Ehemalige Kugelstoßerin: Nadine Kleinert zeichnet düsteres Bild der Leichtathletik

Ehemalige Kugelstoßerin : Nadine Kleinert zeichnet düsteres Bild der Leichtathletik

Mangelnde Attraktivität für Teenager, kaum noch TV-Präsenz, frustrierte Trainer und die oft fehlende finanzielle Absicherung der Athleten: Die frühere Weltklasse-Kugelstoßerin Nadine Kleinert gibt der olympischen Kernsportart keine große Zukunft.

„Wenn es so weitergeht, dann ist die Leichtathletik in zehn Jahren tot - und den DLV gibt's nicht mehr“, sagte die Olympia-Zweite von 2004 in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Die ehemalige Magdeburgerin hat ihre erfolgreiche Karriere nach 25 Jahren Leistungssport Mitte September 2013 beendet. Sie lebt seit drei Jahren im Kyffhäuserkreis in Thüringen und arbeitet dort als Paketzustellerin. „Ich bin ja an schwere Gewichte gewöhnt“, sagt Kleinert lachend, „und ein Paket wiegt bis zu 31,5 Kilo.“ Rekord waren vor Weihnachten „knapp über 200 Pakete in acht Stunden“.

„Es ist nicht mehr meine Leichtathletik!“, betonte die Europameisterin von 2012. „Die Zuschauer gehen doch lieber zu einem Fußballspiel der F-Jugend als zur Leichtathletik“, sagte die 43-Jährige. Und: „Es wird immer schwerer, Nachwuchs zu finden.“

Leistungssport, Schule, Studium, Arbeit - dies sei heute für viele Athleten eine Schicksalsfrage. „Und auf dem freien Markt heute mit über 30 noch einmal einen Beruf lernen? Dann ist man 34, 35, bis man fertig ist“, erklärt Kleinert, die selbst erst mit 37 Jahren aufgehört hat. „Wer nimmt einen dann noch? Es ist wirklich so hart. Ich hab's am eigenen Leib erfahren.“

Nach ihrer erfolgreichen Karriere mit der Vier-Kilo-Kugel hatte die dreimalige WM-Zweite zunächst als Trainerin gearbeitet. Bei ihrem Ex-Verein SC Magdeburg sei sie „als Übungsleiter abgestempelt“ worden, für 200 Euro netto im Monat. „Wer will's denn heute noch für'n Appel und 'n Ei machen? Sich von acht Uhr früh bis abends 20 Uhr in die Halle stellen und ein paar aufmüpfige Teenager trainieren, die auf nichts Bock haben?“

Rund ein dutzendmal wurde Kleinert nach Dopingfällen ihrer Konkurrentinnen nachträglich hochgestuft; sie führte eine Liste, „wo das Gröbste draufsteht. Aber ich hab' aufgehört zu zählen.“ Gerade habe sie die Information bekommen, dass sie wieder mal eine Plakette nachgereicht bekommt: Silber statt Bronze von der WM 2007 in Osaka. „Zwölf Jahre später!“ Der Weltverband IAAF habe sie zur WM nach Doha eingeladen, die am 27. September startet. „Das ist eine Geste, ja, aber 'tschuldigung: Die arbeitende Bevölkerung hat keine Zeit.“

Olympia-Silber von Athen 2004 bekam Kleinert ebenfalls nachgereicht, weil die Siegerin Irina Korschanenko auis Russland wenige Tage nach dem Wettkampf im antiken Olympia des Dopings überführt wurde. Bronze bei der Hallen-WM 2010 in Doha hat sie erst neun Jahre später in der Hand. Immerhin: zum einzigen Mal in einem würdigen Rahmen, bei den deutschen Hallenmeisterschaften 2019 in Leipzig. „Ich hab' aufgehört zu zählen“, gesteht Kleinert und sagt mit Galgenhumor: „Die letzte Medaille werde ich wahrscheinlich mit dem Rollator abholen.“

Nadine Kleinert in der Datenbank der IAAF

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