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Phänomen Fütterer: „Der weiße Blitz“ wird 80

Phänomen Fütterer: „Der weiße Blitz“ wird 80

1954 wurde Heinz Fütterer „Sportler des Jahres“ - mit weitem Abstand vor Fritz Walter, dem „Helden von Bern“. Olympia-Gold war dem Sprinter nie vergönnt, doch der Fischerlehrling hat eine sagenhafte Karriere hingelegt.

Seine ersten Spikes erwarb er heimlich im Tausch gegen das rauchblaue Verlobungskleid seiner Schwester - und versteckte sie aus Angst vor Mutter Berta außerhalb des Hauses. „Ihr könnt mich totschlagen, ich geb' die Rennschuhe nicht raus!“ Der Jungenstreich sollte sich lohnen: Am 31. Oktober 1954 egalisierte Heinz Fütterer, Fischersohn aus dem badischen Illingen, in Yokahama/Japan in 10,2 Sekunden den 100-Meter-Weltrekord von Jesse Owens. Handgestoppt. Eine der drei Uhren zeigte sogar 10,1. Am Freitag wird „Der weiße Blitz“ 80 - und ist immer noch flink unterwegs.

Die geladenen Gäste bei der Voraufführung zum SWR-Film über Fütterer hatten in Stuttgart wieder mal ihren Spaß mit dem Europameister über 100 und 200 Meter von 1954. Fütterer sang in dem Streifen aus voller Kehle das Badener-Lied, versenkte auf dem Goldplatz den Ball im Wasser, schäkerte mit seinem Freund Tony Marschall, fischte Zander und Hecht aus dem Altrhein, kochte Kutteln - und rannte wie der Teufel. In seiner Laufbahn gewann der frühere Leichtathletik-Star vom Karlsruher SC 536 internationale Rennen und blieb von 1953 bis '55 ungeschlagen. Sein Europarekord über 200 Meter (20,8 Sekunden) hielt über 20 Jahre.

„Er ist manchmal ein bisschen schnell auf der Höhe“, sagt seine österreichische Ehefrau Ricky über ihren temperamentvollen Heinz. In den Abgrund hatte es Fütterer 1952 vor den Olympischen Spielen gezogen. Einen Tag vor der Abreise der deutschen Mannschaft von Hamburg nach Helsinki zog er sich einen Muskelriss zu. „Ich hatte schon den offiziellen Anzug an und den Hut, den ersten Hut meines Lebens“, erinnert er sich. „Da ist eine Welt für mich zusammengebrochen.“ Vier Jahre später holte er in Melbourne mit der deutschen Sprint-Staffel Bronze und lief in Köln mit Martin Lauer, Manfred Steinbach und Manfred Germar in 39,5 Sekunden Weltrekord.

Den Namen „Der Weiße Blitz“ verlieh ihm einst der französische Journalist Gaston Meyer in „L'Equipe“, als der Deutsche in Paris vier dunkelhäutigen Amerikanern die Fersen zeigte. Gegen Jesse Owens ist Fütterer nie gelaufen, doch im Heimatmuseum von Illingen steht ein Spielzeug: Wenn man mit dem Kurbel die beiden Sportler auf der Blechlaufbahn antreibt, überholt Fütterer im Endspurt den legendären Amerikaner. Den heutigen Weltrekordler Usain Bolt aus Jamaika bewundert er. „Glauben Sie mir: Der ist sauber!“, sagt er. „Der war schon mit 16 eine Ausnahmeerscheinung.“

Im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Stars lässt sich Fütterer auch nicht zu simplen Verteufelungen von gedopten Sportlern hinreißen. Wenn er damals aufgeputschten Konkurrenten hinterhergelaufen wäre? „Wer kann mir den garantieren, dass ich nicht gesagt hätte: Du probierst es auch?“, sagt er. „Es ist eine Gewissensfrage, die ich nicht beantworten möchte. Gott sei Dank haben wir damals nicht gedopt.“

Ende 1954 hatte es Fütterer, wie er selbst sagt, „die Füße unter dem Boden weggezogen“: Im „Kaiserhof“ von Karlsruhe wird nicht Fußball-Weltmeister Fritz Walter zum „Sportler des Jahres“ gekürt, sondern der Leichtathlet. „Ich hab' mich quasi beim Fritz entschuldigt.“ Heute ist Fütterer Mitglied der „Hall of Fame“ der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Und er ist ein wohlhabender Mann: Nach seiner Karriere war er Generalvertreter für Puma in Baden-Württemberg. Am Rhein hat er immer noch 70 Bootsanlegestellen.

Im Olympiaweg in Illingen wird es an diesem Freitag beim Tag der Offenen Tür hochhergehen, und am Samstag zeichnet ihn das Land mit der goldenen Staufer-Medaille aus. Wer weiß, ob alles so gekommen wäre, wenn die allerersten, im Tauschgeschäft erworbenen Spikes nicht wie angegossen gepasst hätten. „Ich war zwar immer ein Christ, aber da habe ich erst recht an Gott geglaubt.“