glorreichen

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat am Sonntag in Rio de Janeiro die Chance auf den vierten WM-Titel. Auf dem Weg ins Endspiel gelang dem Team im Halbfinale Historisches. Eine Analyse des unfassbaren 7:1 gegen Brasilien.

Belo Horizonte. Der Blick geht zur Anzeigetafel, auf den Rasen und zurück. Brasilien: 1, Deutschland: 7. Ungläubiges Kopfschütteln ist die Geste des Abends. Die deutsche Nationalmannschaft hat den Gastgeber der Weltmeisterschaft aus dem Turnier ins Endspiel der Verlierer um Platz drei gejagt. In einer Atmosphäre nationaler Begeisterung im Land und im Stadion von Belo Horizonte, die einem Schauer über den Rücken rieseln ließ und Gänsehaut in Wellen über den ganzen Körper schickte.
Die deutsche Mannschaft hat diese Prüfung mit einer professionellen Kälte bestanden. Mit einer fußballerischen Reife, die sie nun zum Titelfavoriten macht.
Die deutschen Spieler verkniffen sich nach dem Schlusspfiff jede Geste des Triumphs über einen schwer geschlagenen Gegner. Sie statteten ihrer Fankurve den fälligen Besuch ab, machten kurz die Welle und ließen sich den Beifall der brasilianischen Zuschauer eher schüchtern gefallen. "Überschwängliche Freude hat es auch in der Kabine nicht gegeben", beteuerte Bundestrainer Joachim Löw. Toni Kroos, wegen seiner beiden Tore und seiner großen Vorstellung zum Mann des Spiels gewählt, erklärte ungerührt: "Wir sind hier, um Weltmeister zu werden. Das geht nicht mit einem Halbfinalsieg. Wir haben noch ein Spiel." Und Löw betonte: "Wir wollen das Ergebnis nicht überbewerten."
Löw zeigt Mitgefühl



Das fällt nicht leicht. Denn noch nie hat eine deutsche Mannschaft in einem Halbfinale ihren Gegner fußballerisch derart auseinandergenommen. Noch nie wurde ein Gastgeber in der Vorschlussrunde eines WM-Turniers so vernichtend geschlagen. Und noch nie hat Brasilien so verloren.
Deshalb mischt sich ein wenig Mitgefühl in Löws Analyse: "Das ist schwer für die brasilianische Seele. Wir sind der Leidenschaft und den Emotionen der Brasilianer mit Ausdauer, Ruhe und Beharrlichkeit begegnet." Und mit einer Kälte vor dem Tor, die Löws Auswahl bei diesem Turnier noch nicht gezeigt hat.
Thomas Müllers früher Treffer nach einem Eckstoß von Kroos stürzte die Gastgeber in eine ausgewachsene Panik. Im Spiel nach vorne hatte Felipe Scolaris überfordertes Team keine andere Idee, als den Ball über 50, 60 Meter in die andere Hälfte zu prügeln. Im Mittelfeld und in der Abwehr taten sich Lücken auf, mit denen nicht einmal die zuversichtlichsten Scouts der deutschen Mannschaft gerechnet hatten. Löws Mannschaft nahm diese Einladung dankbar an. Im rasenden Zusammenspiel zwischen dem endlich erwachten Mesut Özil, Kroos, Müller und Sami Khedira fielen die Brasilianer als Mannschaft auseinander. Mit Pfiffen schickten die einheimischen Fans die Selecao beim 0:5 in die Halbzeitpause. Mit wütenden Buhrufen bedachten sie die wirkungslosen Angreifer Hulk und Fred.
"Die deutsche Mannschaft hat fantastischen Fußball gespielt. Ich weiß nicht, ob ihr das noch einmal gelingt", urteilte Trainer altmeister Scolari.
Löw wäre wahrscheinlich auch mit weniger Zauber einverstanden. "Ich glaube, dass die Mannschaft auf dem Boden bleibt, dass sie geerdet ist, demütig genug. Sie wird die Konzen tration hochhalten", erklärte er. Vor dem Halbfinale hatte er gesagt: "Unser Weg ist noch nicht zu Ende." Das gilt nach dieser Sternstunde erst recht.