| 14:12 Uhr

Keine Tränen mehr: „Neue“ Steffen will stark sein

Berlin (dpa). Alles gewonnen, alles erreicht - trotzdem mag sich Britta Steffen ein bisschen neu erfinden. Die Doppel-Weltmeisterin und -Olympiasiegerin will nach knapp zweijähriger Verletzungs- und Krankheitspause auf der Langbahn in ihrer zweiten Karrierehälfte anders auftreten. Von Marc Zeilhofer und Christian Kunz, dpa

„Wenn ich in den letzten Jahren zu meinen Schwächen stand, möchte ich jetzt zeigen, dass ich eine Menge Stärken habe“, sagte die 27-Jährige bei den deutschen Schwimm-Meisterschaften in Berlin. „Vielleicht ist das jetzt das neue Ziel: Dass die Britta Steffen auch stark sein kann und nicht immer nur weint.“

Selbstzweifel waren ständige Wegbegleiter ihrer Karriere, nun aber braucht Steffen anderen und vor allem sich selbst nichts mehr zu beweisen. Als Vorlauf-Schnellste über 50 und 100 Meter Freistil musste sie, locker dem Ziel entgegengleitend, ihre Karten noch nicht aufdecken. Sie schwamm aber nah genug an die geforderte WM-Norm heran, um erst gar keine Zweifel an ihrer Form aufkommen zu lassen.

Am Donnerstag erhielt die gute Laune beim Test über die 200 Meter jedoch einen Dämpfer. 1:59,25 Minuten als Vorlauf-Zweite klar hinter Vize-Europameisterin Silke Lippok, das war gar nicht nach Steffens Geschmack, Freund Paul Biedermann musste Trost spenden. „Ich bin enttäuscht, hatte mir mehr erwartet“, sagte sie nach ihrem zweiten Rennen über diese Distanz nach vier Jahren. Von vornherein hatte sie nur einen Start im Vorlauf geplant, um erst gar keine Gedanken an ein Comeback über die bis 2007 geschwommene Strecke aufkommen zu lassen.

Die Schwimmerin der WM 2009, als sie noch im später verbotenen High-Tech-Anzug so souverän Weltrekord und Doppel-Gold holte, sei sie noch nicht wieder. Die Persönlichkeit Britta Steffen von damals möchte sie auch gar nicht mehr sein. „Jeder will sich doch weiterentwickeln“, sagte sie - und hat dabei wohl auch die tränenreiche Freude vor den TV-Kameras nach dem Olympiasieg 2008 im Sinn.

Im Umgang mit den Medien, früher eher ungeliebte Pflichtübung, ist sie lockerer und professioneller geworden, seitdem sie bei den Europameisterschaften 2010 in Budapest als Gast der ARD vor und hinter der Kamera ungewohnte Einblicke bekam. Bei aller Lockerheit hat das Erfolgs-Duo aus Steffen und ihrem Trainer Norbert Warnatzsch die Ziele WM (16. bis 31. Juli in Shanghai) und vor allem Olympia 2012 fest im Blick. Da ermahnt Warnatzsch die Journalisten, die Interviews kurz zu halten, weil Britta zum Ausschwimmen müsse. Steffen selbst gibt zunächst ein Zeitfenster von „zwei Minuten“ vor - um dann doch länger zu plaudern.

Länger als geplant könnte auch die Schwimm-Karriere der Wirtschaftsingenieur-Studentin andauern. Bisher war die EM in ihrer Heimatstadt Berlin 2014 als Schlusspunkt angedacht, nun schließt Steffen sogar Olympia 2016 nicht aus. Als Teilzeitschwimmerin über 50 Meter Freistil könnte Rio de Janeiro gemeinsames Karriere-Finale mit ihrem Lebensgefährten Paul Biedermann sein. Denn Schwimmen und Liebe - das gehört für Britta Steffen untrennbar zusammen. Schwimmen ist und bleibt für sie „immer wieder wie verliebt sein“.