| 05:00 Uhr

Volksfreund-Serie „Spochtipedia“
TV-Serie Spochtipedia: Besser die Taube auf dem Dach ...

„Ich hänge an jeder einzelnen meiner Tauben“, sagt Werner Marschinski. Auf dem Bild oben ist ein sogenannter Auflass zu sehen, der Start zu einem Wettbewerbsflug.
„Ich hänge an jeder einzelnen meiner Tauben“, sagt Werner Marschinski. Auf dem Bild oben ist ein sogenannter Auflass zu sehen, der Start zu einem Wettbewerbsflug. FOTO: Marek Fritzen
Platten/Trier. Von Konkursen, Transfers nach China und Nummer 98: Besuch bei einem Experten im Brieftaubensport. Von Marek Fritzen
Marek Fritzen

Gut, seine Nummer eins, das war sie jetzt nicht. Das kann man schon so sagen – was aber auch nicht wirklich etwas zu bedeuten hat. Denn für Werner Marschinski kann auch Nummer 98 in Wahrheit die Nummer eins sein – oder Nummer 567, oder 345, oder, oder, oder ... „Aber die 98“, so erzählt Marschinski, „die war eine ganz Besondere. Ich weiß noch genau, wie die damals aus Frankreich kam, wie sie plötzlich morgens da drüben auf dem Dach saß“.

Der 78-Jährige sitzt in seinem Wohnzimmer im kleinen Örtchen Platten unweit von Wittlich und deutet mit dem Zeigefinger durch das große Fenster hindurch, rüber aufs Nachbarhaus. Der Pensionär ist Frühaufsteher und auch damals an jenem Morgen früh auf den Beinen. „Am Abend vorher war sie noch nicht da“, erinnert er sich, „aber als ich morgens rausschaute, saß Sie plötzlich dort. Das bedeutete: sie war die ganze Nacht durchgeflogen“. Von Südfrankreich bis Platten – 600 Kilometer hatte Nummer 98 innerhalb von nur einer Nacht zurückgelegt. „Normalerweise fliegen die nachts nicht, das machen nur Ausnahmetauben“, betont der gebürtige Sauerländer.

Werner Marschinski muss es wissen, er ist Experte in Sachen Brieftauben­sport, gehört zu den erfolgreichsten Züchtern in der Region, ist Mitglied im Verband Deutscher Brieftaubenzüchter sowie im Brieftaubenverein Osann-Monzel.

Aber Moment mal: Brieftauben­sport, im Ernst, ist das eine richtige Sportart? „Ich persönlich treibe dabei natürlich keinen Sport, das machen schon die Tauben, für mich ist es ein Hobby“, sagt Marschinski mit einem Grinsen im Gesicht. „Aber ich bin 78 Jahre alt, und mein Hobby hält mich fit – daher ist es für mich auch wie Sport.“

Während er die Kellerstufen in den Garten zu den Taubenschlägen hinaufsteigt, erzählt er in feinstem Hochdeutsch – das so sehr nach Dortmund oder Bochum klingt und so gar nicht nach Platten bei Wittlich – jedenfalls erzählt er da, wie das alles angefangen hat mit seinem Hob­by. 13 Jahre alt sei er gewesen, als er seine ersten Brieftauben in seinem Heimatort Hemer bekommen habe, keine zehn seien das damals gewesen. „Seitdem hat mich das nicht mehr losgelassen.“ Heute leben um die 80 Tauben in den geräumigen Schlägen. „Zwischen September und März bleiben die Tiere im Stall.“ Ab Mitte März beginnt die Flugsaison, dann lässt Marschinski sie alle fliegen,  damit sie den „Winterspeck abtrainieren können“, wie er sagt.

Ernst wird’s dann ab Anfang Mai, wenn die Wettbewerbssaison beginnt. Organisiert durch den Regionalverband Saar-Mosel werden Marschinskis Tauben und die Tiere anderer Züchter in Tauben-Anhängern zu den jeweiligen Start­orten gefahren. „Die erste Tour ist um die 200 Kilometer weit“, erklärt Marschinski. „Das steigert sich dann bis zur 13. Tour, die meist nach Südwestfrankreich führt. Auf dem Heimflug legen die Tauben dann um die 650 Kilometer zurück.“ Am Startort angekommen, heißt es erst mal ausruhen von der langen Fahrt. Nach mehreren Stunden Ruhe und einer ausgedehnten Fütterung geht’s dann in die Luft.

                            *

Marschinskis Sportler tragen Empfänger an den Beinen, mit denen ihre Flugdaten überwacht werden. Bei der Rückkehr in den Plattener Schlag fliegen sie über ein Terminal, das die Ankunftsdaten an einen PC weitergibt. „Mit ein bisschen Rückenwind legen die Tauben 1600 bis 1800 Meter pro Minute zurück, das heißt, die rund 650 Kilometer aus Südwestfrankreich nach Platten schaffen sie in rund zehn Stunden.“ Interessant: Marschinski schickt nur seine 32 Herren auf Reisen, die Damen bleiben zu Hause, fliegen lediglich im Umkreis der Schläge. Für die Herren sei das ein Anreiz, schneller wieder nach Hause zu kommen, bemerkt er trocken. „Die schießen dann bei der Rückkehr wie geölte Blitze zurück in den Schlag zu ihren Damen.“ Nur äußerst selten komme es vor, dass Tauben den Weg nicht zu ihm zurückfinden würden.

                             *

Seine Vögel, das ist nicht schwer zu erkennen, sie sind sein Ein und Alles. Wie sehr sie dem 78-Jährigen am Herzen liegen, wird klar, wenn er erzählt, dass er allmorgendlich nach dem Aufstehen direkt zu den Schlägen hinübereilt, sich um die Tiere kümmert. Wenn er im Keller die immensen Futtervorräte präsentiert, den schwarzen Mais aus den Anden, den roten Mais, den Bordeaux-Mais, den Pferdezahnmais oder die Erbsen. Oder wenn er davon berichtet, wie  er während der Touren gespannt mit einem „Pott Kaffee“ zu Hause auf der Terrasse sitzt und auf die Rückkehr seiner Lieblinge wartet.

„Man muss“, so sagt Marschinski kopfnickend, „man muss auch mit denen sprechen“. Früher, als er den Taubenschlag noch unten am Maare-Mosel-Radweg hatte, da habe er sich nicht getraut, mit den Tauben zu sprechen. „Das konnte ich nicht machen, da waren ja so viele Leute, wenn die mich gesehen hätten, die hätten doch gedacht: ‚Mensch der Marschinski, der spinnt’“ – sagt’s und fängt so laut an zu lachen, wodurch er das gleichförmige Gurren im Hintergrund übertönt. Seitdem sich die Schläge in seinem Garten befänden, habe er seine Einstellung geändert. „Hier sieht mich ja keiner, jetzt rede ich mit denen so viel ich will und das macht echt viel aus.“

So steht Marschinski da, wenn seine Tauben von ihren Touren kommen und ruft ihnen voller Freude entgegen. „Die Tiere“, sagt er, „die sind so intelligent, die reagieren auf kleinste Details.“ Aus diesem Grund betrete er die Schläge auch stets im selben Outfit – grau-blauer Kittel, Jeans, dunkle Schiebermütze, dunkle Schuhe. „Wenn ich jetzt mal mit roten Schuhen reinginge, würden die das sofort merken und unruhig werden.“

Marschinski selbst wird unruhig, wenn er zwei Gäste in seinem Garten erblickt, auf die er gut verzichten kann. Namentlich: Sperber und Habicht. Immer wieder kommt es vor, dass die Raubvögel einige seiner Tauben reißen. „Letztens stehe ich im Schlag, füttere gerade, und sehe draußen eine von meinen Tauben sitzen, im nächsten Moment fliegt sie weg und hinterher ein Sperber - dann ging das zack, zack, und er hatte sie.“ Der Pensionär spricht nicht gerne über das Thema, zu schmerzhaft. Beinahe flüsternd fügt er hinzu: „Die machen echt Probleme.“

                           *

Der kalte Wind an diesem Mittwoch Anfang Februar wird unangenehmer, auch der Regen setzt ein. Marschinski stapft zurück ins Haus, legt im Keller Kittel und Mütze ab, schlüpft in die Hausschuhe und stapft hoch in den ersten Stock. „Das hier ist sie, die 268“, sagt der 78-Jährige und nimmt oben einen Bildrahmen von der Wand. Wieder so eine Nummer, wieder so einer seiner Lieblinge.

„Die 268“, erzählt Marschinski, „die hat 2012 den ersten Konkurs gemacht auf dem Nationalflug von Châteauroux zurück nach Platten, sie war die schnellste von 12 588 Tauben“. Kurze Pause, dann: „Erster Konkurs, das muss man vielleicht erklären“, fügt er an, „das steht im Brieftaubensport für den ersten Platz“. Marschinskis Tauben haben ihm schon reihenweise erste Konkurse eingeflogen. Pokale und Urkunden schmücken einen Schrank im Obergeschoss. Doch Erfolge wecken Begehrlichkeiten. Das ist im Brieftaubensport nicht anders als im Profi-Fußball. So wurde Marschinskis 268 zum Anthony Modeste des Brieftaubensports, denn: 268 fliegt heute mehrere Tausend Kilometer weiter östlich, Marschinski hat sie schweren Herzens nach China verkauft. „Nach dem Erfolg hat sich ein Makler bei mir gemeldet und ein gutes Angebot gemacht“, erzählt er.

Es sei schon so, dass im Brieftaubensport teilweise gute Beträge gezahlt würden für erfolgreiche Flieger. „Gutes Angebot“, „gute Beträge“ – was bedeutet das konkret? „Na gute Beträge halt“, sagt Marschinski grinsend, „mehr will ich dazu nicht sagen“.

Okay, dann noch eine andere Frage zum Abschluss, die unbedingt noch einer Antwort bedarf: Was sagt er eigentlich dazu, dass viele Menschen Tauben als „Ratten der Lüfte“ bezeichnen? Hört man ja immer wieder. „So was zu glauben ist einfach nur primitiv. Jemand, der das sagt, hat noch nie einen Taubenschlag von innen gesehen und weiß nicht, wie intelligent die Tiere sind. So etwas ärgert mich“, zürnt Werner Marschinski und schaut durchs Wohnzimmerfenster hinaus zu seinen Lieblingen.

FOTO: C. Schulte / picture alliance / dpa-tmn