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Komm doch mal nach Korschenbroich!

Komm doch mal nach Korschenbroich!

Wieso Düsseldorf zum Tour-Auftakt im Chaos versinkt und wieso ein Städtchen in der Nähe von Mönchengladbach der Landeshauptstadt die Show stiehlt.

Düsseldorf Genau 20 Jahre nach dem bisher einzigen Sieg eines deutschen Fahrers bei der Tour de France startet das größte Radrennen der Welt an diesem Wochenende zum insgesamt vierten Mal in seiner Geschichte von deutschem Boden aus. Die nächsten drei Wochen bis zur finalen Sprintrunde auf den Champs-Élysées in Paris am 22. Juli werden gespickt sein mit dem, was den Radsport an der Grenze der körperlichen und seelischen Belastbarkeit ausmacht: Mit Fluchtversuchen und eingefangenen Ausreißern und Höllenqualen in sengender Hitze hinauf zu den Riesen in Pyrenäen und Alpen.
Eine Wiederholung des Ullrich-Triumphes in Form eines deutschen Gesamtsiegers wird es auch 20 Jahre danach nicht geben. Dessen ungeachtet hat sich die mondäne NRW-Landeshauptstadt einen Tag vor dem Auftakt in Schale geworfen. Einen Tag, bevor das Spektakel losgeht, hat es den Anschein, als sei diese Stadt nur mal eben so zu dem Zwecke erbaut worden, um die Frage zu beantworten, wie viele Hinweisschilder, Umleitungen, Sperrungen, Ab- und Zufahrten man auf möglichst kleinstem Raum eigentlich installieren kann. Düsseldorf einen Tag vor dem Tour-Start: Das ist der frühe Kollaps eines jeden Navigations-Gerätes.
Dem, auf den sich die Augen der meisten Besucher richten werden, sind die äußeren Bedingungen ziemlich gleichgültig. "Es gibt keine Ausreden beim Zeitfahren", sagt Tony Martin, der unbestrittene Meister im Duell mit dem Sekundenzeiger. "Die Bedingungen sind für alle gleich. Zeitfahren ist die ehrlichste Art des Radsports. Keiner hat Helfer, kann sich auf irgendjemand anderen verlassen, irgendjemandem als sich selbst die Schuld geben. Für mich ist das Zeitfahren die Königsdisziplin des Radfahrens." Wenn am Sonntag die erste richtige Etappe der Rundfahrt über 203,5 Kilometer von Düsseldorf über Mönchengladbach und Aachen nach Lüttich führt, wird unterwegs einer am Rand stehen und sich seine ganz eigenen Gedanken darüber machen, was sich da vor seinen Augen abspielt.
Man habe ihn eingeladen, weil er "als Person die Höhen und Tiefen des Profi-Radsports in den vergangenen 20 Jahren widerspiegele", ließ die Stadt Korschenbroich auf Nachfragen wissen, warum ausgerechnet sie Deutschlands einzigen Tour-Sieger Jan Ullrich am Sonntag eingeladen habe, die Etappe von dort aus zu verfolgen. Das, was Düsseldorf nicht geschafft hat, brachte das kleine Provinzstädtchen Korschenbroich auf die Reihe. Eine Brücke zu schlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Schuld und Sühne. Auch das ist irgendwie eine Königsdisziplin. Nicht nur eine des Radsports. Aber eine des Respekts im Umgang miteinander.