Einer gegen China: Boll bereit für WM-Kraftprobe

Einer gegen China: Boll bereit für WM-Kraftprobe

Der weiße Fleck in Timo Bolls Erfolgsbilanz soll endlich verschwinden. Deutschlands Tischtennis-Star zählt seit zehn Jahren zur Weltspitze, konnte aber noch keine Einzel-Medaille bei Olympia oder Weltmeisterschaften gewinnen.

Bei den Titelkämpfen in Rotterdam hat er gegen die scheinbar übermächtigen Chinesen das ersehnte Edelmetall fest im Blick. „Mein Ziel ist eine Medaille“, sagte der Weltranglisten-Zweite vor dem WM-Start am Sonntag. „Aber ich will mich nicht verrückt machen lassen. Ein Chinese ist immer in Spitzenform. Es wird ein weiter und schmerzhafter Weg.“

Akribisch wie selten zuvor hat sich der Rekord-Europameister auf seine siebte Individual-WM vorbereitet. Im November 2010 nahm er eine schöpferische Pause, entrümpelte nach Absprache mit Bundestrainer Jörg Roßkopf den übervollen Terminkalender, ließ auch die deutschen Meisterschaften in Bamberg aus und sagte frühzeitig seinen WM-Start im Doppel mit Christian Süß ab. Dabei hätte das Düsseldorfer Duo Boll/Süß, vierfache Europameister und 2005 immerhin WM-Zweite, auch in Rotterdam eine realistische Medaillenchance gehabt.

„Ich konzentriere mich wirklich aufs Einzel. Die Spiele auf höchstem Niveau kosten Kraft. Das Risiko, im Doppel ein oder zwei Prozent liegen zu lassen, wollte ich nicht eingehen“, argumentierte Boll. Um als erster Deutscher am 15. Mai Weltmeister zu werden, muss der 30 Jahre alte Linkshänder sieben Partien gewinnen. Das wollen sieben Chinesen sowie die starken Südkoreaner und Japaner verhindern. Wie viele Chinesen Boll letztlich in seiner Hälfte aus dem Weg räumen muss, steht nach der Auslosung der Top-Leute am Samstag fest.

„Timo hat gut trainiert, er ist gut vorbereitet. Und er ist cool genug, um sich bei der WM noch zu steigern“, erklärte Bundestrainer Roßkopf. Fast alle Experten erwarten in der Rotterdamer Ahoy-Arena eine Kraftprobe zwischen Boll und China. „Timo spielt als einziger Europäer in der Chinesen-Klasse mit“, sagte Ex-Weltmeister Werner Schlager. Der Österreicher gewann 2003 in Paris als bisher letzter Europäer den WM-Titel - Boll schied damals als Top-Favorit bereits im zweiten Durchgang aus.

Deshalb will er von Runde zu Runde blicken und sich nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. „Ich gehe relativ relaxed in das Turnier“, sagte Boll. Den letzten Teil der WM-Vorbereitung absolvierte er mit seinem Kollegen Dimitrij Ovtcharov im heimatlichen Höchst/Odenwald. Zur Ablenkung geht Boll gerne online. Auf seiner Facebook-Seite lobte er ein Gewinnspiel aus („Trainiere mit Timo“) oder informierte die Fans über unerwarteten Besuch: „Heute war die Doping-Kontrolle da. Sonntag früh, vor acht. Das ist nicht meine Zeit.“

Herren-Coach Roßkopf erwartet sein Aufgebot an diesem Samstag zur Boll-freundlichen Zeit um 16.00 Uhr im Mannschaftshotel Ridderkerk, die Damen des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) um Ex-Europameisterin Jiaduo Wu und Kristin Silbereisen aus Kroppach reisen einen Tag später an. Alle zwölf DTTB-Teilnehmer (fünf Damen/sieben Herren) stehen bereits in der ersten Hauptrunde am Dienstag. Sie können die Qualifikationsrunden an den ersten WM-Tagen entspannt verfolgen und sich im Training den letzten Feinschliff holen.