schon. Stimmt ja auch nicht immer alles, was man so im Internet sieht. Doch spätestens, als ich nach diesen zehn Minuten bäuchlings auf dem schwarzen Hartgummiboden liege, ist sie Geschichte, die Reinschnupper-Phase – aus reinschnuppern ist rausschnaufen geworden. Danach gibt’s nur noch eins: den „Jetzt-brech-ich-gleich-komplett-zusammen“-Bereich. Aber dazu, so viel sei schon mal verraten, dazu wird es dann doch nicht kommen.

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Es ist noch nicht so lange her, da hätte Benjamin Hess so nicht zur Arbeit gehen können: Sneaker, graue Jogginghose, Kurzarm-Shirt. Auf dem Rücken prangt in großen  weißen Lettern: „Coach“. Bis vor sechs Jahren war der Anzug Pflicht für den 44-Jährigen: Kundenbetreuung im Finanzbereich, Luxemburg – das war sein Metier. „15 Jahre lang habe ich das gemacht“, erzählt der gebürtige Trierer. Zum Ausgleich gab’s Basketball,  außerdem das Fitnessstudio. „Pumpen, wie man das so kennt.“ Irgendwann hatte es sich für Hess dann allerdings ausgepumpt. Der Grund: eine runde Kugel aus Stahl mit montiertem Haltegriff. Der Name: Kettlebell. Die aus Russland stammende Kugelhantel – die auch Teil des CrossFit-Programms ist – hatte es ihm angetan. „Ich war fasziniert von den verschiedenen Trainingsformen, die damit möglich sind.“ Hess ließ sich zum lizenzierten Kettlebell-Trainer – Instructor, wie sie es in Fachkreisen nennen – ausbilden. Danach ging’s fix: Er machte  seine Fitnesstrainer-B-Lizenz, wurde CrossFit-Trainer und setzte in den Folgejahren acht weitere CrossFit-Zertifikate obendrauf. Der Job in Luxemburg? Der war einmal. Computer, Anzug und Finanzpläne sind Geschichte – seit 2016 leitet der 44-Jährige das CrossFit Trier im Norden der Römerstadt.

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Es ist der erste Montag im Juni. Die Sonne scheint, viele Wolken sind nicht am Himmel. Interessiert an dieser Stelle aber eigentlich auch überhaupt nicht, denn für die nächsten eineinhalb Stunden sehe ich ohnehin nur Hallendecke, Hallenboden – und ab und an ein paar Sternchen. Tür auf, die Begrüßung ist herzlich. „Zieh dich kurz um, dann legen wir gleich los“, sagt Hess und grinst. Kurz darauf: Das Shirt sitzt, die Sporthose auch, die Schuhe sind gebunden. Hätten all die Langhanteln, Klimmzugstangen und Rudermaschinen im Hintergrund Hände, sie würden sie feixend aneinanderreiben, angesichts dieses CrossFit-Amateurs, der da gleich die Box – wie Hess und seine drei angestellten Trainer die Halle nennen – betreten wird.

 „So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer.
„So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer. Foto: Sebastian J. Schwarz/sjs / Sebastian J. Schwarz

„Erst mal ein paar Fragen stellen“, denke ich mir, „um Zeit zu schinden“. So wie früher im Religionsunterricht, als ein ausgedehnt trödelnder Gang zur Toilette die Minutenzeiger auf der Uhr immerhin ein wenig nach vorne schob.

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CrossFit ist zwar nichts weiter als eine Spielart des Zirkeltrainings – der Rahmen ist jedoch ein ganz anderer. Statt im Fitnessstudio trainiert man in der Box. In der Regel trifft sich eine kleine Gruppe von bis zu zwölf Personen und durchläuft gemeinsam unter den Augen eines Trainers ein vorgegebenes Programm.

Das Tolle am CrossFit sei, so betont Benjamin Hess, dass es so viel Verschiedenes miteinander verbinde: „Es beinhaltet ein kontinuierliches Arbeiten an der Steigerung von Kraft, Ausdauer, mentaler Stärke, Beweglichkeit, Leistung, Geschwindigkeit, Koordination, Geschicklichkeit, Gleichgewicht und Genauigkeit.“

Das CrossFit-Leitmotiv, so erzählt der 44-Jährige weiter, laute: konstant variierende, hoch intensive, funktionelle Bewegungen. „Um das zu erreichen, stehen im CrossFit täglich wechselnde Workouts mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten aus Gewichtheben, Gymnastik und Ausdauer auf dem Programm.“  Wer CrossFit betreibe, brauche nicht mehr joggen zu gehen, Rennrad zu fahren oder sich im Fitnessstudio auf den Stepper zu heben: „CrossFit deckt alles ab“, verspricht der Trierer.

 „So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer.
„So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer. Foto: Sebastian J. Schwarz/sjs / Sebastian J. Schwarz

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„So, dann wollen wir mal: Wie viel Zeit hast du denn mitgebracht?“, ruft Benjamin Hess in meine Richtung, während er forschen Schrittes voran in Richtung Langhanteln & Co. schreitet. Mein Gehirn ist gerade dabei, sich zwischen den Antwortmöglichkeiten fünf und zehn Minuten zu entscheiden, als plötzlich ein „Och, so eine Stunde“ aus meinem Mund herausfällt. „Das ist doch schon mal was“, entgegnet Hess strahlend, „da kriegen wir sicher was Schönes hin“. „Auf jeden Fall“, denke ich mir, „da bin ich mir absolut sicher“.

Wenige Augenblicke später finde ich mich auf der Rudermaschine wieder. Aufwärmprogramm ist das Stichwort. Nach eingehender Erklärung zu richtiger Haltung und Handhabung geht es los: Unter den Augen von Hess, der immer wieder verbessert, korrigiert – „wir legen sehr großen Wert darauf, dass die Leute die Einheiten korrekt absolvieren, hier wird niemand allein gelassen“ –, rudere ich auf der Stelle. Wasser ist hier nicht zu sehen, von den Schweißperlen, die von meiner Stirn aus auf den Boden tropfen, mal abgesehen. Nach wenigen Minuten erlöst mich mein CrossFit-Trainer. Es folgen: Einheiten mit der Kettlebell, an der Klimmzugstange sowie Schulter- und Rückenübungen. Nur zur Erinnerung: Wir befinden uns noch immer im Aufwärmprogramm. Meine vorgeschriebene Betriebstemperatur ist lange erreicht, da bemerkt Hess grinsend: „So, jetzt kommt das Workout.“

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Während in herkömmlichen Fitnessstudios häufig jeder vor sich hin trainiert, stehe beim CrossFit das Gemeinschaftsgefühl im Fokus: „CrossFit ist ein ganzheitliches, intensives und abwechslungsreiches Trainingsprogramm in der Gruppe, auf jedes individuelle Level angepasst“, betont Benjamin Hess.

 „So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer.
„So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer. Foto: Sebastian J. Schwarz/sjs / Sebastian J. Schwarz

Die einstündigen 12er-Kurse beginnen mit kurzen Aufwärmübungen, dann wird das Programm besprochen. Bei den anstehenden Workouts, in deren Rahmen die Sportler einzelne Stationen durchlaufen müssen, pushe sich die Gruppe gegenseitig. „Da bleibt jeder dabei, feuert an, bis wirklich auch der Letzte durch ist“, berichtet Hess.

Ihre Ergebnisse notieren die CrossFitler nach jedem Workout fein säuberlich mit Kreide auf einer Tafel an der Hallenwand. Hess: „So können sie ihre Fortschritte sehr gut nachverfolgen.“

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 „So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer.
„So, dann wollen wir mal“: CrossFit-Trainer Benjamin Hess hat sich ein paar feine Übungseinheiten für Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen ausgedacht. Am Ende ist der Tank ziemlich leer. Foto: Sebastian J. Schwarz/sjs / Sebastian J. Schwarz

Ich hänge in den Seilen: Die rechte Hand umklammert einen Ring, die linke ebenso. Die Fersen auf dem Boden stehend, ziehe ich mich unter Körperspannung immer wieder nach oben. Das ist Teil des Work­outs, das sich Benjamin Hess für mich überlegt hat. Es trägt den Namen Cindy, weil alle Workouts eben Namen tragen. Na gut, halbe Cindy, denn vor einer ganzen Cindy wollte mich mein Trainer dann doch bewahren. Und, was soll ich sagen, auch eine halbe Cindy kann ganz schön anstrengend sein.

Der Plan: Fünf Züge an den Ringen, zehn Liegestütze, 15 Kniebeugen – und das Ganze immer und immer wieder, zehn Minuten lang. „Normalerweise machen wir das hier 20 Minuten lang“, bemerkt Hess, bevor er die Musik aufdreht und den Startschuss gibt. Die folgenden zehn Minuten fliegen nur so vorbei: Alles verschmilzt in einer Melange aus Schweißtropfen, „Komm-nur-noch-zwei-du-schaffst-das“-Rufen meines Trainers und dem Flackern der roten großen Countdown-Ziffern der Digitaluhr an der Wand – dann ist es vorbei. Die zehn Minuten sind durch, ich bin es auch. Schnaufend liege ich auf dem Boden und vernehme das Lob des Coaches: „Sehr stark, echt!“

Als ich kurz darauf in der Umkleidekabine Shirt, Hose und Schuhe in der Tasche verstaue, ist da plötzlich doch ein bisschen Stolz, meine erste CrossFit-Einheit bewältigt zu haben. Wie hatte Benjamin Hess noch zu Beginn gesagt: „Beim CrossFit geht niemand locker, lässig und entspannt nach Hause – es geht darum, sich komplett auszupowern, und das macht großen Spaß.“ Irgendwie ist da was dran.