"Diese kleinen Momente des Glücks"

"Diese kleinen Momente des Glücks"

Vor wenigen Tagen wurde die Schwimmerin Kirsten Bruhn bei der Proklamation "Sportler des Jahres" mit dem Sparkassenpreis für "Vorbilder im Sport" ausgezeichnet. Mit TV-Mitarbeiter Jürgen C. Braun sprach die mehrfache Paralympics-Siegerin danach über Dinge, die ihr wichtig sind.

Baden-Baden/Trier. "Wir brauchen junge Menschen in unserem Land, die sich bewegen, die aktiv sind, gleich, ob behindert oder nicht. Menschen, die an sich und an ihre Ziele glauben. Wir alle können uns bewegen. Einige mit Einschränkungen, andere nicht. Und wenn man nur einen Arm hat zum Werfen, dann nimmt eben diesen einen." Mit Nachdruck und großer Entschlossenheit in der Stimme plädiert Kirsten Bruhn am späten Abend im Kurhaus von Baden-Baden im "kleinen Schwarzen" im Gespräch mit unserer Zeitung für eine aktive Teilnahme im und am Leben. "Das habe ich bereits zu Hause als Kind gelernt. Meine Eltern haben immer darauf geachtet, dass wir Kinder unser Leben selbst in die Hand nehmen."
2014 soll das letzte Jahr der gebürtigen Eutinerin als Leistungssportlerin werden. Was kommt danach? "Der Bundestrainer hat schon ein paar Mal bei mir angeklopft, aber ob ich mich wirklich als reine Trainerin eigne, weiß ich noch nicht. Sicher ist nur, dass ich meinem Sport weiterhin erhalten bleiben möchte." Es ist nicht die erste Auszeichnung, die die blonde, 44-Jährige an diesem Abend entgegennimmt: Sie war "Sportlerin des Jahres mit Handicap", deutsche Vertreterin des "Laureus Sport Award" in Barcelona und Patin der ARD-Themenwoche "Zum Glück" vor einigen Wochen.
Glück, ist das etwas Abstraktes oder doch ein fest umrissener Begriff für Kirsten Bruhn? Was ist Glück für Sie? "Wenn nach einem schlechten Tag mit Schmerzen ein Tag kommt, an dem ich sage: "Das Leben bringt Spaß", dann ist das ein Glück für mich. Und wenn ich weiß, dass es den Menschen, die mir viel bedeuten, gutgeht, ebenso. Wir müssen auch die kleinen Momente des Glücks erkennen und sie schätzen lernen. Glück ist nicht der Hauptgewinn im Lotto oder der dicke Wagen in der Garage der eigenen Villa."
Zu Beginn dieses Jahres wurde auf der Berlinale ein Film mit dem beziehungsreichen Titel: "Gold - du kannst mehr als du denkst" ausgestrahlt. Eine von drei porträtierten Sportlern war Kirsten Bruhn. Der Film läuft mittlerweile auch in den Kinos. Welche persönliche Botschaft, sollte auch von ihr in diesem Streifen ausgehen? "Ganz einfach eigentlich. Es geht darum, den Glauben an sich selbst, an die eigenen Fähigkeiten zu bewahren. Wenn jemand über seine Grenzen hinausgehen möchte und das erreicht, ist es irrelevant, ob er von Geburt an oder durch einen Unfall behindert ist oder gar nicht: Wir alle suchen den Wettkampf und die Herausforderung. Das ist bei behinderten wie bei nicht behinderten Athleten der Fall."
Bruhn will nach dem Ende ihrer Karriere auch im Nachwuchsbereich arbeiten und dort an der Basis ihre Ziele und Werte vermitteln. "Ehrgeiz ist gut, aber er darf nicht krampfhaft werden. Bei allem Willen, den man an den Tag legt, darf man auch nicht die Fähigkeit verlieren, einfach auch mal mit dem zufrieden zu sein, was man bereits erreicht hat. Man sollte nicht ständig über das nachdenken, was man noch nicht erreicht hat. Die kleinen Momente des Glücks sind von unschätzbarem Wert." jüb
Extra

Kirsten Bruhn: Die heute 44-jährige Schleswig-Holsteinerin betrieb seit ihrem zehnten Lebensjahr Leistungsschwimmen. Durch einen Motorradunfall 1991 erlitt sie eine inkomplette Querschnittlähmung mit Ausnahme der vorderen Oberschenkelmuskulatur. 2002 absolvierte sie ihren ersten Schwimmwettkampf im Behindertensport. Bei den Paralympics 2004, 2008 und 2012 gewann sie jeweils Gold über 100 Meter Brust, hinzu kamen zahlreiche Silber- und Bronzemedaillen. 2005 stellte sie insgesamt neun Weltrekorde auf. Im Jahr 2014 will sie ihre Karriere als Leistungssportlerin beenden, ihrem Sport jedoch erhalten bleiben. jüb