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Tour de France Mont Ventoux Faszination eines hässlichen Schuttkegels

Radsport : Faszination eines hässlichen Schuttkegels

Radsport: Der Mont Ventoux spielte bei der Tour de France schon häufiger eine tragische Rolle. Heute muss er von den Fahrern gleich zweimal bezwungen werden.

Man kann nicht über die heutige elfte Etappe der Tour de France reden, nicht über den fürchterlichen kahlen Berg, der das Gesicht dieses Teilstücks wieder prägen wird, ohne seinen Namen zu erwähnen. Dafür ist das Schicksal des englischen Radprofis Tom Simpson und das seines Todes dort oben zu bekannt und zur grauenvollen Legende geworden. Den Mont Ventoux tief im französischen Süden und den englischen Radprofi verbindet eine leidvolle und tragische Geschichte.

Am 13. Juli 1967 fiel Simpson, als 29-Jähriger damals Anwärter auf den ganz großen Triumph, in der Gluthitze des 1910 Meter hohen Ventoux vom Rad. Dehydriert, ausgetrocknet, wie die Ärzte im Krankenhaus von Avignon zunächst angaben. Er starb wenige Stunden danach. Später sollte sich herausstellen, dass der Engländer der erste Doping-Tote der Radsport-Geschichte war. Vollgepumpt mit Amphetaminen, Betäubungsmitteln und Alkohol. Ein tödlicher Cocktail bei mehr als 40 Grad. Der französische Journalist Philippe Brunel hielt Jahre später treffend fest: „Er hat nicht mehr gedopt als andere. Doping war eine Art sozialer Kitt, wer nicht dopte, war Außenseiter.“ Kontrollen gab es vor mehr als 50 Jahren nicht.

Doch der Mont Ventoux ist mehr als nur Simpson – und Simpson war mehr als nur der Ventoux. Der Name des Berges ist ein Artefakt der Großen Schleife. Ein von Menschenhand geschaffenes Mysterium. Ähnlich wie L’Alpe d’Huez, der Tourmalet und der Galibier gehört der „Gigant der Provence“  („Géant de Provence“), zu jenen unverrückbaren und unersetzlichen Eckpfeilern der Streckenführung.

War die Tour ein paar Jahre nicht dort, werden die Verehrer der Rundfahrt und die Bewunderer der Männer im Sattel unruhig. Der Ventoux, dessen Anblick aus der Ferne faszinierend und abstoßend zugleich ist, wartet mit seit Jahrzehnten gelebter Geduld auf seine Bezwinger.

Und er übt – ähnlich wie L’Alpe d’Huez – eine magische Anziehungskraft auf viele ambitionierte und sehr gut trainierte Hobby-Radfahrer aus. Wer im Sommer, beileibe nicht zur Tour-Zeit, morgens das kleine verträumte Örtchen Bourg d‘oisans in Richtung Gipfel verlässt, wird Zeuge, wie sie sich scharenweise die 21 Kehren hinauf quälen. L’Alpe zu fahren ist so etwas wie der Ritterschlag im Sattel. Eine fiktive Medaille der radsportlichen Légion d‘Honneur, der französischen Ehrenlegion.

So ähnlich ist es mit dem Ventoux. Bei vielen Freizeit-Pedaleuren steht er auf der To-do-Liste. Wer die 21,5 Kilometer und 1600 Höhenmeter bewältigen will, hat eine durchschnittliche Steigung von siebeneinhalb Prozent und auf dem steilsten Teilstück eine höllische Rampe von etwas mehr als zehn Prozent vor der Brust. Die Besten der Besten, etwa Fahrer aus den Anden, benötigen dafür knapp eine Stunde. Gute Hobbyfahrer das Doppelte oder Dreifache. Und dann machen sie meist Rast am Tom-Simpson-Denkmal. Es gibt mehrere Möglichkeiten des Anstiegs. Die schwierigste ist die südliche Variante, von Bédoin hinauf. Sagen die, die es von allen Seiten probiert haben.

 Radrennfahrer Tom Simpson wurde 1967 der Mont Ventoux zum Verhängnis.
Radrennfahrer Tom Simpson wurde 1967 der Mont Ventoux zum Verhängnis. Foto: dpa/-
 Britain's Mark Cavendish, wearing the best sprinter's green jersey, celebrates with teammate after winning the tenth stage of the Tour de France cycling race over 190.7 kilometers (118.5 miles) with start in Albertville and finish in Valence, France, Tuesday, July 6, 2021. (Tim van Wichelen, Pool Photo via AP)
Britain's Mark Cavendish, wearing the best sprinter's green jersey, celebrates with teammate after winning the tenth stage of the Tour de France cycling race over 190.7 kilometers (118.5 miles) with start in Albertville and finish in Valence, France, Tuesday, July 6, 2021. (Tim van Wichelen, Pool Photo via AP) Foto: AP/Tim van Wichelen

Die Profis bei der Tour de France müssen den Mont Ventoux heute gleich zweimal bezwingen. Eine fast neue Version führt von Sault hinauf. Die Ziellinie liegt zu Füßen des Giganten. Der ist mittlerweile zum Nationalpark erklärt worden. Der Rat des Departements Vaucluse, zu dem der hässliche Schuttkegel gehört, hat sich seiner jetzt angenommen. Inmitten des „parc national“ sollen die Pässe für die Amateur-Radsportler, die sich oben auf die Schulter klopfen wollen, instand gesetzt werden. Es wird, mitten im tiefsten Süden Frankreichs, frei nach Shakespeare, des widerspenstigen Berges Zähmung.

(dpa)