Die Stadt ist ihr Spielplatz

Die Stadt ist ihr Spielplatz

Nichts macht so frei, wie den eigenen Weg zu bestimmen. Die Männer und Frauen vom Trierer Parkour-Verein springen ohne Helm über hohe Mauern und Gräben, zwischen Geländern hindurch und klettern an Masten nach oben. Als Extremsportart wollen sie das aber nicht verstanden wissen.

Trier. Überrascht weicht die zierliche Frau mit dem Fotoapparat zur Seite, als Sebastian Stockemer einen Meter neben ihr von der mannshohen Ziegelmauer Richtung Boden rauscht, sich nach vorn überschlägt und wieder auf den Füßen landet. Der 27-Jährige im roten Trikot hätte es auch halten können wie die anderen Frauen und Männer, die das kurze Mauerstück vor der Trierer Basilika wie von den Stadtplanern vorgesehen umgehen und dabei den Boden nicht verlassen. Aber an diesem heißen Sonntagnachmittag bricht er die Gesetze der Architekten.
Zumindest für die Zeit seines Parkour-Trainings schreibt Stockemer und seinen Kollegen niemand vor, wie sie die Stadt zu durchqueren haben. Die Wege der jungen Athleten führen über hohe Mauern und Gräben, zwischen Geländern hindurch und an Masten nach oben. Die Stadt ist ihr Spielplatz. Seit sie sich gemeinsam mit Sprint und Liegestützen aufgewärmt haben, beschallt das türkise Radio des Vereinsgründers Florian Geyer den Platz vor der Basilika. Für das anschließende Training hat sich die Gruppe aufgeteilt - jeder übt seine eigenen Laufstrecken und Sprünge. Dabei stoßen sie manchmal auf verständnislose, meist aber neugierige Passanten.
Inzwischen stehen mehrere neugierige Jugendliche um die Traceure - so nennen sich Sportler, die Parkour machen - und beobachten sie bei ihrem öffentlichen Training. Der Jüngste in der heutigen Gruppe ist zwölf Jahre alt, der älteste 30. Während die in den 1980er Jahren in Frankreich entstandene Sportart für einige Jahrzehnte relativ unbekannt blieb, wurde sie in den vergangenen Jahren durch Filme wie "Stirb langsam" immer populärer. "Parkour ist nicht bloß Sport", sagt Florian Geyer, der die Gruppe mit einem Kollegen 2006 ins Leben gerufen hat. "Es ist eine Kunst, die ebenso mental fordernd ist", sagt er. Er will die eigenen Grenzen ausloten. Und verschieben, wenn er dafür bereit ist. Der 30-Jährige orientiert sich an den Ursprüngen des Parkours, bei denen es weder um Wettkämpfe, noch um absichtlich spektakuläre Stunts vor einem Publikum geht. Ziel ist allein, möglichst direkt, aber auch möglichst effizient von A nach B zu gelangen.
Aber auch im Free Running sind die jungen Sportler zu Hause. Das ist eine verwandte Disziplin, bei der es weniger um Effizienz und mehr um kreative Bewegung geht. Dennis Schwarz etwa baut mit seinem Handstand Free-Running-Elemente in das Training ein; Laurence Jacob rennt vor den Augen neugieriger Touristen mit Anlauf an einer Mauer hoch und wirbelt in einem Salto rückwärts durch die Luft. Ohne Helm, ohne Knieschoner. "Auch wenn Parkour als Extremsportart gilt - wir verletzen uns hier seltener als zum Beispiel Fußballer", sagt der 21-jährige Philip Frankenberg, während er seinem Kollegen beim Sprung zusieht. Ein halbes Jahr musste er allerdings schon sein Parkourtraining aussetzen, weil er sich bei einem Sprung über die Treppe zwischen Basilikavorplatz und Palastgarten einen Bänderanriss zugezogen hatte.
Nach einer Stunde haben sich die Traceure ausgetobt. Mit ausgeschaltetem Radio unterm Arm und Rucksack auf dem Rücken ziehen sie zwischen den anderen Menschen Richtung Palaststraße. Die Mauern auf dem Weg umgehen sie, die Straße überqueren sie gesittet auf dem Zebrastreifen. Erst als sie hinterm Modehaus Marx ankommen, lösen sie sich wieder aus der Menge und machen die auf dem Platz angebrachten Steine, Bäume und metallenen Beetabsperrungen zu ihrem Spielplatz.Extra

Foto: (g_sport
Foto: (g_sport

Parkour in Trier: Jeder, der mitmachen will, kann sonntags um 15 Uhr zum Ausgangspunkt des Trainings vor die Basilika kommen. Informationen und Kontakt gibt's auch über die Facebookgruppe Parkour Trier e.V. bel