Drahtseilakt im Rennrollstuhl

Drahtseilakt im Rennrollstuhl

15-jährige Paraleichtathletin Julia Würthen hat sich erstmals für die Junioren-Weltmeisterschaften qualifiziert.

Biersdorf am See Die Weltmeisterschaften der Leichtathleten mit Behinderung in London sind gerade zu Ende gegangen. Nun steht der Nachwuchs in den Startlöchern. In einer Woche beginnen in Nottwill in der Schweiz die Junioren-Weltmeisterschaften der sogenannten Paraleichtathleten (3. bis 6. August). Zum ersten Mal mit dabei ist Julia Würthen. Die 15-Jährige aus Biersdorf am See startet in der Schadensklasse T53 in der Altersklasse der Unter-18-Jährigen im Rennrollstuhl über 100 Meter, 200 Meter und 400 Meter.
Es wird der vorläufige Höhepunkt der noch jungen Karriere des vom Bauchnabel abwärts querschnittsgelähmten Mädchens. Die Diagnose: Spina bifida TH10 (offener Rücken). Zunächst lautete die niederschmetternde Perspektive: Ein Leben als Schwerstbehinderte, nur betreut, dauerhaft liegend.
Doch Julia Würthen und ihre Eltern kämpften. Um einen Rollstuhl, den die Krankenkasse angesichts der Schwere ihrer Behinderung zunächst nicht bezahlen wollte. Um jedes Stück Normalität, das für andere so selbstverständlich ist. Und seit fünf Jahren kämpft sie auch im Sport. Zufällig lernte die Familie eine junge Rennrollstuhlfahrerin kennen. Julia Würthen machte einen Schnupperlehrgang in Köln und kam auf den Geschmack. 2013 folgte der erste Wettkampf. Damit begann ihr Weg als Leistungssportlerin.
Deutsche Meistertitel hat sie seitdem einige gesammelt. Über 100 Meter (19,74 Sekunden) und 400 Meter (1:21,99 Minuten) hält sie sogar den deutschen Rekord in der Schadensklasse T53. Die Nummer 18 und 20 in der Welt ist Julia Würthen damit. Wohlgemerkt der Frauen. Alle schnelleren Rennrollstuhlfahrerinnen sind mindestens fünf Jahre älter.
Das dürfte bei der Junioren-WM aber auch ihr Problem beim Kampf um Medaillen werden: Es gibt nur wenige mit einer solche schweren Beeinträchtigung, die den Sport betreiben. Geschweige denn in diesem Alter. "Sie wird wohl zusammen mit den weniger stark Gehandicapten in der Klasse T54 starten", sagt Vater Thomas Würthen. Aber das ist egal. "Ich will einfach dahin und Spaß haben", sagt seine Tochter. Nervös? Zumindest nach außen hin (noch) nicht.
Vielleicht auch deshalb, weil der Weg zur WM-Nominierung so lang war und die bevorstehenden Wettkämpfe jetzt wie das Tüpfelchen auf dem "i" erscheinen. Schule, Sport, Familie und Freunde - das alles unter einen Hut zu bringen, "ein Drahtseilakt", sagt Thomas Würthen. "Teilweise planen wir jede Woche genau durch, sodass das Training intensiv durchgeführt werden kann, aber auch die soziale Kompetenz im Kontakt mit ihren Freunden und der Familie nicht darunter leidet."
Trainiert wird während der Woche fast täglich zu Hause und am Wochenende am Olympiastützpunkt in Saarbrücken. "Das Training wurde anhand einer medizinischen Leistungsdiagnostik Anfang des Jahres sehr präzise und zielgerichtet ausgerichtet. Das heißt zum Beispiel mehrere kürzere, aber dafür intensivere Trainingseinheiten zu Hause auf der Rolle zusammen mit klar vorgegebenen Krafttraining", erläutert Thomas Würthen. Weil die Wettkämpfe meist in der Schweiz oder in Berlin stattfinden, planen Julias Eltern ihren Urlaub nach den Rennterminen der Tochter.
Dabei müssen sie noch Geld mitbringen. "Abgesehen von den offiziellen Einladungen zum Beispiel zu Leistungslehrgängen und Showrennen tragen wir alle Kosten selber", sagt Vater Würthen. Darunter fallen unter anderem Reise- und Übernachtungskosten, aber auch Ersatz- und Verschleißteile an Julias Rennrollstuhl. Unterstützung erhalte man unter anderem vom Heartracer-Team aus Heidelberg, aber auch durch Spendenaktionen wie zuletzt im Heimatort der Würthens. Mit dem Erlös des Spielplatzfests in Biersdorf am See wird die junge Rennrollstuhlfahrerin unterstützt.

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