Einen haben sie immer noch gehoben

Trier · In den 80er und 90er Jahren gehörten die Kylltalheber aus Trier-Ehrang zur Gewichtheber-Elite in Deutschland. Nach Jahren ohne Mannschaft hat der Club jetzt wieder in der Landesliga angefangen. Grund genug, um mal beim Training vorbeizuschauen.

Einen haben sie immer noch gehoben
Foto: (g_sport

Trier. Ein Stück weit ist Theo Kellersch auch Pädagoge. Aber halt wirklich nur ein kleines Stück weit. Er selbst beschreibt das so: "Meine Art ist aus pädagogischer Hinsicht nicht so modern - aber sie zieht. Ich bin nicht zum Knutschen da, und das ist hier auch bekannt." Theo Kellersch ist niemand, der lange um den heißen Brei herumredet. Theo Kellersch kommt zum Punkt, und wie. Es dürfte schwierig sein, jemanden zu finden, dessen Ansagen klarer sind. Gerne hätte er seiner Aussage noch einen weiteren Satz hinzugefügt, aber nun muss er zunächst einmal schauen, was Evgenia Zimmer, hinten, am anderen Ende des Raumes, veranstaltet. "Hallo, nein, nein, nein", ruft Kellersch und donnert mit stechendem Schritt auf die 32-Jährige zu. "Atmen, du sollst atmen, Evgenia. Jetzt reiß' dich mal am Riemen." Nach kurzer Pause: "Aha, geht doch, sehr gut."Es ist Donnerstagabend, Anfang November. Kellersch - schwarze Trainingshose, schwarzes Trainingsshirt, kurze graue Haare - steht in seinen heiligen Hallen, dem Trainingsraum der Kylltalheber Trier-Ehrang. Jahrelang hat der Traditionsclub in der 1. und 2. Gewichtheber-Bundesliga mitgehoben, hat zahlreiche Deutsche Jugendmannschaftsmeisterschaften errungen und mehrere Klasse-Heber wie Lothar Hellenbrand, Dieter Meier, Franz Pauly oder die mehrmaligen Welt- und Europameister Georgi Gardev oder Rumen Teodosiev in seinen Reihen gehabt. Kellersch hat das alles miterlebt. Genau wie der Vorsitzende Eberhard Schein ist der 70-Jährige seit der Gründung der Kylltalheber dabei. Hat als Heber und Trainer alle großen Erfolge der vergangenen Jahre miterlebt. "Das war eine grandiose Zeit", erinnert er sich und deutet auf ein Mannschaftsbild aus den 90ern, das hinter ihm an der Wand hängt. Die vergangenen drei Jahre allerdings waren schwierig für den Club. Weil sich nicht genug Heber für eine Mannschaft zusammengefunden hatten, konnten die Jungs aus dem Kylltal kein Team mehr für den Ligabetrieb melden - eine harte Zeit, auch für Kult-Coach Kellersch. Seit einigen Monaten geht's in Ehrang allerdings deutlich bergauf. Der Club hat wieder genug engagierte Heber für ein Team zusammen, startet seit Saisonbeginn Anfang November in der Landesliga (siehe Extra) - Und Theo Kellersch? Der blüht auf. Hart, aber herzlich

Bis zu viermal die Woche steht "Theo" - wie ihn seine Heber rufen - jetzt wieder in der Ehranger Trainingshalle. Es ist leicht zu sehen, wie viel Spaß ihm die Arbeit macht, er will seine "Jungs und Mädchen" besser machen, stellt wöchentliche Trainingspläne auf. In Kellerschs Worten klingt das so: "Wir sind kein Fitnessverein, wo jeder hier mal was hebt und da mal was hebt - das geht nach meinem Plan." Kellerschs Ansagen sind hart, aber ziemlich herzlich. Immer und immer wieder wird er durch das Krachen der Gewichte unterbrochen, die dumpf auf den Boden aufschlagen, wenn die Heber sie nach dem Stoßen und Reißen herunterlassen. "Evgenia, das sieht schon richtig gut aus." Rumms, die 70 Kilogramm, die die Heberin gerade gestoßen hat, donnern zu Boden. Die 32-Jährige ist die einzige Frau im Team. Für Kellersch ist sie "das beste Pferd im Stall". Wenn es nach ihm geht, gehört Zimmer schon bald zur deutschen Gewichtheberinnen-Spitze. Seit acht Monaten ist die zierliche Frau mit den muskulösen Oberarmen dabei. Über ein Trierer Fitnessstudio, in dem Theo Kellersch Gewichthebe-Unterricht gibt, ist der Kontakt zu den Kylltalhebern entstanden. "Ich bin einfach mal zum Training gekommen, und was soll ich sagen? Es hat Spaß gemacht, ich bin geblieben." Bis zum Ende des Jahres habe sie sich das Ziel gesetzt, 85 Kilogramm zu stoßen. "Das schaffst du auch, das weiß ich", brummt Theo Kellersch. Generell, so sagt der Coach, sei jeder Interessierte eingeladen, beim Training vorbeizuschauen. Wer sich allerdings nach ein paar Probetrainings für den Einstieg bei den Kylltalhebern entscheide, müsse auch dabeibleiben. Er brauche keinen, so Kellersch, der nur alle paar Wochen mal reinschaue. "Wer hier vorbeikommt, um mal locker, flockig ein paar Gewichte zu heben und den Dicken zu markieren, wird von mir getestet - der wird dann wochenlang meinen Namen vor Muskelkater nicht vergessen." Über so einen Muskelkater kann Frank Millen nur müde lächeln. Der 38-Jährige gehört zu den Erfahrenen bei den Kylltalhebern. Seit 25 Jahren ist er dabei. Während Millen hauptberuflich mit einem Kollegen eine Fachpraxis für Osteopathie in Trier betreibt, ist er in seiner Freizeit nach wie vor als Gewichtheber aktiv. Gerade war er mit der Nationalmannschaft bei der Senioren-WM, hat dort den 14. Platz belegt. Er fängt laut an zu lachen, als er sich an seine Gewichtheber-Anfänge erinnert. "Zuerst habe ich mit einem Besenstil trainiert, jetzt reiße ich bis zu 122,5 und stoße bis zu 157,5 Kilogramm." Juristen und Osteopathen

Auf dem Ehranger Markt vor 25 Jahren sei er einst auf die Heber aufmerksam geworden. "Die hatten dort einen Showstand. Die Kylltalheber waren damals in Trier eine Riesennummer. Viele meiner Freunde hier in Ehrang haben zu dieser Zeit mit dem Gewichtheben begonnen, wir waren eine echt eingeschworene Gemeinschaft." Theo Kellersch steht mittlerweile vor mehreren bunt bedruckten Postern an der Wand. Darauf zu sehen ist unter anderem der genaue Bewegungsablauf des Stoßens und Reißens. "Dumm und stark gibt's hier nicht", betont der Coach. Nur wer die richtige Technik beherrsche, könne ein guter Gewichtheber werden und halte das Verletzungsrisiko niedrig. "Und um die Technik umzusetzen, braucht man was im Kopf, und das haben meine Jungs und Mädchen hier alle - da ist vom Jurist bis zum Osteopathen alles dabei." Die eineinhalb Trainingsstunden neigen sich dem Ende entgegen, als das Thema zur Sprache kommt, das viele Sportfans automatisch mit dem Gewichtheben in Verbindung bringen: Doping. Auch dazu hat Kult-Coach Kellersch eine klare Meinung: "So was gibt's bei uns nicht. Ich habe in den ganzen Jahren hier noch nie irgendwelche Pillen oder Spritzen gesehen - wer so etwas nimmt, fliegt raus." Außerdem, so der 70-Jährige, werde man dadurch nicht fitter, "sondern das Verletzungsrisiko wird deutlich höher". Das einzige Doping, sagt Kellersch mit einem Augenzwinkern, sei das Stubbi nach dem Training. "Denn einen", so sagt er, "haben wir noch immer gehoben".Ein Video, in dem Kult-Coach Theo Kellersch und der Kylltalheber-Vorsitzende Eberhard Schein in Erinnerungen an die ruhmreiche Vergangenheit schwelgen und erklären, was man zum Gewichtheben braucht, gibt's online untervolksfreund.de/videosExtra

 Einer hebt mehr als der andere: Evgenia Zimmer ist die einzige Frau im Team der Ehranger Kylltalheber. Theo Kellersch (schwarzes Shirt) ist längst Kult im Verein. Frank Millen (Bild oben) hat noch die Zeiten in der Bundesliga miterlebt, als Weltklasse-Heber wie Georgi Gardev (unten) in Ehrang unter Vertrag standen. TV-Fotos (3): Marek Fritzen, TV-Foto/Archiv: Harald Tittel

Einer hebt mehr als der andere: Evgenia Zimmer ist die einzige Frau im Team der Ehranger Kylltalheber. Theo Kellersch (schwarzes Shirt) ist längst Kult im Verein. Frank Millen (Bild oben) hat noch die Zeiten in der Bundesliga miterlebt, als Weltklasse-Heber wie Georgi Gardev (unten) in Ehrang unter Vertrag standen. TV-Fotos (3): Marek Fritzen, TV-Foto/Archiv: Harald Tittel

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Einen haben sie immer noch gehoben
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Das kann sich ja schon mal sehen lassen: Den ersten Wettkampf in der Landesliga haben die Kylltalheber aus Trier-Ehrang schon mal für sich entschieden. Mit 182,9:23,0 Kilopunkten besiegte das Team von Trainer Theo Kellersch die Gäste des AC Altrip. Im ersten Block legten Dieter Meier mit 30 Punkten und ein Frank Millen den Grundstein zum sicheren Sieg. Nach 19-jähriger Pause konnte Eusebius Ploch mit einer starken Leistung überzeugen. Star des Abends aber war in ihrem zweiten Wettkampf für Ehrang die Frau im Team der Kylltalheber, Evgenia Zimmer. Die 32-Jährige glänzte mit neuen Bestleistungen und war mit 70 Punkten beste Heberin des Wettkampfes vor Frank Millen der 59,6 Punkte erreichte. Der nächste Heim-Wettkampf findet am 28. Januar in der Turnhalle der Grundschule Ehrang-Ort statt. Interessierte, die das Team der Kylltalheber verstärken wollen, können sich per E-Mail an Trainer Theo Kellerisch wenden ( t.kellersch@t-online.de ). mfr

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