Deutsche Laufhoffnung aus Äthiopien

Deutsche Laufhoffnung aus Äthiopien

Der jüngste Mann im deutschen Aufgebot für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau war im August auf Anhieb bester Läufer im schwarz-rot-goldenen Nationaltrikot: Homiyu Tesfaye. Der 20-Jährige belegte über 1500 Meter den fünften Platz. An Silvester läuft er in Trier.

Trier. Zwei Kenianer, ein Südafrikaner und ein US-Amerikaner, aber kein Äthiopier lagen am 18. August im Moskauer Olympiastadion vor Homiyu Tesfaye. Doch die Frage, ob er nun auch bester Äthiopier sei, beantwortet der 20-Jährige in Interviews ohne zu zögern und eindeutig: "Ich bin der schnellste Deutsche!" Wie zum Beweis trat Tesfaye zwei Wochen später seinen Dienst bei der Bundeswehr an.
Mit der Einbürgerung am 27. Juni und der Startfreigabe des Internationalen Leichtathletik-Verbands IAAF wollen Tesfaye und sein Trainer Wolfgang Heinig auch die Diskussionen über Tesfayes Identität und Alter, die zeitweise in Internetforen verbissen geführt wurde, hinter sich lassen - so weit es geht. Zweifler würden immer wieder auf den Plan gerufen, wenn unerwartet Konkurrenz auftauche, glaubt Heinig.
Kern des Vorwurfs: Homiyu Tesfaye sei identisch mit dem drei Jahre älteren ehemaligen Junioren-WM-Teilnehmer Henok Tesfaye Hey (ebenfalls Äthiopien). Den Höhepunkt erreichte die Diskussion, als Homiyu Tesfaye als überlegener 1500-Meter-Sieger bei der U23-DM so lange Liegestütz machte, bis der Letzte im Ziel war. Für die Konkurrenten war das wie Hohn. Was er nicht beabsichtigt habe, beteuert Tesfaye. Er habe die Wirkung falsch eingeschätzt. Wenn Usain Bolt seine Show abziehe, fänden das alle doch cool.
Für Heinig, in Personalunion Bundes- und Tesfayes Heimtrainer bei der LG Eintracht Frankfurt, ist der junge Mann, der 2010 Asyl beantragte, ein großer Hoffnungsträger. WM-Platz fünf in Moskau, Medaille bei den Olympischen Spielen in drei Jahren in Rio de Janeiro? "Von seinen physischen Voraussetzungen ist das durchaus möglich", sagt Heinig. Aber man müsse natürlich die weitere Entwicklung abwarten. Das heißt verletzungsfrei und weiter motiviert bleiben.
Dass er sich motivieren kann, hat Tesfaye bewiesen. Während er den Hauptschulabschluss nachholte, stand er um fünf Uhr auf, um seinen morgendlichen Dauerlauf vor Schulstart machen zu können. Am frühen Abend stand dann die zweite Einheit auf dem Programm. Was das Training seines Schützlings in den vergangenen Wochen wert sei, möchte Heinig allerdings nicht prognostizieren. Einen Großteil der Adventszeit verbrachte der 20-Jährige in Äthiopien bei seinem erkrankten Vater. "Er hat dort trainiert, aber was das wert ist, muss sich zeigen", sagt Heinig. Im vergangenen Jahr musste sich Tesfaye im Bitburger-Lauf der Asse über acht Kilometer in 23:17 Minuten nur knapp Arne Gabius (Tübingen/23:06) und Carsten Schlangen (Berlin/23:16) geschlagengeben. teu