EM-Experten-Kolumne

Gastgeber Frankreich steht im Halbfinale - doch ehrlich gesagt ist die Begeisterung und der Rückhalt für die französische Mannschaft noch ausbaufähig. Ich habe noch vor Augen, wie die deutsche Mannschaft bei der WM 2006 von der eigenen Bevölkerung getragen wurde.

Mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen an jeder Ecke. Das habe ich in Frankreich bislang nicht in der Deutlichkeit gesehen. Da machen die Bilder von der gestarteten Tour de France aktuell mehr her. Die französische Mannschaft ist bestimmt stärker als bei der Weltmeisterschaft 2014, als Deutschland im Viertelfinale mit 1:0 gewann.

Aber sie ist für mich am Donnerstag im erneuten Duell mit Deutschland nicht Favorit. Ich schätze die DFB-Auswahl trotz der Ausfälle stärker und variabler ein. Sie besitzt die Fähigkeit, dass jederzeit ein anderer Spieler die Initiative ergreifen und über sich hinauswachsen kann. Vielleicht ja Thomas Müller oder mal wieder Mario Götze?! Deshalb kann ich auch der Kritik von Mehmet Scholl inhaltlich nicht wirklich zustimmen, über die derzeit so viel diskutiert wird.

Gerade hat Deutschland in einem taktisch geprägten Viertelfinale gegen Italien gewonnen - wie im Übrigen die ganze EM von taktischen Ideen und Varianten geprägt war. Da fand ich‘s erstaunlich, wie scharf Mehmet Scholl den Bundestrainer angreift. Es wirkte, als hätte er sich einen Text fürs Ausscheiden der Deutschen zurechtgelegt. Sich zu überlegen, wie ich den Gegner schwächen kann, indem ich mich auf ihn vorbereite und einstelle, halte ich nicht für eine Schwäche.

Bei aller individueller Klasse der deutschen Spieler: Joachim Löw kann doch der Mannschaft nicht vor dem Spiel nur den kaiserlichen Segen geben und sagen: "Geht's raus und spielt‘s Fußball!" Dafür ist das Spiel zu komplex. Egal ob gegen Italien oder Ungarn.

Sven Voss stammt aus Daun und arbeitet als Sportjournalist für das ZDF. Der 39-Jährige moderiert unter anderem das Aktuelle Sportstudio und berichtet derzeit für das ZDF von der EM aus Frankreich.

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