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Immer mit der Ruhe

Köln. Jetzt sind es nur noch zwei Testspiele bis zur Nominierung des deutschen Kaders für die Fußball-WM 2018. Manche Fragen sind noch offen. Einer lässt sich davon nicht beeindrucken - der Bundestrainer. Mirko Blahak

Köln Dieser Mann ruht extrem in sich. Aufregung im Umfeld perlt an seinem schwarzen Pulli ab. Das Motto von Bundestrainer Joachim Löw vor der angestrebten Mission WM-Verteidigung 2018: "Bloß nicht nervös werden!"
Trotz fortgeschrittener Stunde holte der 57-Jährige nach dem 2:2-Remis gegen Frankreich zum Abschluss des Länderspieljahrs weit aus, um über Details und Grundsätzliches zu philosophieren.
Wird Löw nervös, weil sein Team gegen die pfeilschnellen Franzosen zwei Mal in Rückstand geriet und erst in der Nachspielzeit noch zum Ausgleich durch Lars Stindl kam? Fehlanzeige! "Es war gut, dass wir zwei Mal wieder zurückgekommen sind. Es war ein Spiel, wie man es sich auch als Trainer wünscht", zog Löw wichtige Erkenntnisse aus dem drittletzten Testspiel vor der WM-Kadernominierung.
Wird Löw nervös, weil Automatismen noch nicht so gut funktionieren? Fehlanzeige! "Warum soll ich mir Sorgen machen. Ich mache mir Gedanken. Ich weiß, dass wir in einigen Dingen noch eine bessere Abstimmung finden müssen. So etwas bereitet mir aber keine schlaflose Nacht. Wenn wir ins Trainingslager vor der WM gehen, wird sich das Team einspielen. Ich bin völlig entspannt." Da spricht die Erfahrung des Weltmeister-Coaches. Sagt's - und schlürft genüsslich aus der ihm gereichten roten Espresso-Tasse.
Wird Löw nervös, weil die Qualifikationsspiele gegen meist tief stehende Gegner keine Simulation von WM-Spielen erlaubt haben? Fehlanzeige! Genau dafür habe man die zurückliegenden Partien in England (0:0) und gegen Frankreich sowie die Spiele im März 2018 gegen Spanien und Brasilien abgemacht. Löw: "Diese Gegner bieten mehr Räume zum Bespielen, die wir nutzen müssen. Am Umschaltspiel in die Tiefe müssen wir noch arbeiten. Und an der Feinabstimmung in der Defensiv-Organisation."
Wird Löw nervös, weil er nur noch die beiden März-Partien als Anschauungsunterricht vor der schwierigen WM-Kader-Nominierung hat? Fehlanzeige! "Wenn es in Richtung eines großen Turniers geht, wird immer von noch zu schließenden Baustellen gesprochen. Und wenn eins der letzten Testspiele verloren gehen sollte, wird enorm viel diskutiert. Das spielt für mich gar keine Rolle. Wir haben eine wahnsinnig gute Basis, die wir uns erarbeitet haben. Mich werfen auch keine Verletzungen von wichtigen Spielern um", sagte Löw.
Stand jetzt dürften Manuel Neuer (wenn er rechtzeitig fit wird), Marc-André ter Stegen, Jérome Boateng, Mats Hummels, Joshua Kimmich, Toni Kroos, Leon Goretzka, Jonas Hector (auch bei ihm ist der Fitnesszustand abzuwarten), Sami Khedira, Mesut Özil, Julian Draxler, Thomas Müller und Timo Werner sichere WM-Fahrer sein. Beste Chancen für den 23-Mann-Kader sollten auch Antonio Rüdiger, Leroy Sané, Ilkay Gündogan und Mario Götze haben. Gute Karten dürften Sebastian Rudy, Lars Stindl, Emre Can und Sandro Wagner besitzen. Das heißt aber auch: Es sind auch noch Positionen umkämpft.
Froh ist Löw, dass Gündogan und Götze nach ihren langen Pausen wieder auf dem Weg nach oben sind: "Sie brauchen aber noch Spielpraxis, um wieder das absolute Topniveau zu erreichen."
Und der Bundestrainer regis trierte zufrieden, dass Kevin Trapp im Tor trotz seiner Reservistenrolle bei Paris St. Germain eine Top-Leistung abrief (siehe Bericht unten).
Löw weiß um die große Herausforderung, die ihn und sein Team bei der WM in Russland erwartet. Doch er sieht sich gewappnet: "Wir haben einen klaren Plan für die Vorbereitung. Wir sind fußballerisch mit Frankreich und ein paar anderen Mannschaften auf dem höchsten Niveau. Wir sind Weltmeister und Confed-Cup-Sieger. Deshalb werden wir auf wahnsinnige Widerstände stoßen. Da brauchen wir mentale Stärke und körperlich fitte Spieler. Es geht um psychische Robustheit."
Wird Löw nervös, weil diese Robustheit vielleicht nicht auf Knopfdruck abrufbar sein wird? Fehlanzeige! In Köln wünschte er allen Wegbegleitern schon mal ein frohes Fest, verbunden mit einer eindringlichen Bitte: Bloß nicht in irgendeiner Form nervös werden!