| 17:22 Uhr

TV-INTERVIEW
„Das Wir-Gefühl ging verloren“

Köln. FC-Experte Alexander Haubrichs zieht vor dem rheinischen Derby am Sonntag Bilanz.
Andreas Feichtner

Neun Punkte. Das ist der Rückstand auf den Relegationsplatz, mit dem der 1. FC Köln als Tabellenletzter der Bundesliga in die Rückrunde geht. Ein Heimsieg im rheinischen Derby am Sonntag gegen Borussia Mönchengladbach (15.30 Uhr, Sky) könnte die Hoffnung auf die Sensation noch mal befeuern. Der aus Trier stammende Sportjournalist Alexander Haubrichs (42) berichtet seit vielen Jahren für den Kölner Express über den 1. FC Köln. Im TV-Interview spricht er über Fehler in der Kaderplanung, die Aussichten des neuen Coachs Stefan Ruthenbeck – und darüber, warum er lieber keine Kiste Riesling vom FC-Geschäftsführer bekommen möchte.

Claudio Pizarro sagte im Kicker, er würde – hypothetisch – Geld darauf setzen, dass der FC zumindest noch den Relegationsplatz erreicht. Wie sieht’s bei Ihnen aus?

Alexander Haubrichs Claudio Pizarro hätte ja auch nicht sein eigenes Geld verwettet. Und ich würde das auch nicht tun. FC-Chef Alexander Wehrle bestand kürzlich auf eine Wette, er hat eine Kiste guten Riesling auf den Klassenerhalt des FC gesetzt. Ich hab dagegengehalten. Klappt das mit dem Wunder, zahle ich die Kiste gern!

Die Pause war kurz, auf ein Trainingslager im Süden verzichteten die Kölner: Wie gut gerüstet ist der FC vor dem rheinischen Derby am Sonntag gegen Gladbach?

Haubrichs Es gab kaum Zeit, richtig durchzuschnaufen. Das Team hat im Grunde durchtrainieren müssen, der neue Trainer Stefan Ruthenbeck hatte Defizite erkannt. Es ist aber Leben in der Mannschaft, es sind Emotionen auf dem Trainingsplatz. Aufgegeben hat sich niemand – und ich bin überzeugt, dass sie im Derby alles reinhauen werden.

 Die Hinrunde war geprägt von Pleiten, Pech, Pannen – und das nach der Europapokal-Euphorie. Wann wurden die entscheidenden Fehler gemacht? Und von wem?

Haubrichs Die Fehler haben nicht erst im Sommer angefangen. Man hat schon im Frühjahr 2017 gemerkt, als die Mannschaft teilweise gespielt hat wie ein Absteiger, dass es einige Defizite gibt. Die wurden übertüncht von einem überragenden Anthony Modeste. Nach dem Abschied von Modeste hatte man dann eine Mannschaft zusammen, von der man realistisch kaum mehr als 30 Saisontore erwarten konnte. In neun von zehn Fällen steigt man damit ab. Die Kaderplanung konnte so nicht aufgehen – gerade auch mit der Dreifach-Belastung, die die Mannschaft nicht gewöhnt war, und dem fehlenden Goalgetter. Man hatte auch das Gefühl, dass der Coach leer war, dass Peter Stöger der Mannschaft am Ende nichts mehr geben konnte. Dazu kam: Man war sich untereinander nicht mehr grün. Das Wir-Gefühl ging verloren. Es haben zu viele Kräfte gegeneinander gewirkt.

Wie wird man sich beim FC an den früheren Geschäftsführer Jörg Schmadtke erinnern? Als den Mitinitiator der Europapokal-Sensation oder als den Buhmann, der für einen möglichen Abstieg 2018 mitverantwortlich ist?

Haubrichs Wir haben gerade eine Umfrage bei uns laufen, da sagen knapp 70 Prozent, dass er der Hauptschuldige ist. Bei Jörg Schmadtke gibt es ein Muster, wenn man sich seine letzten Stationen anschaut: Mit Aachen und Hannover schaffte er es überraschend in den Europokal, bei beiden Vereine ging es dann aber auch abwärts. Es wird sich in Köln jeder an die guten Zeiten erinnern – niemand wird Arsenal vergessen. Aber es wird auch niemand vergessen, welche Fehler danach gemacht  wurden, und dass er als Erster das schlingernde Schiff verlassen hat.

Was trauen Sie Trainer Stefan Ruthenbeck zu?

Haubrichs Er hat ja Cheftrainer-Erfahrung in Mayen, Aalen und Fürth. Ruthenbeck will seine Chance beim Schopf packen, auch wenn er eine fürchterlich schwere Aufgabe hat. Aktuell hat er 30 Spieler rumlaufen, die er bei Laune halten muss – das ist er auf dem Level noch nicht gewohnt. Er bringt frischen Wind rein, hat Ideen und ist mutig. Hoffen wir, dass dieser Mut belohnt wird.

Andreas Feichtner

Alexander Haubrichs. Foto: Matthias Heinekamp/Express
Alexander Haubrichs. Foto: Matthias Heinekamp/Express FOTO: Matthias Heinekamp