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Am Nürburgring geht der Blick nach vorn

Motorsport : Am Ring geht der Blick nach vorn

Während derzeit rund um die Nordschleife ungewöhnliche Ruhe und Stille herrschen und von Motorsport weit und breit keine Spur ist, beschwören Organisatoren und  heimische Piloten die Zukunft.

 Krafttraining zu Hause, joggen zwischen Prüm und Sauer, Radfahren in der Vulkaneifel. Dazwischen aufräumen, chatten, Video-Meetings: Die heimischen Piloten der Langstreckenserie am Nürburgring versuchen derzeit das Beste aus der Situation zu machen, die ihnen das Coronavirus beschert hat. Aber sie haben längst auch schon wieder den Blick nach vorn gerichtet,  schmieden Pläne, warten darauf, dass es wieder losgeht. Keiner möchte  in einen Zustand untätiger Dauer-Tristesse verfallen. Ebenso ergeht es denen, die an der Nordschleife und der Grand-Prix-Strecke terminieren, organisieren. Die dafür sorgen, dass „der Laden am Laufen gehalten wird.“

Und in den vielen kleinen Dörfern rund um die Rennstrecke hoffen alle Beteiligten, dass sich der derzeitige finanzielle Verlust in absehbarer Zeit zumindest einigermaßen wieder auffangen lässt. Sie setzen darauf, dass die sonst zu dieser Jahreszeit üblichen Dauergäste wiederkommen werden, wenn es dann endlich losgeht.

Eine Bestandsaufnahme der „Grünen Hölle“, mit mehr als nur einem Funken Hoffnung im lodernden Feuer.

Der bleiche, verwaschene, schon stark eingerissene Zettel mit dem amtlichen Siegel obenauf flattert in seiner nur unzulänglich schützenden Plastikfolie heftig im kräftigen Eifelwind an dem Gitter des Parkplatzes zum „Brünnchen“ hin und her.  Der in fetten Versalien gehaltene  drohende amtliche Terminus von der „Allgemeinverfügung“ läuft  im wässrigen, rosafarbenen Schriftbild traurig auseinander. Doch die noch deutlich erkennbaren Begriffe wie „Eindämmung“ und „Corona-Pandemie“ weisen unmissverständlich daraufhin, dass sich in nächster Zeit hier keine Räder drehen, dass keine Motoren aufheulen werden.

Starke Betonpoller versperren den Weg zu der großen Freifläche, auf der sich in all den Jahren zuvor spätestens mit Saisonbeginn Ende März an der Nordschleife des Nürburgrings Wohnmobil an Wohnmobil gereiht hatte. Stattdessen: Grabesstille. Kilometer 16, die kleine Senke am Brünnchen, von Eschbach ausgangs Wippermann  kommend,  liegt vor der langgezogenen Rechtskurve  hinauf in Richtung Pflanzgarten im gleißenden Sonnenlicht.   Das eine oder andere zaghafte Vogelgezwitscher durchbricht  die lärmende Stille.

Keine Touristenfahrten, die ersten Rennen abgesagt. Der Saison-Höhepunkt, das 24-Stunden-Rennen, vom Mai in den September verlegt. Das breite Band zwischen den Curbs (Randsteine),  die im Vorjahr für vier Millionen Euro ausgebaute  Strecke,  gehört jetzt anderen. Weiter  oben, bei Kilometer 17,5, kurz bevor es hinunter Richtung Schwalbenschwanz geht,  grüßen zwei Radler auf ihren Mountainbikes. Rad am Ring, nur vorgezogen. In Nürburg hat die sagenumwobene Pistenklause längst die Rollladen heruntergezogen.  Ein Ort, an dem unzählige „Benzingespräche“ geführt wurden, wo  sich bei Familie Schmitz Ayrton Senna, Niki Lauda und Co. die Türklinke in die Hand gegeben hatten.

Der sogenannte „Preview Day“, vorgesehen für den 14. März, und die beiden ersten Rennen der neuen  Nürburgring Langstreckenserie (NLS), die von der erfahrenen VLN-Organisation abgewickelt wird, wurden früh abgesagt. Rennen Nummer drei folgte. Jetzt soll es Ende Juni  mit der 51. Adenauer ADAC- Rundstrecken-Trophy losgehen. Schluss sein soll in diesem Seuchen-Jahr erst Anfang November, zumal man auch noch einen Termin für die Verschiebung des 24h-Rennens in den September freigemacht hat. Keine Spur von bleierner Untätigkeit. Die Zeit, bis der Reset-Knopf für die Saison 2020 gedrückt werden kann, wird optimal genutzt.

An Kreativität, um einen sportlichen Wettbewerb mit Nordschleifen-Charakter zu inszenieren, mangelt es nicht. Wenn schon nicht auf der realen Strecke, zwischen Hatzenbach, unten in Breitscheid,  bis hin zu Galgenkopf und Döttinger Höhe gefahren werden kann, dann wenigstens virtuell. Und zwar mit allen Schikanen, die das hochmoderne E-Sports-Tableau bietet. Das Zauberwort heißt „Digitale Nürburgring Langstreckenserie powered by VCO.“

Das virtuelle Pendant zu den realen Rennen auf der legendären Nordschleife war anfangs noch als Ersatz für die wegen der Corona-Krise ausgefallenen Rennen gedacht. Jetzt sollen, nachdem bereits drei Rennen mit ebenso großer wie namhafter Beteiligung gefahren wurden, insgesamt neun Läufe auf dem Bildschirm ausgetragen werden. Auch deshalb, weil die Resonanz bisher aus Sicht der Organisatoren überwältigend war. „Den Saisonauftakt der Nürburgring Langstrecken-Serie in die virtuelle Welt zu verlagern, war die richtige Entscheidung.“, sagt Christian Stephani, der Geschäftsführer der VLN VV GmbH & Co. KG nach dem ersten Rennen. „Kumuliert mehr als 200 000 Videoabrufe in den Livestreams und Clips auf unterschiedlichen Kanälen untermauern die vielen positiven Rück­meldungen. Das Coronavirus hält die Welt in Schach. Jedoch stecken wir gerade jetzt nicht zurück, sondern sehen die Krise auch als Chance, unsere Präsenz im virtuellen Segment zu stärken.“ Ziel sei es, „neben der realen Nürburgring Langstrecken-Serie dauerhaft ein digitales Gegenstück zu etablieren“.

Um ein möglichst naturgetreues Abbild der konventionellen Rennwelt zu erzeugen, muss jedes Team in den vierstündigen Auseinandersetzungen mindestens einen Rennfahrer aus dem realen Motorsport mit an Bord haben. Dieser übernimmt das Cockpit im Qualifying und muss auch den Start fahren. Die Fans, so Stephani, „können gerade in der spannenden Startphase mit den bekannten Nordschleifen-Stars mitfiebern. Beide Welten verschmelzen so noch mehr zu einer Einheit.“ Am Wochenende wurde bereits Rennen Nr. zwei gefahren. Der britische Traditions-Rennstall Williams holte sich im Audi R8 LMS den Sieg.

In der Wirklichkeit haben vor allem Unternehmen wie Black Falcon, Manthey oder Audi Sport Phoenix, die ihre Dependancen im Gewerbepark  an der Bundesstraße neben der Döttinger Höhe haben, mit der Krise zu kämpfen.  Ebenso wie die  Amateure, die viel Geld in ihr Hobby  stecken und sich seit Jahren um jeden einzelnen Euro bemühen. Rudi Adams aus Nohn und Phillip Leisen aus Irrel sind – stellvertretend für viele andere – nur zwei von ihnen.

Adams  ist mit Ende 50 eine Art Aushängeschild des motorisierten Langstreckensports.  Seine Kollegen in China, sagt er,  „fangen nach drei Monaten jetzt wieder an, step by step in die Normalität zurückzukommen.“ Ans Aufhören will er noch lange nicht denken, bemüht sich derzeit fieberhaft um Geldgeber.  „Ich bin noch schnell. Warum sollte ich?“ So hält er sich mit Radfahren fit zwischen den Video-Meetings, ist mit den Fahrerkollegen im Austausch.

Nürburgring Foto: Jürgen C. Braun

Philipp Leisen, der VLN-Meister des Jahres 2018, wollte eigentlich mit dem Ziel Meisterschaft gemeinsam mit seinen beiden Teamkollegen  Christopher Rink und Danny Brink wieder in die Saison gehen. „Im Moment wissen wir aber gar nicht, wie viele Rennen überhaupt gefahren werden.  Wenn schon Termine im November genannt werden, muss ich kein Wetter-Experte sein, um zu wissen, dass da die Ausfallquote hoch sein wird.“  Aber egal wie: Hauptsache, es tut sich was: Niemand verfällt in Lethargie. Und so blickt der Mann  aus der Südeifel nach vorn: „Auch das wird irgendwann ein Ende haben, und dann wird der Motorsport ein Comeback feiern.“