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Hochgefühl beim Sturz in die Tiefe

Ponte Brolla. Zuschauer und Kampfrichter sitzen auf unwegsamen Felsen, die Sportler stürzen sich von 20 Meter hohen rauen Klippen: Die Europameisterschaften im Klippenspringen im schweizerischen Ponte Brolla sind ein atemberaubendes Erlebnis. Anna Bader (27) ist als einzige Frau am Start gewesen. Hannah Schmitt

Ponte Brolla. Die Zuschauer auf den Felsen halten den Atem an. Kontrolliert steht Anna Bader auf ihren Händen, zieht langsam die Beine in die Höhe. Wie in Zeitlupe bringt sie sich in die richtige Ausgangsposition für ihren ersten Sprung bei den Europameisterschaften im Klippenspringen - und stürzt sich in die Tiefe. Dann geht alles ganz schnell: Mit den Händen drückt sie sich vom schroffen Felsen ab, dreht sich in gestreckter Position anderthalb Mal um die eigene Achse, macht eine halbe Schraube und taucht mit den Füßen zuerst in das eiskalte, etwa 13 Meter tiefe Wasser im schweizerischen Ponte Brolla. Rund zwei Sekunden dauert der freie Fall aus 20 Metern Höhe.
Zwei Sekunden, in denen Anna Bader Tausende Gedanken durch den Kopf schießen. "Es ist unglaublich, wie viel du in diesem kurzen Moment denken kannst", sagt die Klippenspringerin, die im Hunsrückort Morbach aufgewachsen ist und im chinesischen Macao in der Wassershow "House of the Dancing Water" mitarbeitet. Wo ist die Wasseroberfläche? Wann muss ich den Sprung beenden? Das sind Dinge, die Bader in der Luft beachten muss.
Zum fünften Mal nimmt sie an dem Wettkampf teil, bei dem Europas Klippenspringer gegeneinander antreten. Jedes Jahr im Sommer treffen sie sich dazu in der Schweiz, um drei Sprünge aus 13, 15 oder 20 Metern zu zeigen. Von den zerklüfteten Felsen, dort wo der Fluss Maggia in den Lago Maggiore mündet. 14 Männer und Anna Bader als einzige Frau - so sieht in diesem Jahr die Teilnehmerliste aus. In früheren Jahren war das schon mal anders. Als Bader 2005 zum ersten Mal dabei war, hatte sie noch drei Konkurrentinnen. Mit der Zeit sind es immer weniger geworden.
Ganze Familie ist dabei


Doch auch ohne Gegner ist der Wettkampf für Anna Bader ein Erlebnis. In diesem Jahr ist sie extra aus China angereist, um ihren Titel zu verteidigen - und alte Freunde sowie Bekannte wiederzusehen. Mit im Gepäck ist nahezu ihre ganze Familie. Auch die 86-jährige Oma ist dabei. Sogar schon zum vierten Mal. Während des Wettkampfs sitzt sie auf einem Baumstamm am Rande der Klippen. Direkt neben ihr: Annas Mutter Angelika Kern-Bader, die früher selbst eine gute Turnerin war und 1968 sowie 1972 an den Olympischen Spielen teilgenommen hat. Näher ran gehen sie in diesem Jahr nicht. Denn richtige Ränge gibt es nicht, die Zuschauer verteilen sich auf allen Ecken der Granitfelsen. Der Weg dorthin ist beschwerlich, führt über das schroffe Gestein. Doch gerade das macht die besondere Atmosphäre des Wettkampfs aus: Die Natur macht die Vorgaben, nicht der Mensch. Das Publikum sitzt da, wo es hinklettern kann. Und auch Bader muss auf dem Weg zur Plattform erst mal zwischen den Felsen verschwinden.
Oben angekommen winkt sie ihrer Oma vor jedem Sprung einmal kurz zu, lacht über das ganze Gesicht. Dann zupft sie ihren roten Badeanzug zurecht, fährt sich durch die kurzen Haare, konzentriert sich in aller Ruhe - und springt. Denn "Hektik mag ich gar nicht", sagt Anna Bader.
Dieses Ritual macht sie in der Schweiz vielleicht aber zum letzten Mal. Ob die Europameisterschaften noch einmal ausgetragen werden, steht derzeit in den Sternen. Sie habe keine Motivation mehr, sagt Organisatorin Silvia Weill von der World High Diving Federation (WHDF), die den Wettkampf bereits zum 20. Mal vorbereitet hat. "Es ist an der Zeit, dass jemand anderes weitermacht." Die Springer sind dennoch zuversichtlich, dass es auch im kommenden Jahr wieder einen Wettstreit geben wird. Mit einer dicken Kladde sitzt Weill noch kurz vor dem Wettkampf am Fuß des Flusses, notiert die Sprünge der Teilnehmer und verteilt Haftungsnachweise. Mit ihren Unterschriften erklären die Springer, dass sie die WDHF im Falle eines Unfalls nicht zur Verantwortung ziehen.
Denn das Klippenspringen ist immer auch eine gefährliche Sportart. Mit bis zu 80 Stundenkilometern fliegen die Springer dem Wasser entgegen. Innerhalb weniger Augenblicke werden sie beim Eintauchen auf null abgebremst. Da wird jeder Fehler bestraft. Hinzu kommen Unsicherheiten durch das Wetter.
Auch in Ponte Brolla ist bis wenige Minuten vor Wettkampfbeginn nicht klar, ob überhaupt gesprungen wird. Weiter oben im Tal regnet es, Silvia Weill und ihr Mann Frederic wissen nicht, ob eventuell eine Flutwelle kommt. Starke Strömungen, Verwirbelungen und Treibholz machen das Springen dann zu riskant. Doch nach wenigen Minuten gibt es Entwarnung.
Respekt vor der Höhe behalten


"Man darf auf keinen Fall leichtsinnig werden", sagt Bader. Respekt vor der Höhe hat sie deshalb noch immer. Auch wenn es ihr nicht hoch genug sein kann. Denn eigentlich begann Anna Bader als Turnerin. Von dort wechselte sie mit 13 Jahren zum Wasserspringen - und kletterte immer höher, bis sie schließlich mit 17 Jahren im Urlaub in Jamaika zum ersten Mal von einer Klippe sprang. "Schon damals verliebte ich mich in die kahlen Felswände, die atemberaubende Höhe, den Wind und das eisige Wasser - in einen Moment ungewöhnlicher Lebendigkeit", beschreibt sie auf ihrer Homepage dieses unglaubliche Gefühl.
Inzwischen hat sie viele ihrer Sprünge über Jahre trainiert. Den anderthalbfachen Saltovorwärts mit halber Schraube aus dem Handstand macht sie häufig in der Show in China. Andere, die sie weniger oft trainieren kann, flößen ihr mehr Ehrfurcht ein. Wie ihr dritter Sprung im Wettkampf. Ebenfalls ein Handstand-Sprung. Diesmal mit anderthalbfachem Salto rückwärts. Bei diesem Element hat sie sich bereits einmal verschätzt, schlug beim Eintauchen auf dem Wasser auf, musste von Helfern rausgezogen werden. Sie hatte Glück und kam mit Prellungen und einer kurzen Trainingspause davon.
In Ponte Brolla läuft auch bei ihrem schwierigsten Sprung alles bestens. "7 1/4, 8, 8 1/2, 7 3/4, 8", röhrt eine junge Frau die einzelnen Wertungen der fünf Kampfrichter durch das Megafon. Die sitzen hoch über dem Fluss in kleinen Kuhlen der Felsen und schauen sich die Sprünge an. Zwischen null und zehn Punkten, jeweils in Viertelschritten, können die Juroren vergeben.
Am Ende des Tages kommen bei Anna Bader 254,40 Punkte zusammen. Ein Ergebnis, mit dem sie selbst nicht gerechnet hätte - und das ihr sogar den vierten Platz bei den Männern eingebracht hätte. Das beste Resultat, das sie je erzielt hat. "Es ist mir noch nie so leichtgefallen", erzählt sie, und ihre großen braunen Augen strahlen. "Es ist wirklich das schönste Gefühl, wenn ein Sprung gut war."