Leitwolf im Rostocker Rudel

Zwischen unbändigem Ehrgeiz, fanatischen Fans und der Familie: Zweitliga-Profi Sebastian Pelzer ist das, was der Fußballer-Slang gern mal "Kampfschwein" nennt. Nun will der frühere Eintrachtler mit dem abstiegsbedrohten Zweitligisten Hansa Rostock die Kurve kriegen. Der TV hat ihn beim seltenen Familienbesuch in Bekond getroffen.

Trier/Bekond. Später Vormittag im Gasthaus Pelzer in Bekond. Der TV-Reporter muss kurz warten. Sebastian stehe noch unter der Dusche, sagen die Eltern. Nach dem ausgiebigen Lauftraining gibt\'s mittags Krafttraining. Und dazwischen mal bolzen gehen mit der Familie. Letzteres schreibt der individuelle Trainingsplan nicht vor.
Söhnchen Gianluca wirbelt mit Ball am Fuß durch die Gaststätte. Wer die Vita des Vaters nicht mehr so ganz präsent hat, fragt den aufgeweckten Fünfjährigen am besten nach seinen Lieblingsclubs. Wenn man "Schalke und Bayern!" mal außen vor lässt, kommt als Antwort: "Hansa Rostock. Und Dresden." Kurze Pause. "Und Trier und Saarbrücken." Mit diesen Lieblingspärchen hätte man als erwachsener Fan sicher ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Aber Gianluca weiß eben, wo Papa überall seine Spuren hinterlassen hat.
Zehn Tage Heimaturlaub stehen für Pelzer und seine Familie an - dazu gehören seine Frau Kerstin und der sechs Monate alte Amon. Ein Jahr lang war "Pelle" nicht mehr in der Region. "Das ergibt sich einfach nicht", sagt er. Die zweite Liga macht längst einen weiten Bogen um Trier. Und viel weiter weg als Rostock? Das geht in Deutschland auch nicht. Der 31-Jährige würde gern eine Weile an der Ostsee bleiben. Er ist Kapitän auf der Hansa-Kogge. Sein Vertrag läuft bis 2013 - wenn der Club in der Liga bleibt. "Ich gehe davon aus", sagt Pelzer.
Negative Gedanken will er nicht zulassen. Kein schlechtes Wort gibt\'s auch über Trainer Peter Vollmann (ebenfalls früher bei Eintracht Trier), der im Dezember entlassen und inzwischen durch Wolfgang Wolf ersetzt wurde. Vollmann hatte Pelzer zum Kapitän gemacht. Er war auch der Mann hinter dem Aufstieg im Sommer. Wolf soll dafür sorgen, dass die defensiv meist stabilen, aber offensiv harmlosen Rostocker vom Abstiegsplatz wegkommen. Das wären sie jetzt schon, wenn es die Nachspielzeit im "Geisterspiel" nicht gegeben hätte, mit dem bitteren 2:2 im letzten Spiel des Jahres gegen Dresden.
Auch bei Dynamo war Pelzer Kapitän. Das alte Ostduell ging wegen Ausschreitungen von Rostocker Fans im Spiel gegen St. Pauli ohne Zuschauer über die Bühne. "Das war seltsam, wenn du statt 30 000 Zuschauern totale Stille hast. Es hat sich angefühlt wie ein Testspiel. Aber solche Gedanken darf man gar nicht erst zulassen. Auch wenn niemand zuschaut, muss der Rasen brennen", sagt er.
Mit fanatischen Anhängern kennt sich Pelzer aus. Er selbst geriet kaum einmal in die Schusslinie - denn zu wenig Leidenschaft oder mangelnden Einsatz konnte man dem Außenverteidiger nie vorwerfen. "Als Spieler sollte man sich aus den Diskussionen heraushalten", sagt Pelzer. Persönlich habe er kein Problem mit Kritik - nur wenn sich etwas gegen seine Familie richtet, "das würde ich nie zulassen". Das sei aber auch noch nie vorgekommen. Dabei hatte Pelzer in Dresden Szenen erlebt, die nachdenklich machen konnten. Als etwa nach einer Dynamo-Niederlage über Nacht elf Gräber auf dem Stadion-Nebenplatz ausgehoben wurden, im 4-4-2-System. Auf manchen standen Spielernamen. Beim Auslaufen hatten die Dynamo-Spieler auch mal "Besuch" von 50 vermummten Fans.
Aber das ist für Sebastian Pelzer längst kein Thema mehr. Er schaut nach vorn. Nach Silvester geht es über Rostock ins Trainingslager in Andalusien. Unter Wolf soll dann mit offensivem Spiel der Klassenerhalt gelingen.
Extra

Sebastian Pelzer: Der 31-jährige Linksverteidiger ist mit über 250 Pflichtspielen in der zweiten und dritten Liga der erfahrenste aktive Fußballprofi aus der Region. Vom Heimatclub SV Bekond führte es den gebürtigen Trierer u. a. über Salmrohr und Kaiserslautern ins englische Blackburn. Die ersten 45 seiner bisher 122 Zweitliga-Spiele machte Pelzer für Eintracht Trier (Januar 2004 - 2005). Als Kapitän von Hansa Rostock stieg er 2011 in die zweite Liga auf. Pelzer lebt mit seiner Frau Kerstin und den Söhnen Gianluca und Amon in einem Haus bei Rostock. AF

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