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Tour de France Werbekarawane „La publicitaire“: Die Tour in der Tour

Radsport : „La publicitaire“: Die Tour in der Tour

Die grelle Werbekarawane ist ein millionenschweres Geschäft, das dem Fahrerfeld wie ein Rosenmontagszug voranfährt.

Für die Zuschauer am Straßenrand ist sie der klassische „Opener“ des mit großer Spannung erwarteten Tour-Tages.
Exakt auf die Minute genau zieht die Werbekarawane der Tour, die „publicitaire“, vor dem Fahrerfeld über die gleiche Strecke, die Fahrer, Gendarmerie und Begleitfahrzeuge zwei Stunden später passieren werden. Der bunte, lärmende Lindwurm ist aber nicht das rollende Schaufenster der vielen Sponsoren des gigantischen Ereignisses. Hier werden nicht nur Werbegeschenke aller Art, Beschaffenheit und Größenordnung in die aufgekratzte Menge am Straßenrand geworfen. „La publicitaire“ ist ein fast schon militärisch straff organisiertes Ereignis, dem Rosenmontagszug einer deutschen Karnevals-Hochburg gleich. Geldbeschaffer und Gefahrenherd zugleich. Eine Tour in der Tour.

Die aufgesetzte Fröhlichkeit, die die meist bunt kostümierten Menschen auf den knallig bunten Wagen mit viel Pappmaché zu Werbezwecken transportieren sollen, ist nichts als wochenlang eingeübte Staffage. Dahinter steckt eine straffe Organisation, denn das 120 Minuten später folgende Fahrerfeld darf in keiner Weise davon behindert, eingeschränkt oder gar blockiert werden.  Für die Amaury Sports Organisation (A.S.O.), den Tour-Veranstalter, ist „la publicitaire“ jedoch ein in das Prämien-Gefüge inte­griertes Netzwerk. Jedem Sponsor, den fünf Hauptpartnern sowie den etwas abgestuften, also den weniger lukrativen Begleitern, steht eine bestimmte Anzahl von Fahrzeugen in einer festgelegten Größe und mit zuvor festgelegtem Abstand zu.

Die als Werbefiguren verkleideten jungen Männer und Frauen werfen unablässig kleine Geschenke in das Publikum: Klatschhände mit dem Aufdruck des Konzerns, der dahinter steckt. Gummibärchen, Mützen mit Aufklebern, bunte Papierfähnchen, Süßigkeiten, Käseecken oder „saucisses“, kleine fest verpackte Salami-Stücke. Anhalten geht nicht, die Karawane darf nicht ins Stocken geraten. Der Abstand zum Peloton muss stets gewahrt bleiben. Das heißt, dass Fahrzeuge auch schon einmal mit Schwung aus einer engen Kurve in einem kleinen Dorf herausgetragen werden und dass dann Schlüsselanhänger, kleine Wasser- oder Limonade-Flaschen oder andere feste Gegenstände schnell zu Wurfgeschossen mutieren. Beulen und Platzwunden inbegriffen.

Die überall sichtbaren Angehörigen der Polizei haben zwar ein Auge vor allem auf die jüngsten Zuschauer, die sich oft als kaum zu bremsende Souvenirjäger oder Geschenksammler entpuppen. Allem Ungemach aber kann man bei dieser Anzahl und der Geschwindigkeit der aufgeplusterten Autos nicht vorbeugen. Absperrungen an den besonders gefährdeten Stellen gibt es kaum. Jeder Neugierige am Straßenrand ist sein eigener Schutzengel. Unfälle sind demzufolge nicht auszuschließen. Zu leichten Karambolagen aber auch gefährlichen Situationen kann und wird es immer wieder kommen.

Tragisch wird es dann, wenn dabei – wie auch schon geschehen – Menschenleben zu beklagen sind. In den frühen Jahren des neuen Jahrhunderts (2000 und 2002) war das der Fall. 2002 lief auf der Etappe von Bazas nach Pau in den Pyrenäen ein siebenjähriger Junge in ein Fahrzeug der Werbekarawane, weil er auf der anderen Straßenseite seine Großmutter entdeckt hatte. Er starb kurz nach dem Eintreffen der Sanitäter, bevor er ins nächstgelegene Hospital geflogen werden sollte.  Zwei Jahre zuvor war ein zwölfjähriges Kind von einem Teilnehmer des Werbe-Feldzuges erfasst worden und erlitt tödliche Verletzungen.

Die Größe und die Teilnehmer an dieser rollenden Schlacht um die Absatzbilanz der zur Schau getragenen Produkte sind unterschiedlich. Als die Tour im Jahr 2002 in Luxemburg begann und das Peloton einen Tag nach Prolog und erster Etappe quer durch die Region nach Saarbrücken zog, flanierten dem Fahrerfeld 178 Fahrzeuge voran. So sagen es die Archive der A.S.O. 37 verschiedene Anbieter hätten damals mit insgesamt 480 Mitarbeitern für ihre Produkte geworben. Der Wert der kleinen Werbegeschenke, die in drei Wochen mit Ausnahme der beiden Ruhetage unters Volk geworfen werden, geht in die Millionen.

Allen möglichen Gefahrenherden zum Trotz hat die „publicitaire“ in Frankreich eine große Fan-Gemeinde. Es gibt eine eigene Facebook-Gruppe, auf der sich Sammler und Jäger austauschen.  Tipps, wann sich „Follower“ der Karawane am besten wo hinstellen, um dann vielleicht noch ein zweites oder gar drittes Mal etwas zu ergattern, werden fast schon als geheime Verschlusssache gehandelt. Es gibt richtige „Karawanen-Süchtige“, denen die „richtige“ Tour egal ist. Ihnen geht es darum, eine möglichst große Ansammlung aller verschiedenen Werbegeschenke eines jeden Jahres zu horten. So wie andere Leute Briefmarken oder Bierdeckel sammeln.

Die Tour, und mit ihr alle dazu gehörenden Besonderheiten sind eben alles: nur nicht gewöhnlich.