Denksport unter Argusaugen

Die Schiedsrichter beim Schach sind streng, Manipulationen nicht selten. Doch der vierte Bundesliga spieltag der Saison bleibt sauber. Prominent besetzt ist er obendrein: Der Großmeister und ehemalige Vize-Weltmeister Wassyl Iwantchuk geht für die SG Trier ans Brett und kann zwei Partien für sich entscheiden.

Trier. Doping ist ein großes Thema im Sport - das gilt auch für den Denksport Schach. Wenn auch mit völlig anderen Mitteln: "Es gibt keine Substanz, die die Schachfähigkeit verbessert", sagt Stefan Müllenbruck, Abteilungsleiter Bundesliga bei der Schachgesellschaft (SG) Trier. Das kleine Büffet mit Bananen, Kaffee und Cola, das die Helfer für die Spieler aufgebaut haben, ist deshalb völlig unverdächtig - es handelt sich dabei schließlich um legales und gesellschaftlich akzeptiertes Gehirn-Doping.
Problematischer sind da schon die Smartphones der Spieler. "Es gibt Computerprogramme, die jeden einzelnen Spielzug analysieren und dem Spieler dann eine Empfehlung geben", erklärt Müllenbruck. Doch beim einzigen Heimspiel der SG in dieser Saison soll alles mit fairen Mittel zugehen. Schiedsrichter Leon Muijs achtet deshalb äußerst streng darauf, dass die Spieler ihre Telefone abgeben, bevor er die Bretter frei gibt.
32 Partien stehen an diesem vierten Spieltag an, neben der SG Trier spielen auch die SG Griesheim, der SV Hockenheim und die DJK Aachen. Für die SG Trier ist das ein besonderer Spieltag, nicht nur weil sie das erste Mal in der Richterakademie spielen. Mit Wassyl Iwantschuk hat die SG in dieser Saison eine wahre Legende im Kader. Iwantschuk war 2001 Vize-Weltmeister, viermal gewann er Mannschafts-Gold bei den Schach-Olympiaden. Aktuell steht der 47-jährige Ukrainer mit einer Elo-Zahl von 2721 auf Platz 31 der Weltrangliste. Die Elo-Zahl drückt die Spielstärke des Schachspieler aus, wer einen Wert über 2500 erreicht, gilt als Großmeister. Die SG ist stolz, dass Iwantschuk für sie spielt: "Das ist so, als würde Bastian Schweinsteiger für die Eintracht kicken", sagt Franz-Josef Meyer, Pressesprecher der SG. Eigentlich, findet er, hätte der Ukrainer sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen müssen, wo er schon einmal da sei. Die Zeit habe aber nicht gereicht.
Für Erfolge hat Iwantschuk dafür umso mehr Zeit: Zwei Partien kann er an diesem Spieltag für sich entscheiden. Rainer Buhmann von der SV Hockenheim und Jaroslaw Krassowizkij von der SG Griesheim ziehen gegen den Ukrainer am Ende den Kürzeren.
Etwa 50 Zuschauer sehen sich die Spiele in der Richterakademie an, anders als etwa im Fußball sind die Fans aber sehr um ein leises Auftreten bemüht. Sicherlich auch, um den Zorn von Schiedsrichter Muijs nicht auf sich zu ziehen. Sich die Spiele live vor Ort anzusehen, sei aber ohnehin nicht unbedingt üblich: "Schach ist mittlerweile ein Internetsport", sagt Müllenbruck. Die Spielbretter sind direkt mit dem Internet verbunden und übertragen jeden einzelnen Spielzug direkt auf den einschlägigen Websites.
Allerdings zeitversetzt um eine Viertelstunde, so sollen Manipulationen vermieden werden. Denn auch die übertragenen Spielzüge können enstprechende Programme analysieren. "Es gab schon Fälle, da hatte der Spieler eine Perücke an und darunter Kopfhörer verborgen, damit das Programm ihm Empfehlungen weitergeben kann", sagt Müllenbruck. Genauso verdächtig sei es, wenn ein Spieler während der Partie zu häufig auf die Toilette müsse. Schließlich könnte er ein Smartphone dort deponiert haben. "Das hat es alles schon mal gegeben."
Doch in Trier bleibt der Sport an diesem Wochenende sauber - sicher auch, weil Schiedsrichter Muijs mit Argusaugen über allem wacht.Extra

Die SG Trier konnte aus dem vierten Spieltag der Saison zwei Mannschaftspunkte mitnehmen. Ein Sieg bringt zwei Mannschaftspunkte, ein Remis einen und eine Niederlage null Punkte. Gegen Griesheim gewannen die Trierer mit 5:3, gegen Hockenheim unterlagen sie knapp mit 3.5:4.5. Aktuell liegt die SG damit auf dem Tabellenplatz sieben. "Das heißt, wir haben vorerst keine Abstiegssorgen", sagt Pressesprecher Franz-Josef Meyer. Es sei ein "bedingt erfolgreiches Wochenende" gewesen. Der SV Hockenheim führt nach dem Sieg gegen Trier die Tabelle an - der SV Griesheim ist das Tabellenschlusslicht. Die SG tritt in der zehnten Saison in Folge in der Bundesliga an. lbe