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Eintracht-Helden, Bischöfe und die Walter-Elf

Trier. Triers größte noch genutzte Sportstätte, 83 Jahre alt und mit vielen Erinnerungen gesegnet - vor allem (aber längst nicht nur) im Fußball-DFB-Pokal. Das Moselstadion hat eine lange Geschichte hinter sich. Andreas Feichtner

Trier. 6. Juli 1930, Trier feiert seine neue, große Sportanlage: fünf Fußballfelder, zwei Laufbahnen, eine Turnwiese, 15 Tennisplätze, fünf Sprunggruben - die "Sportanlage auf der D\'ham" wird neue Heimat für Tausende Sportler in Trier. 13 000 bis 15 000 Zuschauer kommen zur Einweihung, schätzte der Volksfreund. Mit dem regionalen Spitzenfußball war es noch nicht weit her - zu zersplittert war die damals ein viertel Jahrhundert alte Vereinsszene in Trier. Laut Sporthistoriker Thomas Schnitzler wurde schon mindestens seit den 1890ern in Trier gekickt, auf Wiesen oder in Höfen. Im Verein aber erst seit dem 11. März 1905, dem Tag der Gründung des Trierer Fußball-Clubs 1905 durch Ernst Vent. 1930 fusionieren dann SV Trier 05, FV Kürenz und Polizeisportverein zum SV Westmark 05.
Legendäre Sportstätten in der Region


Gut 80 Jahre später. Rudi Thömmes sieht das Moselstadion aus einer neuen Perspektive. Den Rasen kennt er so gut wie nur wenige andere, die Umkleidekabinen, die Eintracht-Trainerbank (seit über drei Jahren ist er Co-Trainer von Roland Seitz). "Aber hier habe ich noch nie gesessen", sagt der 44-Jährige. Er sitzt auf der Vortribüne - und soll über seine Pokalerinnerungen reden. Für "Ruuuuudi", der weltweit einzige echte Pokalschreck mit fünf "u" (mindestens), stecken jede Menge große Geschichten und kleine Anekdoten zwischen dem alten Backsteinhaus, 1930 gebaut, und der Tribüne. Für mehrere unsterbliche Momente der Moselstadion- und Eintracht-Trier-Geschichte war er selbst zuständig.
Etwa im Herbst 1997. Sein 1:0 für die Eintracht, den Regionalligisten, im Pokal gegen den amtierenden Uefa-Cupsieger Schalke 04, frech mit dem Außenrist am Schalke-Keeper vorbei. "Jens Lehmann hat aus lauter Frust ein Loch in die Kabinentür getreten", erinnert sich Thömmes.
Der Trierer ist seit seiner Kindheit Fan der Königsblauen. "Aber nach dem Spiel musste ich mir eine Geheimnummer zulegen. Da gab es üble Anrufe von Schalke-Fans." Was Ewigkeit will, braucht mehr als einen einmaligen Sieg gegen Schalke. Großes Fußballkino braucht ein großes Drehbuch.
Das kam in der nächsten Runde in Form von Borussia Dortmund, Champions-League- und späterer Weltpokalsieger. Thömmes lupfte zum 1:0, wieder per Außenrist ("das war meine Spezialität"), holte den Elfmeter raus, der zum 2:0 führte, und wird nach dem 2:1-Coup deutschlandweit zum Inbegriff des Pokalhelden. "Ich habe nie verstanden, dass die dachten, 70 oder 80 Prozent würden gegen uns reichen." Nach dem Viertelfinalsieg gegen Mannheim und der Verlängerung im Halbfinale gegen Duisburg stand die Eintracht mit einem Bein im Pokalfinale - das hätte zugleich die erste Europapokal-Teilnahme beschert. "Es war bitter, dass das damals nicht geklappt hat." Torhüter Daniel Ischdonat verschoss beim Stand von 9:10 den letzten Elfmeter.
Rekordkulisse gegen Pfälzer


17 000 Zuschauer waren damals im Stadion, wie schon gegen Dortmund, dank einer großen Sitzplatz-Zusatztribüne, die hinter der Gegengerade aufgebaut war. Aber das war nicht die Rekordkulisse im Moselstadion. Mehr kamen etwa im September 1951 - da besiegte die Eintracht in der Oberliga Südwest (höchste Spielklasse) den amtierenden Deutschen Meister 1. FC Kaiserslautern vor 18 000 Zuschauern mit 2:1. Die Trierer Fußball-Legende Klaus Müller traf dabei auf seinen Freund Fritz Walter. Müller ist auch mit 90 Jahren noch regelmäßig im Stadion - zuletzt Anfang Juli beim Stadionfest. Der Zuschauerrekord datiert vom 15. März 1953, ebenfalls gegen den FCK. Vor 23 000 Zuschauern gewann der Favorit und spätere Meister mit 5:1.
Auch später gab es reihenweise große Fußballspiele im Moselstadion zu erleben: Etwa in der Regionalliga-Saison 1964/65. Da hatte die Eintracht als Dritter nur haarscharf die Qualifikationsrunde zur 1. Bundesliga verpasst. Oder 1976, der 5:4-Sieg im Aufstiegsspiel zur zweiten Bundesliga gegen Worms. Der Aufstieg 2002 und die Abstiege 2005 und 2006 wurden auf fremden Plätzen besiegelt.
Am Zweitliga-Aufstieg in Hoffenheim war natürlich wieder Thömmes mit einem Tor beteiligt. Wie oft er zu Dortmund und Schalke befragt wurde? Ohje. Dagegen verblasst eine andere Pokalgeschichte, "über die ich nie Fragen beantworten muss". Thömmes wurde auch 1999 erneut zu "Ruuuudi, der Fußballgott" (TV). Mit seinen zwei Toren warf er Bundesligist 1860 München aus dem Pokal. In den vergangenen Jahren brachten sich die Trierer im Moselstadion immer wieder in die Schlagzeilen - mit Siegen gegen Bundesligisten wie Hannover oder Bundesliga-Absteiger wie Bielefeld oder St. Pauli. Vielleicht ja wieder am 3. August in der 1. DFB-Pokalrunde gegen Köln (20.30 Uhr).Extra

Die Geschichte: Die Sportanlage auf der D\\'ham wurde 1930 eingeweiht, der Bau hatte rund 950 000 Mark gekostet. Während der NS-Zeit hieß die Sportstätte Hermann-Göring-Stadion. Erst nach dem 2. Weltkrieg erhielt sie den Namen Moselstadion. Die Haupttribüne stammt aus den 60ern. 1984 kam für die Leichtathleten eine Kunststofflaufbahn hinzu. Das Flutlicht wurde im Laufe der erfolgreichen Pokalsaison 1997/98 errichtet. Zu Zweitligazeiten der Eintracht (2002 - 2005) war bei der Stadt und beim Verein ein Stadionneubau im Gespräch. Mit dem Doppel-Abstieg 2005 und 2006 war das Thema vom Tisch. Das Stadion wurde in den vergangenen Jahren für rund 2,2 Millionen Euro saniert. Offiziell fasst das Moselstadion 10 254 Zuschauer (2129 Sitzplätze). Die großen Momente: Da gab es reichlich, etwa die Pokal-Erfolge der Eintracht, Länderspiele des Frauen-Nationalteams oder der U21. Den letzten Titel auf DFB-Ebene feierte die Eintracht 1989 im Moselstadion - der SVE verteidigte seinen Deutschen Amateurmeistertitel im Finale gegen die Spvgg Bad Homburg. AF

Pokalhelden: Die Torschützen Rudi Thömmes und Marek Czakon nach dem 2:1-Sieg gegen Dortmund 1997. Zur Eröffnung der Sportstätte im Jahr 1930 kam der Bischof vorbei – und auch Kardinal Reinhard Marx (nach dem Eintracht-Aufstieg 2002) trat als Trierer Bischof mal im Moselstadion gegen den Ball. TV-Fotos: Funkbild/Friedemann VETTER
Pokalhelden: Die Torschützen Rudi Thömmes und Marek Czakon nach dem 2:1-Sieg gegen Dortmund 1997. Zur Eröffnung der Sportstätte im Jahr 1930 kam der Bischof vorbei – und auch Kardinal Reinhard Marx (nach dem Eintracht-Aufstieg 2002) trat als Trierer Bischof mal im Moselstadion gegen den Ball. TV-Fotos: Funkbild/Friedemann VETTER