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"Deutschland ist keine Radsport-Nation"

"Deutschland ist keine Radsport-Nation"

Etappensiege bei den großen dreiwöchigen Landes-Rundfahrten in Frankreich, Italien und Spanien. Dazu in diesem Jahr Deutscher Meister auf der Straße, aber vor allem: Einer der weltbesten Sprinter. Bei seinem Kurzbesuch in der Eifel am Wochenende hatte TV-Mitarbeiter Jürgen C. Braun Gelegenheit, sich mit André Greipel zu unterhalten.

Bitburg. Knalliges Schwarz-Rot-Gold, darunter blendendes Zahnpasta-Weiß. Greipels Meister-Trikot verbreitete an diesem düsteren, nebligen Wolken-verhangenen Tag in der Südeifel so etwas wie einen verheißungsvollen Farbtupfer. Vielleicht auch eine Art symbolisches Fanal für eine (weitere) verheißungsvolle Zukunft Greipels und des deutschen Radsports im Allgemeinen. Die Vorbereitung auf die Saison 2017 hat für den Mann, der die deutsche Nationalmannschaft in diesem Jahr auch bei der WM in Doha als Kapitän anführte, längst begonnen. "Drei bis fünf Stunden am Tag" trainiere er bereits regelmäßig in dieser dunklen Jahreszeit. Im Dezember geht es dann mit dem Team Lotto-Soudal nach Mallorca. "Es geht um Grundlagen-Ausdauer und die Feinabstimmung mit den Neuen im Team. Da haben wir dann um diese Jahreszeit beste Bedingungen." Worauf sein persönlicher Fokus liege in der kommenden Saison, das könne er jetzt noch nicht sagen. Ein wenig konkreter wird er aber. Ein Thema würden "sicher wieder die Flachetappen bei Tour, Giro oder Vuelta. Aber auch die Frühjahrsklassiker in Belgien oder Holland." In erster Linie hofft der 34-Jährige auf einen positiveren Saison-Einstand als in diesem Jahr. Nach einem Sturz bei der Algarve-Rundfahrt war er lange Zeit gehandicapt. Musste sogar die Fernfahrt Paris - Nizza aufgeben. Kein gutes Omen. Greipel ist einer, der in Radsport-Deutschland vorneweg fährt. Nicht nur im "sprint royal" gegen Cavendish, Sagan, Kittel und Co. Sondern auch im Meinungsbild für den Radsport und dessen Entwicklung. Als junger Athlet fuhr er noch in den "dunklen" Radsport-Jahren. Ein weltweites, nicht nur ein deutsches Prädikat damals. Zu einer Zeit, als das Ansehen der Pedaleure als "rollende Apotheken" auf dem Tiefpunkt war. Als sich die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nach den Affären um Ullrich, Armstrong, Zabel und um den Doping-Arzt Eufemiano Fuentes aus der Live-Berichterstattung zurückzogen. Als man als Radsportler stets als potenzieller, wenn nicht sogar wahrscheinlicher Doping-Sünder galt. Der "Gorilla", so sein Spitzname, gilt heute nicht nur als ein Verfechter für sauberen Radsport. Er selbst sei "das beste Beispiel dafür, dass es auch ohne verbotene Substanzen geht". Man merkt ihm auch sein angespanntes Verhältnis und eine latente, abwartende Misstrauenshaltung im Umgang mit der Öffentlichkeit an. "Ich fahre für mich selbst, nicht für die Medien", bekräftigt er. Was fast trotzig klingt. Denn schließlich hätten "viele Medien uns nicht fair behandelt". Greipel moniert Pauschalisierungen, Vorverurteilungen. Nicht generell, aber explizit dort, wo es einfach nicht angebracht und nachweislich falsch gewesen sei. Den Einwand, dass dieser Zustand ja letztlich das Ergebnis eines über Jahre hinweg bewusst praktizierten kriminellen Täuschungskomplotts gewesen sei, kontert er: "Aber viele sehen den Radsport von heute immer noch so wie er zu jener Zeit gewesen war."
Es fehle ihm die Bereitschaft zur Glaubwürdigkeit der aktuellen Generation im Bemühen um einen sauberen Radsport. Eine Sportart, die im Bereich des BDR (Bund Deutscher Radfahrer) derzeit über Weltklasse-Sprinter (Greipel, Kittel), einen absoluten Top-Zeitfahrer (Martin) und auch Spezialisten für Eintages-Rennen (Degenkolb) verfügt. Aber eben über keinen Klassement-Fahrer. Über jemanden, der bei Tour, Giro oder Vuelta um den Gesamtsieg mitfahren könne. Woran das liege, wollen wir wissen. "Solche Fahrer sind Jahrhundert-Talente. Die wachsen nicht auf den Bäumen", sieht er keinen Fehler bei Sichtung oder frühzeitiger Spezialisierung. Die Förderung von Talenten liegt auch ihm am Herzen. "Zu Hause bei uns", erzählt er, da habe er "acht Jungs mit Rädern ausgerüstet. Weil sie Spaß am Radsport haben. Daran soll es nicht fehlen". Was er Jungs und Mädchen, die dieser Sport reize, empfehle - Disziplin, Härte gegen sich selbst? "Nein", sagt Greipel, "Spaß. In erster Linie Spaß. Sie sollen Freude daran haben. Alles andere kommt. Oder nicht." So einfach scheint das zu sein. Den Initiatoren in der Region, die bei ihrer Bewerbung als Etappenziel für die Tour de France für 2017 gescheitert seien, empfiehlt er, es weiter zu versuchen. "Ich bin nicht der, der so was entscheidet." Aber öffentliche Aufmerksamkeit generell, vor allem der Tour-Start in Düsseldorf 2017, seien wichtig und nötig für den deutschen Radsport. Für neue Sponsoren, für mehr Glaubwürdigkeit, erhöhte Aufmerksamkeit und wohl auch mehr Begeisterung. Denn - und das weiß er als Kapitän eines Rennstalls im Radsport-verrückten Belgien sehr gut einzuschätzen und bekräftigt es mit einer Mischung aus Bedauern, Überzeugung und vielleicht auch mit ein wenig Bitterkeit: "Deutschland ist keine Radsport-Nation." jüb
Extra

André Greipel: Der 34-jährige gebürtige Rostocker ist seit 2005 Radsport-Profi. Nach einem Jahr beim Team Köstritzer wechselte er 2006 zum damaligen deutschen Topteam T-Mobile bzw. T-Mobile/Columbia HTC. 2010 wurde er Dritter bei der Straßen-Weltmeisterschaft hinter dem Briten Mark Cavendish und dem Australier Matthew Goss. Seit 2011 fährt der in Hürth bei Köln lebende Greipel für das belgische Team Lotto, je nach Hauptsponsor unter wechselnden Namen. Derzeit Lotto-Soudal. In diesem Jahr gewann er unter anderem die Prestige-trächtige Schlussetappe der Tour de France auf den Champs Elysées. jüb