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Anarchie in Matsch und Modder? Denkste!

KRAUTSCHEID. Wenn die Autocrosser alljährlich in die Krautscheider Laachen bitten, dann ist das wie ein hartes, aber herzliches Familientreffen unter ein paar liebenswert Verrückten. JÜRGEN C. Braun

KRAUTSCHEID An den letzten, sich längst im maroden, hässlichen Braun an den dürren Tannenzweigen festklammernden Nadeln wabert milchiger Oktober-Nebel. Kümmerliches saftiges Erdengrün lädt ein paar dicke schwere Tautropfen zum Niederlassen ein. Inszenierte Herbstromantik? Verquaste Spinnereien? - Bitte, das geht auch anders! Von schweren, auf dem tiefen und morastigen Boden vollgesogenen Gummistiefel-Sohlen spritzen hässliche dunkle Matschklumpen. So groß wie klatschende Kuhfladen. Abenteuerliche Fahrgestelle, vor lauter Schmutz, Erdkrusten, Kieselsteinen und Waldresten in ihrem Umrissen kaum noch zu erkennen, jagen, driften, springen in wilder Horde über mal knochentrockenes, dann man wieder morastiges Geläuf. Beides trifft zu. Das Wetter, das Dorf, die Wiesen, der Wald: Alles zusammen ist wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Krautscheid im Eifelkreis Bitburg-Prüm, ein 230-Seelen-Dorf. Im Nirgendwo zwischen Deutschland, Luxemburg und Belgien idyllisch eingebettet, explodiert der Flecken an zwei Tagen schier in seinen ansonsten so geordneten Grundfesten. Das Zauberwort lautet: Autocross! Rennen gegen die Uhr, gegen die Konkurrenten auf einem 850 Meter langen, etwa acht bis zehn Meter breiten hügeligen Terrain. Bis zur Unkenntlichkeit verschmierte Tourenwagen, kleine, giftige "Hasenkästen", offene Renn-Buggys: sie alle ermitteln an diesem Wochenende im wilden Rodeo die Besten der Saison in der Südwestdeutschen Autocross-Vereinigung (SWASV). Hier, zwischen den letzten verschüchterten Eifeler Sommer-Gänseblümchen und kantigen Bucheckern fliegen die Fetzen. Und nicht nur die. Ab und zu auch ein paar Reifenteile, ein Stückchen Karosserie, das eine oder andere Kabelteil. Was ist das hier? Anarchie auf Rädern? "Von wegen", sagt Andreas Loskyll. "Autocross hat feste Regeln. Hier geht nichts ohne technische Abnahme. Und auch wenn wir hart gegeneinander fahren, so haben Rowdies doch keine Chance." Der 36-Jährige aus Krautscheid, im Zivilberuf Schreiner, ist nicht nur seit mehr als 20 Jahren aktiver Autocrosser, sondern auch Fahrersprecher. Bindeglied, Vermittler zwischen Sportlern, Statuten und Funktionären. Loskylls Wort hat Gewicht in der Szene. Und nicht nur seines. Autocross in Krautscheid - und der Ort hat Kultcharakter bei den Autocrossern - geht nicht ohne die Loskylls. Die Brüder Thomas und Alexander fahren selbst und gehören zum Organisationsstab. Vater Raimund fährt den schweren Fendt, den Abschlepper. Schwester Elli sitzt im Rennbüro. Und Großvater Johann Peter war über 40 Jahre Bürgermeister in der Eifelgemeinde, hat die Renn-Wochenenden jeweils eröffnet. Eine Autocross-Familie quasi. Genau das ist es auch, was Andreas schätzt: "Das Kollegiale, das Familiäre. Jeder hilft jedem, wenn er ein Teil braucht, das er nicht hat." Denn Autocrosser sind nicht nur Fahrer, sondern auch Bastler. "Es gibt immer was zu schrauben. Zu reparieren, einzustellen." Angefangen hat er vor über 20 Jahren mit einem VW Käfer, heute fährt er einen Honda Civic. Unterschieden wird nach strengem Reglement: nach Fahrzeugtypen (Einsteiger, Tourenwagen, Serientourenwagen, Spezialtourenwagen, Spezial Autocross, Ladys Cup, Crosskart), nach Hubraumklassen, nach Antrieb (Front- oder Allrad.) Die Rennkäfige müssen durch ein sogenanntes "Scrutineering" (technische Abnahme). Die Piloten tragen feuerfeste Unterwäsche, Anzug, Haube, Handschuhe und Helm. Dazu einen sogenannten HANS (Head and neck support) oder ein ähnliches schützendes passives Sicherheits-System.
Die Startaufstellung wird in Trainings- und Quali-Läufen ermittelt. Gefahren werden in Krautscheid sechs Runden auf der 850 Meter langen Bahn. "Wild drauflos jagen geht nicht. Berührungen sind zwar nicht verboten, aber die Sportkommissare auf dem Turm achten auf die Einhaltung des Fairplay", erklärt Loskyll. Feste Flaggensignale halten den Rennbetrieb am Laufen. Unter anderem ein sogenanntes "gerolltes Schwarz" als Verwarnung und die schwarze Flagge als Ausschluss. Für die ganz Wilden, die sich über alles hinweg setzen. Die aber, so sagt er, gebe es selten. Genauso wie Quereinsteiger von anderen Motorsportarten. Von der Rundstrecke oder von der Rallye-WP. "Autocrosser sind ein eigenes Völkchen." Auch wenn die SWASV-Serie mit insgesamt zehn Rennen mit Pilot(inn)en aus vier Ländern ausgetragen wird: Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg. "Die Beweggründe sind bei allen die gleichen. Unser Sport ist noch bezahlbar, es gibt einen großen Zusammenhalt in der Szene. Und irgendwie sind wir was Besonderes. Exoten halt." Die Jüngsten an diesem Wochenende sind zehn, der Älteste ist 68 Jahre alt. Beatmet werden die "Schlamm-Mobile", die manchmal wie ein vergessenes Mondlande-Gefährt anmuten, von aufgebohrten Motorrad-Triebwerken: "Entweder eine Hajabusa oder eine Kawasaki. Die Aggregate haben Leistungsspitzen von bis zu 20 000 Umdrehungen. Wie ein Formel-1-Renner. Oder wie ein Zahnarzt-Bohrer", schildert Thomas Loskyll. Was einen guten Autocrosser ausmache, wollen wir von Andreas wissen. Er muss es schließlich wissen. Hat er doch in 20 Jahren Titel und Pokale gesammelt wie andere Leute Briefmarken. "Ein guter Cross-Pilot muss sein Auto durch und durch kennen, das muss eine richtige Beziehung sein. Und man muss Geduld haben, ein Gespür für die Situation. Ein Rennen entscheidet sich nicht in der ersten Kurve." Vor allem dann nicht, wenn den Piloten Matsch, Steine, Erdkrumen und Zweige um die Karre fliegen. Und vielleicht nicht nur das. Sondern - mit etwas Glück-- auch das allerletzte Gänseblümchen von den Krautscheider Sommerwiesen.