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Sport
Einradhockey: Dem Papa mal ein Schnippchen schlagen

Trier. Einradhockey: Ein "toter" Tennisball steht im Mittelpunkt - Feld- und Eishockey begegnen sich beim Sport auf einem 24-Zoll-Rad. Andreas Arens

Sie heißen Römer, Gladiatoren und Legionäre, treten als Teams für die MJC Trier an - und kämpfen allesamt in der Deutschen Einradhockeyliga um Punkte. Sage und schreibe 80 Mannschaften sind in der bundesweit einzigen Spielklasse organisiert, treffen sich zu Turnieren, von denen die besten fünf in die Wertung einfließen, aus denen schließlich das Gesamtranking ermittelt wird.

Christian Dirr und Uli Morrissey zählen zu den Urgesteinen in der seit rund sechs Jahren offiziell organisierten Trierer Einradhockeyszene und managen den insgesamt 25-köpfigen Kader, der sich dreimal die Woche zu Trainingseinheiten in der Arena und der Barbarahalle trifft. Gleichzeitig sind sie bei den MJC-Römern aktiv. Deren größter Erfolg bislang: Sieg in der sogenannten C-Runde des Jahres 2014 und damit in der Gesamtbilanz deutschlandweit auf Platz 16.

Es ist ein ständiger Balanceakt, den die Sportler im Sattel bewältigen müssen - in die Pedale tretend und ohne sich irgendwo festhalten zu können. Und das erst recht dann, wenn sie zum Stehen kommen und ihr Gleichgewicht und somit das Rad auf ein und derselben Stelle halten müssen. "Schnelligkeit, Teamfähigkeit und jede Menge Koordination: Beim Einradhockey kommt einiges zum Tragen", berichtet Dirr. "Reizvoll ist auch, dass du mit deinen eigenen Kindern auf Augenhöhe spielen kannst. Die Teams bestehen oft aus beiden Geschlechtern und ganz verschiedenen Altersgruppen", ergänzt Morrissey. Annelie (7) und Luc (9) können so ihrem Vater schon mal das eine oder andere Schnippchen schlagen. "Das Rad nivelliert die körperlichen Unterschiede. Die Kids haben oft sogar Vorteile von ihrer Beweglichkeit her", lässt der 45-Jährige durchblicken.

Artistik und Akrobatik sind auch berufliche Standbeine der beiden Freiberufler, haben bei ihnen einst die Idee entwickelt, Einradfahren auch an der Mosel anzubieten. "Eine Wissenschaft für sich ist das Ganze aber nicht", versichern Dirr und Morrissey. "Wenn man erst einmal ein bisschen übt und dabei gelernt hat, das Gleichgewicht auf dem Rad zu halten, gehorcht es auch seinem Fahrer", so Dirr.

Dem Eishockey sind die Größe der Tore (1,20 Meter hoch und 1,80 Meter breit) und die Schläger (ab 20 Euro zu haben) entnommen, zudem wird auch auf der etwa Handballfeld großen Spielfläche die Bande eingesetzt. Die allermeisten Partien finden in der Halle statt. Eine Ausnahme gibt es in Lohrheim im Rhein-Lahn-Kreis: Das kaum noch frequentierte Fußballfeld (!) wurde in einen Einradhockeyplatz umfunktioniert. Südlich von Limburg zumindest kommt "König Fußball" am Einradhockey also nicht vorbei.

Die reguläre Spielzeit variiert je nach Turniergröße, liegt aber meistens um zwei Mal zwölf Minuten.

Im Gegensatz zu den Kufenflitzern wird auf den 24 Zoll großen Rädern (Preis: liegt um die 200 Euro) ohne Körperkontakt gespielt, wie Dirr betont: "Alles geht sehr fair ab. Ich kann mich an keinen einzigen Feldverweis oder eine auch nur einigermaßen größere Verletzung erinnern."

Es ist den Aktiven zudem untersagt, die Schlägerkelle über der Hüfthöhe zu halten oder den Schläger gar zu werfen. Schiedsrichter ist bei den Turnieren immer ein Vertreter eines der gerade pausierenden Teams. Eine spezielle Regel-Prüfung muss unterdexssen beim Dachverband, der Deutschen Einradhockeyliga, absolviert werden.

Weiterer, wichtiger Unterschied zum Eishockey: Im Fünferteam (Spieler können fliegend gewechselt werden) gibt es keinen festen Torwart - und jener, der dem eigenen Gehäuse am nächsten ist, besitzt auch keine besonderen Rechte. Der "tote" Tennisball ist bereits benutzt und "deshalb nicht mehr so hart wie ein neuer", lässt Morrissey durchblicken.

In der Region Trier gibt es ausschließlich bei der MJC Trier die Möglichkeit, in organisierten Teams dem Einradhockey zu frönen. Deshalb nimmt Michael Eichmüller etwa auch mehrfach die Woche die gut 40 Kilometer lange Anreise aus Wittlich in Kauf. Als er nach seinem familienbedingten Umzug in die Region vom Einradhockey bei der MJC erfuhr, gab es für ihn kein Halten mehr. Er schätzt einen Sport, "bei dem es zwar zur Sache geht, der aber auch den Spaß nicht zu kurz kommen lässt". In einer Sportart der flachen Hierarchien ist auch der internationale Aspekt attraktiv: So werden die Trierer Ende Juli/Anfang August an der Einrad-Europameisterschaft im niederländischen Sittard teilnehmen. Hier wird dann nicht nur Hockey auf einem Rad gespielt, sondern auch noch in vielen anderen Disziplinen die Kontinentalmeister gesucht, darunter im Straßen- und Querfeldeinrennen oder in verschiedenen (Hoch-)Springwettbewerben.

Wenn in Deutschland die neue Saison Anfang März richtig auf Touren kommt, nehmen auch (wieder) Gastmannschaften aus Prag und London teil und bringen so einen Schuss Exotik in die seit mehr als zwei Jahrzehnten bestehende deutsche Liga. "Die Tschechen waren sogar mal bei uns zum Turnier und warteten morgens nach Hunderten von Kilometern Anreise schon an der Halle auf uns", berichtet Eichmüller.

Die Trierer Teams nehmen unterdessen wieder Touren zumindest bis ins Ruhrgebiet und in den Frankfurter Raum in Kauf. Dann ist auch Eichmüllers Vereinskameradin Julia Müller mit unterwegs: "Man kennt sich, man schätzt sich. Insgesamt ist die deutsche Einradhockeyszene wie eine große Familie. Man freut sich schon auf die Spiele. Der Ehrgeiz ist zwar da, wird aber nicht übertrieben."

Vorbereitet haben sich die Teams der Römer, Gladiatoren und Legionäre in den vergangenen Wochen unter anderem auch mit Trainingsfahrten durchs Gelände, wie Christian Dirr zu berichten weiß: "Wir sind auf Mountainbike-Strecken unterwegs gewesen, haben uns dort die nötige Kondition geholt. Das hat zur Abwechslung auch mal großen Spaß gemacht."

Natürlich funktioniert das (viel) besser, wenn die Räder dann auch mit dickeren Mountainbike-Reifen versehen sind. "Um die 20 Stundenkilometer bekommt man da schon hin. Aber auch hier ist das Verletzungsrisiko minimal. Im Falle eines Falles ist man schnell mit beiden Beinen auf dem Boden und kann so größere Stürze vermeiden", sagt Dirr.

Ganz dick haben sich er und seine Vereinskollegen schon den 19. März im Kalender angestrichen. An jenem Sonntag, ab 10 Uhr, laden die Trierer zum Turnier in der Deutschen Einradhockeyliga in die Arena ein und sind mit sämtlichen drei Mannschaften im Einsatz.

Ein Video zum Einradhockey bei der MJC und Statements von Christian Dirr sehen Sie genauso wie alle künftigen Serienteile auf www.volksfreund.de/spochtipediaDie Trainingszeiten

Ein Training für Anfänger - Einräder und Schläger können vom Verein anfangs leihweise zur Verfügung gestellt werden - gibt es dienstags, 16.30 bis 18 Uhr, in der Arena Trier. Weitere Einheiten finden mittwochs (18.30 bis 20.30 Uhr, Barbarahalle Trier-Ost) und donnerstags (17.45 bis 19.30 Uhr, Arena) statt.
Weitere Informationen zum Einradhockey bei der MJC Trier gibt es im Internet unter
https://einradhockey-trier.jimdo.com
Die Liga gibt es schon seit 1995

Der Japaner Takafumi Ogasawara brachte den Einradhockey-Sport nach Deutschland. Seit 1995 gibt es die Deutsche Einradhockeyliga, die seit 1996 jährlich in einem Turniermodus den Deutschen Meister im Einradhockey ausspielt. Nach einem ursprünglichen Jeder-gegen-jeden Modus wird die Tabelle ähnlich der Weltrangliste beim Tennis gebildet. Um die aktuellen Spielstärken der einzelnen Mannschaften unabhängig von der Anzahl der bereits gespielten Turniere abbilden zu können, wird die Tabelle ab 2016 in Meisterschafts- und Rangtabelle aufgeteilt. Die Meisterschaftstabelle wird aus der Summe der fünf besten Turnierergebnisse jeder Mannschaft nach jedem Spieltag neu berechnet. Die Rangtabelle wiederum wird kontinuierlich aus dem Durchschnitt der letzten fünf erzielten Turnierergebnisse jeder Mannschaft gebildet.

Keine Mannschaft ist zur Teilnahme an einem Turnier verpflichtet. Am Ende der Saison, die in aller Regel im Februar startet und meist bis Ende November andauert, wird in einem Abschlussturnier zwischen sechs Mannschaften die Meisterschaft ausgetragen. Startberechtigt sind die vier besten Mannschaften aus der Tabelle sowie die beiden besten Mannschaften aus einem Qualifikationsturnier. Zu diesem dürfen die Mannschaften der Ränge fünf bis zehn antreten. Es können auch weitere Turniere für die leistungsmäßig abgestuften B- bis D-Level stattfinden.

Neue Serie: Der Sport von A bis Z

Von Aikido bis Zumba, von Boccia bis Yoga: Es gibt weltweit über 250 Sportarten. Viele davon werden auch in der Region Trier betrieben. Der TV stellt ab sofort in der Serie "Spochtipedia - alles, was Sport ist!" jede Woche eine davon vor. Wie es geht, was man braucht und wie viel es kostet, erfahren Sie bei uns. Ganz nebenbei lernen Sie auch noch einige schillernde Persönlichkeiten kennen.
Lesen Sie am 8. Februar:
Cheerleading - mehr als Glamour und Puscheln.