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Gewichtheben ist das Erlernen einer anspruchsvollen Technik und viel mehr als nur das Umsetzen purer ungebändigter Kraft.

Gewichtheben : TV-Serie Spochtipedia: Der Sinn des Hebens von Gewicht

Gewichtheben ist das Erlernen einer anspruchsvollen Technik und viel mehr als nur das Umsetzen purer ungebändigter Kraft.

Muskelbepackte Männer mit krampfhaft zusammengepressten Lippen, denen vor Anstrengung die Augen schier aus den Höhlen treten wollen. Tonnen von Eisen, die mit lautem Krachen ungebremst auf einen Schwingboden herabstürzen. Markerschütternde Ur-Schreie aus tiefen Kehlen. Schwere, ultrabreite, bis zum Exzess zusammengeschnürte Ledergürtel, die die mächtige Masse Mensch in deren Mitte hält und formt. Und über allem die (unbeantwortete) Frage nach Ursache und Wirkung: Gewichtheben hat nicht immer den besten Leumund. Aber das Arbeiten an und mit der Hantel und den Scheiben ist viel mehr als nur der Versuch, sich von Vorurteilen freizumachen. Es ist in seinen Ursprüngen Ganzkörper-Schulung, Disziplin-Schmiede und eine funktionierende soziale Plattform, um aus Individualisten eine verschworene Gemeinschaft zu machen.

Ein Besuch bei den Kylltal-Hebern in Trier-Ehrang. Direkt hinter der Eingangstür beschäftigen sich zwei junge Damen in Trainingskleidung an einer aufgebockten Hantel. Gertenschlank, Wespentaille. Schwerathletik-Image? Null! Olivia Schwab und Sarah Decker kann man sich auch an der Ballettstange vorstellen, um Tschaikowskys „Nussknacker“ einzuüben. Sechs Personen sind heute Abend da, arbeiten in der Regel ruhig und konzentriert. Frank Millen – durchtrainiert, aber nicht mit öligen Bodybuilder-Exzessen im wahrsten Sinne des Wortes glänzend – hat eine Doppelfunktion. Da ist einmal der Heber, sich selbst vor dem Spiegel bei der fachgerechten Ausübung seiner Versuche exakt betrachtend. Und da ist der Trainer: korrigierend, immer wieder leicht eingreifend, erklärend. Eine Mischung aus Kumpel, Teamgefährte und Respektsperson. Die Augen hat er überall, nicht nur an der eigenen Hantel. Und im Hintergrund Theo Kellersch. So eine Art „Kylltalheber-Übervater“ von Beginn an, außerdem im Trierer Stadtsportverband aktiv. Seit der Gründung im 1973 dabei. Einer, der alle Entwicklungen des Vereins, vor allem aber der Sportart, mitgemacht hat. Das, was sich hier in dieser Trainingshalle und in der benachbarten großen Halle bei den Wettkämpfen abspielt, ist Leistungssport. Darauf legt Kellersch Wert. Seine Stimme klingt entschlossen und in ihrer Argumentation unumstößlich, wenn er definiert: „Wir sind hier keine Billigversion eines Fitness-Studios.“

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Obwohl die geringen jährlichen Mitgliederbeiträge der Ehranger diesen Gedanken nahelegen könnten. Gewichtheben, so erklärt er mit seit Jahrzehnten geschultem Fachwissen, sei ein sehr komplexer und diffiziler Ganzkörper-Sport mit festgelegten Bewegungs-Rhythmen. Nicht nur das. Die Arbeit an und mit den schweren Scheiben sei zudem so eine Art unverzichtbarer Zuträger für andere Sportarten: „Ruderer, Speer- oder Diskuswerfer, Handballer. Wer auch immer.“ Topsportler, bei denen es auf Schnellkraft, auf Zugübungen, auf Kontinuität in der Leistungsspitze ankomme, fänden dort eine Heimstatt. „Gewichtheben schult Technik, Kraft, Konzentration und Kondition.“

Und es macht einsame Athleten, die für die entscheidenden Sekundenbruchteile den persönlichen Kampf mit der Schwerkraft ausfechten, zum Teil eines Kollektivs. Sarah und Olivia wissen das zu schätzen, wenn sie davon sprechen, dass sie zwar auch ihre Technik und damit ihre Leistungen verbessern wollen. Aber sie sind auch Teil der Mannschaft, die gemeinsam antritt. Die um Punkte in der Oberliga kämpft, irgendwann vielleicht auch einmal wieder höhere Ziele anstrebt - in den 80ern und 90ern waren die Ehranger erstklassig, sie hatten Weltklasse-Heber wie den Bulgaren Rumen Teodosiev unter Vertrag. „Hier halten alle zusammen, das spornt auch an“, sagt Sarah Decker. Olivia Schwab sieht „ihren“ Sport als persönliche Herausforderung mit einer „sehr anspruchsvollen Technik“ an. Hochgezüchtete, unnatürlich wirkende, von anabolen Steroiden aufgepumpte Körper sucht man in der Trainingshalle der Kylltalheber vergebens.

„Wir nehmen nicht zu, und wir nehmen nicht ab durch unseren Sport“, sagt Theo Kellersch, der die bekannten Auswüchse auch im gesellschaftlichen System begründet sieht. „Vor allem in den Ostblockländern und im Nahen Osten bildet das Gewichtheben eine Chance zum sozialen Aufstieg, die man sonst nirgendwo bekommt. Da ist die Hemmschwelle zum bewussten Betrügen niedrig.“

Ressentiments gegenüber der Schwerkraft-Athletik sehe er an der Basis nicht, sagt Theo. Auch nicht bei Eltern, die ihren Nachwuchs gerne einmal probeweise bei den Kylltalhebern vorbeischicken möchten. „Die wissen, dass wir hier keine Mastochsen züchten.“ Da gehe es vielmehr um allgemeine Ertüchtigung: „Der Körper ist unser Sportgerät, das wir beherrschen möchten. Und dem tun wir nichts Schlechtes an.“